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Wettlesen am Wörthersee: Wir bloggen zum Bachmannpreis

09. Jul. 2017
von Andrea Diener
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Das Lieblingstier heißt Rehragout

© Johannes Puch/ORFDer Bachmann-Preisträger Ferdinand Schmalz liest.

Wo ist denn das raisonnierende Ich geblieben? könnte eine der Fragen lauten, die man sich in diesem Jahr stellt. Oder: Wo sind die Nazi-Opas hin?  Oder: Ist die Prosalyrik wirklich so tot? Einige beliebte Formate der letzten Jahre fehlten beim 41. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, und man vermisste sie zugegebenermaßen nicht sonderlich. Stattdessen wurde eine ganze Menge dessen aufgeboten, was immer gerne mit der schönen Vokabel „Welthaltigkeit“ belegt wird, weil es um das unakademische, nicht selten prekäre Leben geht, das Autoren wie Jury gern aus den Schreibstuben heraus bestaunen. Dazu passt, dass Franzobel in seiner Klagenfurter Rede am Eröffnungsabend den Kampf gegen das Kapital an sich einforderte und selige Papiernostalgie ventilierte. Kurz zusammengefasst: Wenn alles erst einmal virtuell und anklickbar ist, seien unsere korrumpierten Hirne verloren, deshalb gehe man besser auf die Straße und protestiere gegen die Großkonzerne und die Weltordnung. Der aber, denkt man sich als Zuhörer, kommt man wohl am allerwenigsten mit solchen Gemeinplatzreden bei, aber immerhin brennt danach nichts.

Der Aufforderung hätte es ohnehin nicht bedarft, denn viele Autoren des diesjährigen Wettbewerbs wenden sich ganz freiwillig den unpoetischen Seiten des Lebens zu: Bofrostmänner, Niedriglohn-Putzkräfte, Flüchtlinge sowie sämtliche Verwaltungsakte, die nötig werden, wenn Menschen oder Klaviere Landesgrenzen überqueren. Wobei die Aneignung und Umwandlung in Literatur mal mehr, mal weniger gut glückt. Denn wenn keine Sprache da ist, nichts dem Autoren Eigenes, das er der Welt angedeihen lässt, dann bleibt der ungute Verdacht eines ungehörigen Übergriffs, einer Indienstnahme für die Kunst.

Der Österreicher Ferdinand Schmalz ist Theatergängern schon als Stückeautor bekannt. In seinem Text „Mein Lieblingstier heißt Winter“ lässt er  – auf Einladung von Sandra Kegel, Literaturredakteurin dieser Zeitung – einen Eismann (in Deutschland würde man wohl Bofrostmann sagen) auf einen lebensmüden Herrn Doktor treffen, der große inszenatorische Pläne für ein baldiges Ableben hegt und seinem regelmäßigen Lieferanten tiefgekühlten Rehragouts mitsamt Lieferwagen dabei zwecks Einhaltung der Kühlkette eine entscheidende Rolle zuweist. Der Eismann hingegen mag nicht mitspielen, den Herrn Doktor steifgefroren durch die Gegend zu kutschieren und an seinem gewünschten Aufbahrungsort wieder auszuladen, was dann aber auch gar nicht nötig wird. Ach, diese Österreicher, immer Tod, immer irgendwas Skurriles, und dann dieser Bernhard-Suada-Sound! mag man einwenden, aber dem Autor Schmalz gelingt das Kunststück, aus all den vermeintlichen Abgeschmacktheiten etwas gänzlich Neues zu schöpfen, was das Publikum vor Ort ebenso mitreißt wie die Jury. Dass er einen der Preise bekommen würde, war von Anfang an klar. Schließlich reichte es gar für den mit 25.000 Euro dotierten Bachmann-Preis.

© Johannes Puch/ORFJohn Wray liest.

Am ersten Lesetag stach der exzellente Möbiusbandtext von John Wray  – ebenfalls auf Einladung von Sandra Kegel – aus dem Rest heraus wie das Kirchtürmlein aus dem Reschensee. An diesem „Madrigal“ gab es so wenig auszusetzen, dass die Jury etwas planlos in die eine („zu messy“, Hildegard Keller) oder die andere Richtung („zu virtuos“, Maike Feßmann) krittelte, aber schließlich einsehen musste, es mit einem äußerst gefinkelten Stück Literatur zu tun zu haben, wie der Österreicher so schön sagt. Nichts an diesem Text ist mühsam, obwohl dreieinhalb Realitätsebenen aneinandergeschachtelt werden, um den verdutzten Leser schließlich wieder am Ausgangspunkt auszuspucken. Wray hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, zuletzt das Siebenhundert-Seiten-Kaliber „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“, erschienen bei Rowohlt, und ist damit alles andere als ein Anfänger. Von Beginn an war er ein großer Favorit des Wettbewerbs. Er bekam den neu gestifteten, mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis verliehen.

Der Rest des Donnerstags war im besten Fall hübsch geklöppelte Untergangsstimmung wie in Karin Peschkas Hundeapokalypse, in der gleich ganz Wien dem Boden gleichgemacht werden muss, damit ein Kleinkind unter Hunden aufwachsen und sich seine kleine Welt irgendwo zwischen Pipikaka und Gartenteich erobern kann. Als sie als Preisträgerin des Publikumspreises verkündet wurde, ging ein ratloses Raunen durch das Publikum: Mit vielem hätte man gerechnet, aber nicht mit diesem „Wiener Kindl“, so die Überschrift.

© Johannes Puch/ORFKarin Peschka liest.

Im schlimmsten Fall aber kommt ein Text als kolportagehaftes Phrasengewitter von lokalzeitungshafter Launigkeit wie in Daniel Goetschs Romanauszug, sodass man schon befürchtete, im nächsten Moment werde irgendwo ein Tanzbein geschwungen oder für ein leibliches Wohl gesorgt. Das kann man auch nicht mit der Handlung im Nachkriegs-Wiesbaden erklären, von Frankfurtern gern liebevoll als „Spießbaden“ bezeichnet. Denn wie man die vermeintliche Idylle von Vor- und Kleinstadtgegenden sprachlich gekonnt aufbricht, das zeigte sich gleich am nächsten Morgen mit dem Text von Ferdinand Schmalz.

