Literaturblog

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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Flieg, Eule der Minerva, flieg!

Mit der Buchmesse kommen die Parties. Die „script-party“ im Frankfurter Hof war da nur eine Aufwärmrunde. Byung-Chul Han wollte Gedanken einatmen und Michel Houellebecq schien im Verschwinden begriffen.

Byung-Chul Han lässt die Gedanken fliegen© Hannah LühmannByung-Chul Han lässt die Gedanken fliegen

Draußen in der Stadt, auf dem Willy-Brandt-Platz, leuchtet blau das Euro-Zeichen, sternenumtanzt. Es ist die erste Partynacht. Einige hundert Meter weiter, vor dem Frankfurter Hof, sind die Stehtische mit Stoff umspannt, stiller roter Prunk wie zum Schutz gegen den Regen, der pünktlich zu Buchmessenbeginn eingesetzt hat. Es ist die erste richtige Party der Buchmesse, wird Jakob Augstein gleich sagen, wenn jeder seinen Riesling in der Hand hält und sich die Blicke auf die kleine, flache Bühne richten.

Aber noch warten alle. Warten auf die Feier, auf die „Script-Party“, bei der die Titel der neuen Kursbuch-Bände, die auf dem Tischchen vor dem Festsaal ausliegen, das einzige sind, was daran denken lässt, dass die Veranstalter hier irgendwie links, irgendwie vielleicht ein ganz bisschen anders sind. Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung. Der Riesling im Foyer kostet 11 Euro, der Mann hinter der Bar wirkt ein wenig verdattert, als ich ihn nach der Script-Party frage.

An der wappenornamentverzierten Schimmerwand links vorbei, durch den ewig langen Flur zum Festsaal. Die Wochenzeitung „Der Freitag“, das legendäre und im letzten Jahr wieder auferstandene „Kursbuch“ und die Buchmesse (ja, die Buchmesse, das ist ja eigentlich völlig irre, dass eine ganze Party von „der Buchmesse“ veranstaltet wird) haben sich zusammengetan und läuten seit drei Jahren all die Parties ein, die da kommen werden im Laufe der nächsten vier, fünf Tage.

Es geht um die Zukunft des Buches und um die Digitalisierung in den Festreden, Michael Krüger hat hier schon gesprochen und Evgeny Morozov, aber vor allem geht es natürlich um das, worum es bei allen Buchmessenparties geht: um diese rührende, ernsthafte Inszenierung der Wichtigkeit des Buches und all seiner brillentragenden Begleiterscheinungen. Man ist hier, um zu zelebrieren.

Die Gäste schreiten gefasst durch die gläsernen Eingangstüren, wie Tiger vor der Jagd. Im Festsaal ist es hell und warm. Sascha Lobo schwenkt vor der Garderobe einen Regenschirm und sucht niemandes Blick. Später huscht Michel Houllebecq in einem blauen Anorak mit Kordelgürtung vorbei, nach draußen, zum Rauchen, er sieht grau aus, als arbeite er an seinem Verschwinden, aber so sieht er ja immer aus.

In einem Nebenzimmer wird ein riesiges Roll-Up von der Wand genommen, gerade wurde hier noch der Tag der koreanischen Staatsgründung gefeiert, sagt der Kellner und jetzt kommen die Buchmessentage. Es sind volle Tage für die Kellner des Frankfurter Hofes. Ein sanfter, drängender, wärmender Bossa Nova erklingt, der einen sofort in die Umarmung der lichtgelben Festraumwärme spült. 420 Gäste, sagt die Lady, die die Namen auf der Empfangsliste durchstreicht.

Der Gitarrist lehnt sich von rechts in den Türrahmen mit einem Grinsen, wie es eigentlich nur der Conférencier aus „Cabaret“ grinsen kann, das Saxophon ist treibend hell, der Kontrabass golden. Irgendwann tritt Stille ein. Augstein sagt, dass einer fehle, der letztes Jahr da gewesen sei, Frank Schirrmacher, dass er ihn sehr vermissen werde, es ist traurig und still und absurd. Und dann sagt er, dass „wir ohne ihn weiter stolpern müssen“. Und kündigt den Festredner an, Byung-Chul Han.

Byung-Chul Han trägt Zopf und einen schmalen, blaugrauen Schal, er steht fast ein Bisschen schüchtern neben dem niedrigen Rednerpodest und sagt, er bitte das Publikum um eine halbe Stunde seiner Zeit, um über Bücher zu reden, über Besitz und Digitalisierung. Byung-Chul Han lehrt Philosophie und Kulturwissenschaft, er spürt in seinen Essays den philosophischen Möglichkeiten nach, das Digitale zu denken, aber zu sagen, dass er Medienphilosoph sei, wäre zu kurz gegriffen. Der Mann ist ein Phänomen, mittlerweile auch schon eine Art Pop-Philosoph.

Byung-Chul Han ist manchmal ein bisschen wie Heidegger, wenn man das denn im positiven Sinne von jemandem sagen kann, zum Beispiel, wenn er sagt, dass „Glück“ eigentlich von „Lücke“ käme und dass eine Gesellschaft ohne „Ge-lücke“ eine glücklose Gesellschaft sein müsse. Damit meint er natürlich die Transparenzgesellschaft.

Er spricht vom E-Book und sagt, es falle ihm schwer, den Besitz als tiefstes Verhältnis zu den Dingen zu denken, ihm sei eigentlich jedes Buch zu schwer, er besitze überhaupt kaum Bücher, er sei vom Buddhismus geprägt, die Struktur des Digitalen käme seiner Vorstellung vom Verwehen und Verschwinden sehr nahe. Er möge die Vorstellung, dass man Gedanken irgendwann nicht mehr lesen, sondern einatmen würde. Aber das E-Book sei ein Medium, dem es nicht gelinge, neue Narrative zu entwickeln, es sei eigentlich schlicht eine Reproduktion des analogen Mediums Buch.

Erst mit der Dunkelheit, zitiert Byung-Chul Han dann noch Hegel, beginnt die Eule der Minerva ihren Flug. „Trinken Sie recht viel!“, hatte Augstein den Gästen gewünscht und das machen dann auch alle. So richtig großartig wird die Stimmung trotzdem nicht mehr. Es war ja aber auch die erste richtige Buchmessenparty.

Hannah Lühmann

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