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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Heiß wird es erst am Abend

Der Nimbus Verlag aus Zürich zieht mit einer Kombination aus Lesung und Modenschau ein Publikum an, das nichts mit dem üblichen Messebetrieb zu tun hat.

© Mary Evans Picture LibraryJeanne Moreau mit Henri Serre 1962 in „Jules et Jim“

Stilvoll kann die Buchmesse sein, man muss nur das Messeareal verlassen. Zum Beispiel zugunsten des Nachtsalons Logenhaus im Frankfurter Nordend, wohin am Mittwoch Abend der Schweizer Nimbus-Verlag einlud: zur Lesung, natürlich, aber zugleich auch zu Modenschau und Tanzmusik von DJane Stella.

Und viele kamen. So viele, dass der Salon des Logenhauses rettungslos überfüllt und überheizt war. Doch angesichts des schicksten Publikums, das die Messe wohl je hervorgebracht hat – als wollten sie alle selbst an der Modeschau teilnehmen –, entstand ein Ambiente, dass man sonst von Buchmessen nur aus Leipzig kenn, wo die eigentlichen Ereignisse alle außerhalb der Hallen stattfinden, in den guten Stuben der Stadt, wo sich Szenen zu Lesungen versammeln, die niemals zwischen den Verlagsständen aufkreuzen würden. Genauso aus dem Üblichen herausgehoben wirkte nun auch in Frankfurt der Empfang des Nimbus-Verlags.

Anlass für die ungewöhnliche Kombination aus Lesung, Mode und Musik war die Publikation des Buchs „Ich schreibe aus Paris“ von Helen Hessel. Die 1886 geborene deutsche Autorin ließ sich zuerst von Käthe Kollwitz zur Malerin ausbilden, ehe sie erkannte, dass ihr das Schreiben mehr lag. Sie ging nach Paris, heiratete dort Franz Hessel und berichtete in den zwanziger und dreißiger Jahren für die „Frankfurter Zeitung“ über die Mode, das Leben und die Liebe – so lautet auch der Untertitel ihrer nun zum Buch zusammengestellten journalistischen Texte.

Helen Hessel war das Vorbild für die 1962 von Jeanne Moreau gespielte Catherine in Truffauts Spielfilm „Jules und Jim“. Sie lebte noch, als diese Geschichte ihrer ménage à trois in die Kinos kam; gestorben ist Helen Hessel erst mit 96 Jahren. Und dass sie das Zeug dazu hat, heute noch quicklebendig zu erscheinen, das zeigte die Lesung.

Die wurde durchgeführt von Julia Knapp, der Vertriebsleiterin bei Nimbus, die dazu ein kurzes Kleid der zwanziger Jahre und die passende Frisur angelegt hatte. Bisweilen assistierte ihr Bernhard Echte, der Verleger, wenn es etwa einen Dialog zwischen Hessel und einem von ihr 1930 besuchten Pariser Herrenmodemacher vorzutragen galt. Nach jedem der kurzen Feuilletons gab es eine Präsentation von Damenmode des Frankfurter Labels Coco Lores. Und man beneidete die Models angesichts der dem Siedepunkt entgegensteuernden Temperatur im Raum um ihre leichten Kleider.

Aber das tat der guten Stimmung im Logenhaus keinen Abbruch, wenn auch der Austausch zwischen drinnen und draußen bisweilen bitter nötig war, um wieder zu Atem zu kommen. Aber damit holte man ja nur nach, was in den am Auftakttag auffallend schlecht besuchten Messehallen sonst ohnehin üblich gewesen wäre. Dann doch lieber unter eleganten Menschen schwitzen.

Andreas Platthaus

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