Der Tag geht – neutral formuliert –interessant weiter, nämlich mit zwei völlig gegensätzlichen Texten, beide eingeladen von Juror Klaus Kastberger. Die Belgraderin Barbi Markovic lässt in ihrem Text „Die Mieter“ eine ganze Familie in einer diabolischen Wohnung sterben, einen voyeuristischen Vermieter eins mit seiner Immobilie werden und zwei Schwestern mit ihren sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen aufeinander los. Das ist in vielen Details gut gelungen, aber doch vergleichsweise roh. Ein Text, der sehr laut nach Politur und einem guten Lektor ruft, um glänzen zu können. Wenig interessiert scheint die Jury hier an der Frage, wofür diese Parabel, die sie darin ausmacht, eigentlich steht. Auch Jackie Thomaes „Cleanster“ – sprachlich arg konventionell, aber voller interessanter Ansätze – bietet offenbar zu wenige Interpretationssteilvorlagen. Dafür wieder viel Weltliches, nämlich einen Migranten im Niedriglohnsektor, der an seinem Auftrag, eine Dreizimmerwohnung zu reinigen, scheitert. Die Verzweiflung, die Machtlosigkeit desjenigen, der erkennt, wie viel ihn von der Gesellschaft trennt, in der er eigentlich lebt, und die gönnerhafte Herablassung der Auftraggeberin hätten, mit ein wenig Verdichtung, zu einem großartigen Text werden können, denn er ist, jetzt nun Jurorin Hildegard Keller: „welthaltig“.

Lieber macht man sich ans Metapherndeuteln, das hat man ja schließlich gelernt. Verena Dürrs „Memorabilia“ liest sich zunächst wie eine Aneinanderreihung von Wikipediaeinträgen. Man muss ein wenig googeln, um herauszufinden, dass genau das das Prinzip ist – ob die sachlichen Fehler nun einfach Fehler sind oder gewollte Anschrägungen, erschließt sich nicht. Konzeptkunst ist das, ein „Turngerät für hermeneutische Muskeln“, wie Jurorin Hildegard Keller bescheinigt, an dem sich die Jury gleich mit Begeisterung zu schaffen macht. Einige der Juroren hegen gar einen leisen Satireverdacht. Zumindest ist es der Text, der im Garten des ORF-Landesstudios Kärnten für die meisten fragenden Blicke sorgt – und kurz darauf für Aufatmen, wenn es der andere auch nicht verstanden hat. Allzuoft treffen mittelmäßige Texte in der Jury auf begeisterte Interpretatoren, platteste Symboltiere werden mit Begeisterung in Mythen-, Literatur- und Kirchengeschichte verortet und der Bachmann-Nostalgiker erwischt sich bei dem Gedanken, dass eine Daniela Strigl dem Spiel jetzt gut tun würde. Doch die österreichische Literaturwissenschaftlerin, bekannt für ihre nüchternen, treffenden Urteile, gehört der Jury seit dem Jahr 2014 nicht mehr an.  Und die kurz aufgeflammte Begeisterung der Jury zeitigt auch keine greifbaren Folgen: Verena Dürrs Text schafft es nicht einmal auf die Shortlist.

Überhaupt wird in diesem Jahr viel gegoogelt. In Zeiten, in denen das Wissen der Welt – etwa über abseitige minimalistische Musikstücke und subaride Klimazonen – leicht abzurufen ist, ist textimmanente Rezeption anscheinend sehr Nullerjahre. Gelesen wird bitteschön mit Second Screen in der Hand, sonst entgeht einem die Hälfte, und dieser Peinlichkeit will man sich ja nicht aussetzen als Leser. Also ruhig rein mit dem Fachvokabular in den Text, irgendjemand wird’s schon wieder rausholen.

Einhellig dagegen ist die Ablehnung des wortreichen Textes „In der Steppe“ von Jörg-Uwe Albig, in dem sich ein Mann in eine Kirche verliebt. Ist das nun furchtbar aufgeblasen? Oder können wir heute wirklich keine großen Liebesgeschichten mehr ertragen, wie Jurorin Meike Feßmann mutmaßt? Ähnlich ratlos steht Jury wie Publikum vor Urs Mannharts „Ein Bier im Banja“, einer Geschichte aus der zentralasiatischen Steppe. Darin wird von einem Mann in einem teilnomadischen Dorfzusammenhang ein Wolf gejagt, unübersichtliche Familienverhältnisse erschweren das Ganze. Man lese bitte Galsan Tschinag, frage sich kurz, ob man wirklich so schreiben kann, ohne auch nur einen Moment sein westliches Päckchen zu reflektieren, das man ja durch die Welt schleppt, und vergesse das Ganze.

© Johannes Puch/ORFEckhart Nickel liest.

Wie man mit minutiösen Beschreibungen, die sich viel Zeit lassen und ihren Gegenstand lange umkreisen, keine Ödnis, sondern Spannung erzeugt, zeigte Eckhart Nickel, die Überraschung des Samstags, eingeladen von Michael Wiederstein, dem Neuzugang in der Jury. Diese „Hysteria“ kommt auf leisen Sohlen, nähert sich über den Umweg eines Biomarktes mit dem schönen ersten Satz „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht“ und klärt das Fruchtmysterium später im Gartenkombinat „Sommerfrische“. Dass in diesem Retro-Bio-Paradies etwas vor sich hinfault, ist bald klar – und das ist mehr als eine müde Gesellschaftskritik des einschlägigen Bionade-Biedermeier-Biotops. Nickel seziert die Welt durch den Blick seines Protagonisten Bergmann aufs Akribischste, und das Ergebnis ist oft ausgesprochen unangenehm bis gammlig. Der Autor, der zum popkulturellen Quintett „Tristesse Royale“ gehörte, mit Christian Kracht die Zeitschrift „Der Freund“ herausgab und seitdem lange nichts von sich hören ließ, bekam den Kelag-Preis für seine sehr deutsche Dystopie.

