Literaturblog

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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Lounge, Debattierklub oder Panic-Room?

Die Buchmesse schafft einen Zufluchtsort nur für Schriftsteller: die Autoren Lounge. Doch gearbeitet werden soll dort auch, unter Leitung von Janne Teller.

© Frank RöthKennt die Buchmesse seit Jahren: Die dänische Autorin Janne Teller auf einem Foto aus dem Jahr 2010

Wenn man Juergen Boos, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, zuhört, dann bekommt man Angst. Viele Autoren, so hebt Boos an, hassten die Messe, aber sie müssten eben hin. Deshalb habe man für sie einen „safe harbour“ geschaffen, einen Rückzugsraum. Und Janne Teller, dänische Schriftstellerin von Weltruf, stößt ins selbe Horn: Hektisch, stressig sei die Messe, kein Ort nirgends für die sensible Autorenseele. Deshalb habe man eine neue Idee geboren: die Autoren Lounge. Man könnte meinen, es handelte sich um eine Art Panic-Room.

Aber dann sieht alles gar nicht so wehrhaft aus. Aus dem Fenster schaut man auf „Pino’s ofenfrische Pizza“, einen Imbissstand zwischen den Messehallen. Hier oben im Zwischengeschoss der Halle 5 aber gibt es edle Häppchen und Gebäck. Es ist Mittwoch Mittag, und für eine Stunde ist die Autoren Lounge auch für andere Menschen als Schriftsteller zugänglich. Danach aber wird sie wieder zur Geschlossenen Gesellschaft, wo man sich in grauen Clubsesseln und petrolfarbenen Freischwingern zwischen grüngepolsterten Wänden vom Messerummel erholen kann – und nebenbei die wichtigen Fragen der Welt lösen wird.

Denn hier soll nicht nur gefaulenzt, sondern auch nach-, besser noch: vorgedacht werden. Darum ist Janne Teller hier. Sie hat fast dreißig Autoren aus aller Herren Länder, die ohnehin die Frankfurter Buchmesse besuchen werden, zu drei Gesprächsrunden geladen – „jeweils früh am Tag“, sagt Teller, „damit alle noch nüchtern sind“. Auswahlkriterium war ein „irgendwie multikultureller Hintergrund“, und so reicht die Liste der Teilnehmer von Fadhil Al-Azzawi aus dem Irak bis zu Stefan Weidner aus Deutschland. Dazwischen ist im Alphabet noch Platz für manche Berühmtheit, zum Beispiel Arnon Grünberg, Michail Schischkin oder John Burnside. Deutsche Teilnehmer sind besonders zahlreich vertreten, darunter Marica Bodrozic, Josef Haslinger, Esther Kinsky, Michael Kleeberg, Moritz Rinke.

Das von Janne Teller vorgegebene Thema der drei Gesprächsrunden mit wechselnder Besetzung lautet „Grenzen und Barrieren, Kulturen und Scheidewege“. Das umfasst alles und nichts, doch am Schluss soll etwas herauskommen, das den Politikern, so Teller, „etwas zu denken geben wird“. Verkündet wird es am Freitag Mittag, wieder hier in der Autoren Lounge. Ob die Politiker den Weg dahin finden?

Denn leicht aufzuspüren ist sie nicht. Von der Via Mobile, dem zwischen den Hallen verlaufenden Laufband in einer Glasbrücke, zweigt links ein ausgeschilderter Gang ab, dem man ungern in ein hässliches Treppenhaus folgt, in dem man eine Halbetage nach unten muss, um dann von freundlichen Damen am Betreten der Lounge gehindert zu werden. Es sei denn, man ist Autor. Juergen Boos macht keinen Hehl daraus, dass er diesen Raum selbst bis vor kurzem gar nicht kannte. Das erklärt den Namen „Frankfurt Undercover Debate“, die der Gesprächszyklus trägt.

Das Entspannen und Nachdenken wird erleichtert durch die zahlreichen Sitzmöbel und eine kleine Theke, die Anwesende mit Speisen und Getränken versorgt. Gesponsert wird das Ganze durch den Fernsehsender Sky, und vielleicht sieht man dort einmal Geheimaufnahmen aus dem abgeschotteten Raum. Hier jedenfalls sollen die Autoren, wenn es nach Jürgen Boos geht, „kämpfen oder sich zu Tode langweilen“. Man wisse ja nicht, was geschehe. Willkommen in der Lounge!

Andreas Platthaus

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