Gianna Molinari und Maxi Obexer verheben sich danach noch am Flüchtlingsthema. Molinari dokumentiert in „Loses Mappe“ einen realen Fall so akribisch, dass man befürchtet, sie misstraue ihrem Texthandwerk zutiefst. Das hat den unangenehmen Effekt, wie Juror Klaus Kastberger bemerkt, dass ausgerechnet die eingestreuten Sachtexte und Fotodokumente am meisten berühren – also all das, was nicht Text ist. Für den 3Sat-Preis reichte es dennoch, sie setzte sich knapp gegen Jackie Thomae durch. In Maxi Obexers „Europas längster Sommer“ ist das Ganze leider nicht mehr als die Summe seine Teile. Die Einbürgerung einer Südtirolerin, die ihr Coming-out erlebt und in einem Zug zusammen mit Flüchtlingen gen Norden fährt, fällt vor lauter Themenüberfrachtung auseinander und wird auch sprachlich nicht zusammengehalten. Es funktioniert eben nicht immer mit der lieben Welthaltigkeit.

© Johannes Puch/ORFGianna Molinari liest.

09. Jul. 2017
von Andrea Diener
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08. Jul. 2017
von Jan Wiele
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Da geschah ihm die Himbeere

© Gert Eggenberger/APA/dpaEckhart Nickel während der Eröffnung der „41. Tage der deutschsprachigen Literatur“ am Mittwoch

Wenn in einem heute verfassten literarischen Text Wörter wie „Eisenbahnfahrt“, „Sommerfrische“, „Flaumhaar“ und „Stallbursche“ vorkommen, gehen bei Kritikern schnell die Warnlampen an. Kann man denn noch so erzählen?, fragen sie dann. Der Vorwurf der Kolportage ist nie weit, und allzu leicht wird mit dem Stil auch schon der ganze Text oder sogar sein Erzähler abgefertigt, ohne dass nach der Funktion gefragt wird.

Dass das an diesem letzten Lesetag in Klagefurt mit Eckhart Nickel nicht passiert ist, war ein Glück und spricht für die Jury. Denn sie hat sich auf den stilistisch exquisiten, zudem aber auch mit Anspielungen und literarischen Verweisen überreich ausgestatteten Text des 1966 in Frankfurt geborenen Autors eingelassen und ihm allerhand Interessantes abgewonnen.

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08. Jul. 2017
von Jan Wiele
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07. Jul. 2017
von Jan Wiele

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Möbelmusik in der Tiefkühltruhe

© ORF/Puch JohannesIhr allzu simpel gestrickter Realitäts-Text wurde von der Jury ziemlich einmütig als solcher abgeheftet: Jackie Thomae liest in Klagenfurt.

Ein durchschnittlicher Tag beim Bachmannpreis ist schon ein ziemlicher Mindfuck. An diesem Freitag ist man mit einem Tiefkühllieferanten in einen österreichischen Horrorkeller gestiegen, in dem sich ein Krebskranker auf gefrorenem Rehragout zur letzten Ruhe betten will, schaute in eine andere Wohnung, die offenbar mit animistischer Kraft ihre Bewohner getötet hat, stieg in ein Zollfreilager, in dem eines der beiden Klaviere aus dem Film „Casablanca“ von seelenlosen Kunstsammlern weggesperrt wird (eine Welt, in welcher der Song „As Time Goes By“ nicht an Liebe erinnere, sondern nur die Hoffnung auf Wertsteigerung des Sammlerobjekts ausdrücke, wie Jurypräsident Hubert Winkels bemerkte), und hörte schließlich in der Geschichte eines an Objektophilie leidenden Paläontologen, der sich, ja, wirklich, in eine Kapelle verliebt hat, den folgenden Satz: „Nicht einmal Atem erschütterte den kalzitisierten Chitinpanzer  seiner Muskulatur.“

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07. Jul. 2017
von Jan Wiele

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06. Jul. 2017
von Jan Wiele

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Welches Jahr haben wir nochmal?

© Gert Eggenberger/APA/dpaFestredner Franzobel am Mittwochabend im ORF-Landesstudio Kärnten

Beim Bachmannpreis kratzt man sich ja manchmal am Kopf: Welches Jahr haben wir noch einmal? So, wie die Farben der Umhängetaschen des Wettbewerbs wiederkehren – dieses Mal ist wieder Weiß dran –, kommen auch die Themen zurück. In der „Klagenfurter Rede zur Literatur“ des Schriftstellers Franzobel nun: der Untergang des Buches, oder genauer die Vision, dass es in einigen Jahren „nur noch E-Books mit virtuellen Protagonisten“ geben wird, „Avatare, die einem gleich die ganze Handlung vorspielen“, dass der Schriftsteller ersetzt wird durch den „homo autorencollectivus“, ja, „mit einem Mausklick wird jeder zu einem Schöpfer“.

Da schluckt man schon und denkt: Im Ernst jetzt? Lebt Franzobel womöglich noch im Jahr 1995, in dem er in Klagenfurt selbst den Hauptpreis gewann – zumal er später auch die „VerRTLisierung“ der Kultur fürchtet? Auch was er sonst noch so zusammenrührt, wirkt merkwürdig abgestanden und allzu allgemein: Invektiven gegen „schamlose Großkonzerne“, vage Mahnungen an die verkommene Wohlstandsgesellschaft, der „hungernde Kinder“ gegenüberstehen, dann die einfach mal hingeworfene Feststellung, die Literatur sei unpolitisch geworden.

Franzobels Fazit, Literatur sei Kampf für ein unkonventionelles Denken, klingt da am Schluss dieser Rede aus Platitüden schon beinahe wie ein Witz. Am ersten Lesetag im ersten Text (gelesen von der österreichischen Schriftstellerin Karin Peschka) dann gleich das nächste Deja-vu: Eine Geschichte von einem Kindlein unter Hunden, welche die Jury an das „Dschungelbuch“ erinnert – ja, das gab es doch 2012 bei Cornelia Travnicek, als die damalige Jurorin Daniela Strigl beiläufig verriet, dass sie einst einen Dackel namens Mogli hatte?

Aber der erste Schrecken legte sich, und es wurde dann doch noch ein Tag mit teils erfreulichen literarischen Texten, vor allem aber einer Jury, die sich von alten Unkenrufen unbeeindruckt zeigte und gleich zu hoher Form auflief: Allein die Diskussionen über den metafiktional verschachtelten Text „Madrigal“ des österreichisch-amerikanischen Schriftstellers John Wray, ein Stück mit witzigen, teils mehrsprachigen Dialogen, in dem die Jurorin Meike Fessmann mit „Paranoia, Psychedelik und Psychopharmaka“ alle großen Themen der amerikanischen Literatur versammelt sah, oder über die popliterarische Apokalypse der aus München stammenden Noemi Schneider mit dem Titel „Fifty Shades of Gray“, in dem zwei dekadente Freundinnen vor dem Untergang des Abendlandes nach Marokko fliehen, waren so amüsant wie scharf und zeigten, dass es sich, allen Unkenrufen zum Trotz, noch immer lohnt, bei der Klagenfurter Literaturdebatte einzuschalten.

06. Jul. 2017
von Jan Wiele

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05. Jul. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton

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Wettlesen um den Bachmannpreis

© ORF/Puch JohannesIn der Sandkiste des Literaturbetriebs: Stillleben im Theatergarten des ORF-Landesstudios Kärnten, in dem das Wettlesen ausgerichtet wird.

Im österreichischen Klagenfurt beginnen an diesem Mittwoch die Tage der deutschsprachigen Literatur. Bis Samstag werden vierzehn Autorinnen und Autoren zum Wettlesen erwartet. Das Festival gilt wahlweise als ein wichtiges Forum der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur oder schönster Betriebsausflug in der Welt der Bücher. Jan Wiele, Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen, wird das Festival hier im Literaturblog begleiten, Andrea Diener resümieren.

05. Jul. 2017
von F.A.Z. - Feuilleton

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24. Okt. 2016
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Die Messe ist gelesen

Vorbei, bye-bye.© Julia BährVorbei, bye-bye.

Nach der Messe ist vor der Messe, aber bis dahin muss sich erst mal einiges setzen: all die Eindrücke und vor allem wir selbst, weil die Füße sich nach dieser Woche anfühlen, als habe jemand kleine Igel darunter geschnallt. Zeit für einen Rückblick, im Sitzen oder Liegen zu genießen:

Die Eröffnungsrede von Juergen Boos wurde vorab diesem Blog zugespielt, mit allen geheimen Notizen. Im Nachhinein erwies sich das als hilfreich, denn Boos war zu erkältet, um sie selbst zu halten, da wäre einiges an Subtext verloren gegangen. Und wo wir schon bei Scoops sind: Wir haben auch herausgefunden, wie es zur Entscheidung des Gutenberg-Museums kam, einen 3D-Drucker auf der Messe viele kleine Gutenbergs drucken zu lassen.

Dass eine Zukunft als Literat vielleicht doch nicht unerreichbar ist, merkten wir bei der Erstellung des Quiz „Ausgedacht oder Herbstprogramm“ – einige unserer ausgedachten Titel und Plots reichen wir jetzt mal bei Verlagen ein, Sie werden dann beim nächsten Literaturnobelpreis von uns hören! Wir gehen auch ans Telefon, wenn das Komitee anruft, versprochen. Außerdem bekamen wir zehn hilfreiche Tipps für den Weg zum Autorenruhm, die wir sofort umsetzten. Kompromisslos, willfährig, karrieregeil.

Aber woher soll man nach dieser Messe überhaupt noch die Energie zum Schreiben nehmen? Der Motivationstrainer Markus Jotzo beglückte uns mit vielen Ideen, vielleicht ist da auch für Sie was dabei. Und wenn alle Stricke reißen, können wir das Schreiben immer noch einem Computer überlassen – die machen ja jetzt auch schon Politik, da sollte so ein kleiner Bestseller ein Kinderspiel sein.

Die Motive liegen übrigens auch auf der Hand nach dieser Woche: irgendwas Wahn- und Rauschhaftes! Zum Beispiel darüber, wie man eine Brille aufgesetzt bekommt und im nächsten Augenblick einen Pianisten vor fliegenden Flaschen beschützen muss. Oder darüber, wie man einfach nur durch einen Gang gehen will und dann Ewigkeiten eingekeilt ist zwischen Hockney-Fans, die ihn alle weder sehen noch verstehen können, sondern ihn nur irgendwo auf der Bühne da vorne vermuten. Gegen diese kafkaesken Erlebnisse muten unsere Nächte auf den Messepartys, sorgfältig erfasst mit einem speziellen Formular, geradezu hyperrealistisch an. Weil Linsensuppe nun mal erdet, egal was für ein crazy upcoming Literaturnobelpreisträger man ist.

Also, Füße hoch, die nächste Messe kommt bestimmt. Wir sehen uns hoffentlich nächstes Jahr wieder. Selbe Zeit, selber Ort!

Es grüßt:

Ihr F.A.Z.-Buchmesseteam

24. Okt. 2016
von F.A.Z. - Feuilleton

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23. Okt. 2016
von Fridtjof Küchemann
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Die feinen Unterschiede: Frankreich als nächster Ehrengast der Buchmesse

Wir wissen schon: Man soll ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen und einen Ehrengast nicht danach, was auf der ersten Präsentation der Planungen ein Jahr zuvor kundgetan wird. Und doch machen wir uns Sorgen. Sorgen, zur kommenden Buchmesse könnte auf dem Frankfurter Messegelände ein derart dimensionierter Gastlandauftritt angeschwemmt werden, dass er dort vor aller Augen gleich einem Wal an seinem eigenen Gewicht erstickt.

Wem fiele ein Land ein, das seinen Auftritt mit einem Maß an Pathos und Geltungsbewusstsein planen würde wie Frankreich, „das Land der Kunst und Kultur“, wie Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann bei seinen Grußworten so trefflich sagte? In den Saal „Harmonie“, den größten des Kongresszentrums an der Messe, hatte Frankreich geladen, der Premierminister war da, hatte die Kulturministerin allein zum Zuhören mitgebracht und einen Herrn in eindrucksvoller Uniform, eigens dafür abgestellt, um nach der Rede des Regierungschefs dessen Manuskript vom Rednerpult zu pflücken. Weil der Saal so groß ist, waren die Seitenbereiche abgesperrt, die mittleren Plätze vor der Bühne waren mit Blättern mit dem Ausdruck „Reserviert“ belegt, so weit das Auge reicht. Frankreich ist nicht nur das Land der Kunst und Kultur, sondern auch das der bürokratischen Sorgfalt.

Nein, nein, wurde den verwunderten Gästen bedeutet, die ihr Kommen bestätigt hatten und nun nicht wussten, wohin sie sich setzen sollten: Genau für sie seien die Plätze reserviert. Doch wer sich allerdings in die ersten beiden Reihen setzen wollte, hatte außer Acht gelassen, dass Frankreich nicht nur das Land der Kunst, Kultur und Bürokratie ist, sondern auch das der feinen Unterschiede. Hier lagen Blätter mit dem Aufdruck „Reserviert“, den anderen weiter hinten zum Verwechseln ähnlich. Nein, nein, wurde den verwunderten Gästen bedeutet: Diese Plätze seien vorgesehen für die französische Delegation und ihre Gastgeber.

Es folgten Sätze voller gravité und ambition, communauté und importance. Während man sich nebenan beim Ehrengast dieses Jahres auf Wunsch ein Gedicht über die See ins Ohr flüstern lassen konnte, was wir jetzt schon vermissen. Zum Glück ist Frankreich nicht nur das Land der Kunst, Kultur, Bürokratie und feinen Unterschiede, sondern auch von Charme, Verve und Légèrté. Ein Land zudem voller Schriftsteller und Künstler, die ihren eigenen Willen haben, ihren eigenen Kopf und ihre eigene Widerborstigkeit, und unter den „Hunderten“, mit denen Frankreich die Messe, die Stadt und das Land plangemäß im kommenden Jahr überziehen will, werden wohl auch ein paar von denen zu finden sein. Darauf ruht unsere Hoffnung. Immerhin ist Frankreich auch das Land der Subversion.

Oktober 2015: Die Republikanische Garde nimmt vor einem Staatsbesuch im Pariser Rathaus Aufstellung.© picture alliance / AP ImagesOktober 2015: Die Republikanische Garde nimmt vor einem Staatsbesuch im Pariser Rathaus Aufstellung.

23. Okt. 2016
von Fridtjof Küchemann
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23. Okt. 2016
von Andrea Diener

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Die Lieblingstweets der Redaktion

Das war sie, die #fbm16, wie der Kenner sagt. Das Schöne an den vielen anderen Menschen auf der Messe ist, dass sie auch Twitteraccounts haben und uns an ihrer Messe teilhaben lassen. Was würde man sonst nicht alles verpassen!

23. Okt. 2016
von Andrea Diener

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23. Okt. 2016
von Felix-Emeric Tota
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Was DJ Bobo mit John Lennon verbindet

In den Neunzigern: There's a party. Heute: There's an Autobiographie.© Felix-Emeric TotaIn den Neunzigern: There’s a party. Heute: There’s an Autobiographie.

DJ Bobo, dieser Grenzgänger zwischen Wahnsinn und Normalität, dieser Gratwanderer zwischen der großen Welt und der kleinen Schweiz, hat eine Autobiographie geschrieben, die er morgens am Buchmessensamstag vorstellte.

Schaut man durch die dichten Reihen des Publikums, sieht man: seine Fans sind zum großen Teil immer noch die selben. Sie sind mit ihm gewachsen, ja, erwachsen geworden –  und bei manchen Herren im Publikum ist sogar das Gesicht gewachsen. Das sieht man an so mancher gedehnten Haupthaarsituation. Tempus fugit.

Als im Bühnengespräch das Thema des mitgereiften Publikums auftaucht, stellt Herr Bobo heraus, dass er fände, sein Publikum sei über die Jahre respektvoller geworden. Dafür erntet er sofortigen, höflichen Applaus. Nicht zu stürmisch. Aber entschieden freundlich. Ist ja kein Popkonzert.

img_6441„Herr Bobo, wie -“ „Nennen Sie mich doch bitte beim Vornamen“ „Okay. DJ, wie ist es eigentlich -„

„Popstar – Der ganz normale Wahnsinn“ heißt das Papier-Brikett, das die Herzen der Fans erwärmen wird. Denn trotz allen Wahnsinns ist der ehemalige Posterboy ein sympathisch-bodenständiger Bühnenmensch. Die Autobiographie listet nicht nur die messbaren Erfolge in Form von Chartplatzierungen und goldenen Schallplatten auf, sondern beleuchtet auch Herrn Bobo von seiner privaten Seite. Es stellt sich also die permanente Frage: Wer ist DJ Bobo, wer ist dieser René Baumann? Der zweifache Familienvater gibt preis, dass er einmal die Woche Fußball spielt. Dass Musik für ihn völkerverständigend ist. Und, dass er – nach eigenen Angaben – noch nie in seinem Leben betrunken gewesen sei. „Wenn ich Kollegen gesehen habe, die nach Konzerten zugedröhnt und dummes Zeug labernd in der Ecke lagen, hat mich das eher abgeturnt. Ich finde das menschenunwürdig, und ich mag keinen Kontrollverlust“, sagt  er. Und wird sofort von der „dpa“ zitiert, die aus seinen menschenfreundlichen Ansichten eine Meldung gemacht hat.

Ja, ich wiederhole: DJ Bobo sei noch nie betrunken gewesen ist allen ernstes eine „dpa“-Meldung geworden.

Wiederkehrend wird das Gespräch so oft darauf gelenkt, dass Bobo so bodenständig sei,  dass ich kurz davor bin, das Wort „boboständig“ einzuführen. Er sei ziemlich geerdet durch die Familie und alles andere. Zum Ende einer Tour glaube er schon, dass er über Wasser gehen kann, sagt er. Am nächsten Montag stehe er aber dennoch morgens in der Küche und schmiere seinen Kindern das Pausenbrot.

Während des Gesprächs auf der Bühne gibt Bobo sagenhaft zitierbare Sätze von sich, die ich gerne hier stehen lassen möchte. Vollkommen aus dem Kontext gerissen. Weil sie für sich allein sprechen können.

„Die Natur ist so viel stärker als wir.“

„Für die nächste Tour haben wir eine Zeitmaschine erfunden.“

„Ich habe die Regler runter gezogen und ’say ho‘ und ’say hey‘ gesagt, und das haben die Leute dann auch gesagt.“

Mit Schweizer Präzision erzählt er die Geschichte, was ihn und Julian Lennon, den Sohn John Lennons, verbindet. Das Narrativ geht ungefähr so:

Im vorherigen Jahrtausend, zu einer Zeit, als die modischen Geschmacksnerven der Gesellschaft vollkommen betäubt waren, trug DJ Bobo die Haare: offen. Und die runde Brille: „bescheuert“. Das war auch seine Garderobe auf einer Preisverleihung, hinter dem großen Teich. Bobo wusste, dass Julian Lennon auch  zugegen sei. Als er an ein paar Journalisten und Fotografen vorbei lief, hörte er Rufe wie „Julian! Hey, Julian!“, darauf drehte sich Bobo um, denn er wollte auch Julian Lennon begegnen, ihn zumindest sehen. Als er auf Höhe der Fotografen war, ging das Blitzlicht los. Und so trug es sich zu, dass Bobo am nächsten Tag in einigen amerikanischen Tageszeitungen als Sohn John Lennons sein Gesicht zeigte. So etwas können nicht viele von sich behaupten. Das Buchmessenpublikum klatschte sich auf die Schenkel und die Schultern.

23. Okt. 2016
von Felix-Emeric Tota
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23. Okt. 2016
von F.A.Z. - Feuilleton

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Die Schwierigkeit der Muttersprache

Coran - A

„Ägypten schreibt, der Libanon druckt, der Irak liest“. Dieser Satz beschrieb die Lage für Meinungsfreiheit und Veröffentlichungsfreiheit in den arabischen Ländern lange treffend. Junge Menschen im arabischen Raum hält das aber nicht immer davon ab, ihre Gedanken mit der Welt zu teilen. Zwei von ihnen konnte man auf der Buchmesse begegnen.

Beirut Short Stories  richtet sich an junge Literaten unterschiedlicher Herkunft, die im Libanon leben und in Arabisch schreiben. Die Teilnehmenden haben im Rahmen der Schreibwerkstatt mit dem irakischen Schriftsteller Hussain al-Mozany Kurzgeschichten entwickelt und gemeinsam diskutiert. Im Workshop stellte  al-Mozany  den Teilnehmenden zunächst nur Fragen. „Was bedeutet ‚Roman‘? Wo fängt er an und wo endet er? Und was ist überhaupt ein Text?“

Eine Fachjury in Beirut zeichnete die zehn besten entstandenen Geschichten aus.  Bei  einer Podiumsdiskussion auf der Buchmesse erzählten zwei Finalisten der Beirut Short Stories, warum sie schreiben und wie es  nach der Auszeichnung ihrer Kurzgeschichten für sie weitergeht.

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Rola el Hussein schreibt eigentlich Lyrik. Sie war als Teilnehmerin bei der Schreibwerkstatt in Beirut und wurde ausgewählt, um ihre Texte in Deutschland zu präsentieren.  In ihrer Kurzgeschichte geht es um eine junge Frau, die aus ihrer Isolation auszubrechen versucht. El Hussein beschreibt ihre namenlose Protagonistin als komplexe Figur, die von der Idee besessen ist, sich durch den Kauf eines ganz bestimmten Kleides retten und aus der Isolation befreien zu können. Und wirklich, es gelingt ihr. Allerdings erst mit sechs Exemplaren des Objekts ihrer Schaufenster-Begierde.

Ayham Kazoun beschäftigte sich in der Schreibwerkstatt mit der zerfallenden libanesischen Gesellschaft. Sein Protagonist Jaber wird von einem Offizier aus einem Traum gerissen und von der Armee eingezogen. Statt von „Krieg“ zu sprechen, überlässt Kazoun die genaue Definition dem Leser und beschreibt es als Tragödie. Im Libanon, aber auch in Syrien ist es nicht ungewöhnlich, Bürgerkriege als „Ereignisse“ darzustellen. Kazoun sagt, dass er zwar durch die Schreibwerkstatt nicht sofort ein „professioneller Literat“ geworden sei, aber gelernt habe, Lesern „Teile seiner Gedankenwelt“ zu zeigen.

Die Themenwahl für die Schreibwerkstatt war freigestellt, man sollte sich aber an die Gattung Kurzgeschichte halten und in Arabisch schreiben. In der Muttersprache zu schreiben klingt eher nach Selbstverständlichkeit als nach Herausforderung. Doch Hussain al-Mozany klärt das Missverständnis direkt auf: „Wir Araber sprechen nie Hocharabisch, sondern immer umgangssprachlich. Für Autoren kommt also noch die Aufgabe des Transformierens dazu.“ Das sei schwierig, weil die Realität eigentlich umgangssprachlich aufgenommen werde. „Umgangssprache ist lebendig,  und Hocharabisch verfälscht die Realitäten.“

Lena Skrotzki

23. Okt. 2016
von F.A.Z. - Feuilleton

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22. Okt. 2016
von Julia Bähr
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Wir wollen 1901 zurück!

Rechtschreibfehler in CSU-Papier

Erinnern Sie sich noch an die Rechtschreibreform? Zwanzig Jahre ist das jetzt her, aber der pensionierte Deutschlehrer Friedrich Denk erinnert sich ausgesprochen gut, und mit ihm sieben andere Männer, die sich auf der Buchmesse so richtig darüber erbosten. Man sollte meinen, mittlerweile wären alle über die Reform hinweg oder hätten zumindest einen Weg gefunden, mit ihr umzugehen. Zum Beispiel, wenn es nun mal gar nicht anders geht, Ignoranz. Doch weit gefehlt.

Man müsse „zur bewährten Rechtschreibung von 1901 zurückkehren“, forderte Denk vehement, rückte die Reform in die Nähe einer Diktatur, ließ öffentlich abstimmen und machte so dermaßen Stimmung, dass man froh sein kann, dass er sich kein heikleres Thema auf die Fahnen geschrieben hat. „Es war eine Frechheit zu sagen: ‚Wenn du so schreibst wie Thomas Mann, kriegst du es als Fehler angestrichen!‘“, empört er sich. Ja, das ist wirklich schlimm, und da haben wir über Paul Fleming (Nirgends hin / als auff den Mund / da sinckts in deß Hertzens Grund) noch gar nicht gesprochen!

Aber Denk hat sich ja Unterstützung mitgebracht, die heiter nacheinander über die Bühne paradiert. Journalisten, Deutschlehrer und andere, die Sprache als ihr Eigentum betrachten lieben. Einer beklagt aus diesem Anlass direkt eine „immer mehr um sich greifende Nachlässigkeit in allen Lebensbereichen“. Zum Beispiel bei der erforderlichen Nennung von Beispielen.

Es folgt „Herr Weidle vom Weidle Verlag“, auf dessen Homepage steht: „ Unsere Bücher erscheinen in unreformierter Rechtschreibung, und daran wird sich nie etwas ändern.“ Nie ist ein großes Wort, aber das ist Zorn ja auch: „Natürlich hatte ich Zornesausbrüche“, bekennt Herr Weidle vom Weidle Verlag und ist damit Teil einer unverhältnismäßigen Dramatisierung, aber dazu später mehr. Momentan ärgert sich Herr Weidle vom Weidle Verlag vor allem darüber, dass seine Praktikanten nicht das Korrektorat übernehmen können, weil sie zu jung sind, um die alte Rechtschreibung zu beherrschen. Wir kennen das Gefühl. So erging es uns, als wir merkten, dass der Familienhund zu schwach ist, den Mercedes zu ziehen, damit wir Benzin sparen.

„Zusammenschreibung ist eine große Katastrophe“, wetterte später einer der Lehrer. Ja, da schauen Sie! Offenbar kann man sich heute nicht nur auf keine Rechtschreibung einigen, sondern nicht mal darauf, Begriffe wie „große Katastrophe“ für Erdbeben, Lawinen und Sturmfluten aufzuheben. Da wüten also tatsächlich acht Männer eine Stunde lang mit Katastrophen- und Zornesrhetorik über Rechtschreibung, obwohl jeder von ihnen schreiben darf, wie er will, schließlich ist daß nicht verboten. Und wer sich aufregt, es gäbe kaum noch ein ernstzunehmendes Medium, das sich konsequent an die alte Rechtschreibung hält, dem sei an dieser Stelle die „Titanic“ wärmstens empfohlen.

Letzter Auftritt: Professor Wachter, der die „Schweizer Orthographische Konferenz“ (SOK) mitgründete, mit welchem Ziel, raten Sie mal, genau. Er nennt das „die sympathischste Guerilla-Aktion der Welt“, und wer der vorangegangenen Stunde gelauscht hatte, musste sich sofort fragen, wie denn andere Guerillas so drauf sind. Auch er hat kein gutes Wort übrig für die Reform: „Das waren damals nur ein paar Germanisten, die ihre Idee durchdrücken wollten, das konnte nicht gut gehen!“ Manchmal ist es eben doch erkenntnisreich, Bildbeschreibung an einem Spiegel zu üben.

Wir schließen mit Friedrich Denks „Hinweis auf einen fulminanten Vortrag, der morgen hier stattfinden wird, der ist nämlich von mir, und er heißt, wie heißt er noch mal? […] Wenn Sie kommen wollen, sehr unterhaltsam!“ Irgendwie schon. Überlegen Sie es sich.

22. Okt. 2016
von Julia Bähr
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22. Okt. 2016
von Andrea Diener
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Virtuelle Realität: Es wird dadurch sehr geil

Jetzt, da uns das Internet auf Schritt und Tritt begleitet (sie baden gerade Ihre Blicke darin), ist sein Potential irgendwie kein Thema mehr. Ja, man kann Seiten verlinken, aber die Texte, die darin stehen, sind immer noch alle erschreckend linear. Auch die Literatur hat sich nicht von Grund auf verändert, die sogenannte Hyperfiction ist nur noch ein Modebegriff von grob um die Jahrtausendwende.

Nun steht das nächste Revolutionsversprechen vor der Tür und klopft zaghaft an: Das Netz geht in die dritte Dimension und ist überall um uns herum. Und die virtuelle Realität verbrüdert sich gleich nach Auftauchen mit dem guten alten Buch, was ein recht schlauer Pakt ist: Sie sagt nichts und niemanden tot und will nichts verdrängen, sie gibt sich bescheiden und will nur ergänzen.

Deshalb koexistiert sie auf der Messe friedlich mit dem guten, alten Papiermedium, zum Beispiel am Stand von Taiwan in Halle 4.0. Jimmy Liao heißt einer der bekanntesten Kinderbuchautoren und -Illustratoren des Landes. Und seine Bücher kann man nicht nur durch Blättern, sondern auch virtuell erfahren.

Jeannie setzt mir dazu eine VR-Brille auf und Kopfhörer, dazu bekomme ich einen Stab in die Hand, der im Spiel meine Hand darstellt. Jetzt stehe ich in einem sehr langen, sehr bunten Gang. Ich werde von einem Kind zu einem Pianisten geführt, der offenbar ein Alkoholproblem entwickelt hat, denn durchs Fenster fliegen Bierflaschen in den Raum. Die soll ich zerschlagen. Die Flaschen geben ganz schön Widerstand, dann zerrt mich Jeannie von der Wand weg, auf die ich gerade eindresche. (Im Video oben kann man mich dabei bewundern.) Deutlich emotionaler sei die Erfahrung, so eine der Autorinnen des Spiels. Tatsächlich fühlt sich das Ganze durch Bilder und Musik eher an wie ein Film, in dem man mitspielen darf.

Die Zukunft des Zettelns© Andrea DienerDie Zukunft des Zettelns

Einen völlig anderen Ansatz findet man beim Merve Verlag in Halle 3.1. Moment, Merve, das ist doch der mit den Theoriebändchen? Ja, genau der. Ein ordentliches Schild gibts nicht, aber dafür eine VR-Brille und Thomas Lilge von der Humboldt-Universität. Das gamelab.berlin und das Exzellenzcluster Bild-Wissen-Gestaltung kooperiert mit Merve, um nichts weniger als die Zukunft des Lesens neu zu erfinden. Hier geht es weniger spielerisch vor, denn Merve ist ein Theorieverlag. Es geht eher darum, „diese geilen Texte noch geiler zu machen“, wie es Lilge angenehm allgemeinverständlich zusammenfasst. Bisher gibt es nur einen Trailer mit verschiedenen Umgebungsszenarien, in denen drei Texte eine Rolle spielen, unter anderem ein eigens verfasstes Gedicht von Ann Cotten. Darin heißt es:

Was wahrlich das Wasserskifahren der Lektüre ist, ist, wenn man sich beim Lesen wahrnimmt UND das, was man liest, voll wahrnimmt.

Es wird den Prozess verlangsamen.

Es wird dadurch sehr geil.

Bisher betreibt man noch Grundlagenforschung. Zwanzig Minuten angenehm lesen, das ist derzeit das Ziel, so Lilge. Dann aber gehe es eben nicht nur darum, Texte zu lesen, sondern auch darum, sie zu bearbeiten und zu individuellen Leselandschaften zu formen. Und diese Landschaften lassen sich virtuell darstellen und dadurch womöglich viel besser merken. „Wissensarchitektur“ ist ein Begriff, der fällt. Und diese Architekturen kann man auch gemeinsam begehen. Es wäre möglich, mit Texten völlig neu umzugehen. Aber natürlich macht die Menschheit nicht all das, was ihnen möglich ist, sondern irgendwas mit Katzenbildern oder Pr0n. Und findet Verwendungsmöglichkeiten für Dinge, an die man während ihrer Erfindung nicht zu denken wagte. Dennoch: Gut, dass jemand an der dritten Dimension des Internet forscht. Vergebens ist das sicherlich nicht.

22. Okt. 2016
von Andrea Diener
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22. Okt. 2016
von Julia Bähr und Andrea Diener
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Kann das 3D-Ding etwa Bücher?

3. Oktober 2016. Konferenzraum des Gutenberg-Museums zu Mainz.

Handelnde:

Museumsdirektor
Marketingfrau
Konservativer Konservator
Praktikantin

Marketingfrau: „Jetzt ist ja auch bald Buchmesse, und wir haben das Konzept immer noch nicht finalisiert.“

Museumsdirektor: „Buchmesse? Schon wieder? Die wievielte ist das denn jetzt?“

Konservativer Konservator: „Die achtundsechzigste. Ich war von Anfang an dabei!“

Marketingfrau: „Ich hab da was ganz Innovatives gesehen, darüber reden gerade alle!“

Konservativer Konservator: „Jetzt gehen Sie mal raus, gucken, was über der Tür geschrieben steht, und überlegen sich, ob wir für Innovationen zuständig sind.“

Museumsdirektor: „Was meinen Sie denn?“

Marketingfrau: „3D-Drucker heißen die.“

Praktikantin: „Hab ich letztens in der Fußgängerzone gesehen! Die haben da für eine dreibeinige Katze…“

Konservativer Konservator: „Also, wenn ich mir meinen Nadeldrucker zu Hause so anschaue – ich bin sicher, das wird sich nicht durchsetzen.“

Marketingfrau: „Das ist was ganz anderes!“

Museumsdirektor: „Aber wir haben doch in den letzten Jahrzehnten einfach alles gemütlich wegignoriert. Nadeldrucker, Laserdrucker, Siebdrucker. Die Leute auf der Messe wollen gar nichts anderes als diesen Typen im Karnevalskostüm, der zwanzig Mal am Tag auf der komischen Druckerpressenreplik druckt!“

Marketingfrau: „Wir müssen trotzdem auch an die jungen Menschen denken.“

Praktikantin: „Ich hab letztens bei so ner Modebloggerin was gelesen, die hat so Fashionaccessoires…“

Konservativer Konservator: „Was sollten wir denn mit so einem Ding überhaupt drucken? Kann das etwa Bücher?“

Marketingfrau: „Nein, kann es nicht.“

Konservativer Konservator: (erleichtertes, doch verächtliches Schnauben)

Museumsdirektor: „Es muss aber schon einen Bezug zum Haus haben.“

Marketingfrau: „Man könnte eine kleine Druckerpresse drucken.“

Praktikantin: (kichert)

Konservativer Konservator: „Halten Sie das wirklich für möglich, ein so komplexes, ausgefeiltes Gebilde mit einem derart primitiven Verfahren …“

Museumsdirektor: „Johannes Gutenberg!“

Praktikantin: „Geil, in Pink!“

Konservativer Konservator: „Um Himmels Willen.“

Marketingfrau: „Ich finde das eine ganz frische Idee. Das wäre mal was anderes.“

Museumsdirektor (erleichtert): „Dann machen wir das doch einfach.“

Konservativer Konservator: „Wir werden uns zum Gespött der Messe machen!“

Und so geschah es.

 

22. Okt. 2016
von Julia Bähr und Andrea Diener
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22. Okt. 2016
von Julia Bähr
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Ist ein Schachcomputer intelligenter als Markus Söder?

Der australische Premierminister Malcolm Turnbull (2.v.l.) begrüßt seinen Politikerkollegen Asimo (vorne)© Picture AllianceTokio, im Dezember 2015: Der australische Premierminister Malcolm Turnbull (2.v.l.) begrüßt seinen Politikerkollegen Asimo (vorne).

Man könnte schon eine Weile darüber debattieren, ob man die große Frage dieser Veranstaltung bei der Vorwärts Verlagsgesellschaft ausgerechnet einem Staatssekretär stellen sollte: „Wird die künstliche Intelligenz die Politik übernehmen?“ „Nein!“, antwortet Matthias Machnig vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie eine verdächtige Spur zu schnell. Autorin Yvonne Hofstetter wollte das dann auch alles gar nicht so behauptet haben, und überhaupt gehe es ja eigentlich um die überfällige Reglementierung der Digitalisierung. Darauf konnte man sich einigen und hatte sich generell sehr lieb.

Alles in allem ein phantastisches Beispiel für Buchmesse-Veranstaltungen mit etwas überzüchtetem Titel, ein immer mehr um sich greifendes Phänomen: „Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“. Da hätte man sich ja nun mindestens den direkten Vergleich der Intelligenzquotienten eines Schachcomputers und Markus Söders erwartet. Außerdem natürlich feiernde anarchistische Massen. Nichts davon weit und breit! Was für eine Enttäuschung!

Dabei wäre dies die einzige Erklärung für so einiges: Die Maschinen haben die Politik längst übernommen. Angela Merkel hat einen etwas langsamen Prozessor, und die Updates des Empathieprogramms werden gelegentlich zu spät eingespielt. Claudia Roth hat die Programme Menschenrechte und Integration aufgespielt bekommen, die bei jedem Hochfahren des Systems von selbst starten. Und welche Software auf Donald Trumps übrigens nicht besonders menschenähnlich geratener Hardware läuft, wissen wir ja sogar bereits. Das können Sie alles im Internet nachlesen!, würde die Aluhut-Fraktion jetzt sagen.

Aber den ultimativen Beweis für diese Verschwörungstheorie lieferte ein Politiker selbst, schon vor Jahrzehnten. „Eines Tages werden Maschinen vielleicht denken können, aber sie werden niemals Phantasie haben“, sagte Theodor Heuss nämlich. Genau. Schöner könnte man das Dilemma vieler Politiker ja gar nicht beschreiben.

22. Okt. 2016
von Julia Bähr
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