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Paulo Coelho, ein Protokoll der Ratlosigkeit

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Eine Stunde lang unterhielt sich der Bestsellerautor Paulo Coelho mit Juergen Boos, dem Direktor der Buchmesse, über die Zukunft des Lesens. Aber warum nur?

© Frank RöthNach dem Gespräch: Paulo Coelho im Kreise seiner Verehrer

Ich muss diesen Artikeln mit zwei Geständnissen des journalistischen Scheiterns beginnen. Sie hängen nur lose miteinander zusammen, aber sie müssen dennoch erzählt werden, um meine Ratlosigkeit zu kontextualisieren. Das erste Geständnis geht so: Ich war vor einigen Monaten auf dem Prosanova-Literaturfestival, jenem Hildesheimer Drei-Jahrestreffen der jungen Literaturszene. Dort gab es ein Autoren-Speeddating. Das geht so, dass sich die Besucher des Festivals auf kleine Stühle an einen langen Tisch setzen, und ihnen gegenüber sitzt dann jeweils ein Vertreter des Literaturbetriebs, den sie alles fragen können, was sie möchten, aber nur für wenige Minuten, dann rückt der Sitznachbar nach.

Ich landete bei einem Suhrkamp-Lektor, und er drehte den Spieß um. Er ließ sich nichts fragen, sondern las vor, und was er vorlas, war ich geneigt – vielleicht aus betriebsbedingter Einschüchterung, vielleicht aus temporärem Mangel an literarischem Urteilsvermögen -, für doch einigermaßen gehobene Prosa zu halten, etwas veraltet und manieriert vielleicht, aber gut. Was ich riet, werde ich hier nicht verraten. Es war „Der Alchimist“. Von Paulo Coelho.

Hier beginnt das zweite Geständnis, und es führt direkt in die Verwirrungen dieses ersten offiziellen Buchmessenachmittags hinein. Bereits um 15.45 Uhr nämlich bildete sich in Halle 4.2 vor dem sogenannten „Business Club“, in dem besonders exklusive Veranstaltungen stattfinden, eine gewaltige Schlange. Die Leute warteten, genau, auf Paulo Coelho, der um 16.30 Uhr zu einem exklusiven Gespräch mit Juergen Boos auf die Buchmesse kam. Juergen Boos, dem Direktor der Buchmesse. Die Pressedamen am Eingang waren wirklich sehr freundlich, sie sprachen ungeduldigen Amerikanerinnen gut zu, besonders einprägsam fand ich den Satz: „Yeah, I know. But everybody wants to see him.“

Auch für die Journalisten war es nicht leicht. Man brauchte zusätzlich zur regulären Buchmesseakkreditierung und zur Anmeldung für den „Business Club“ noch eine gesonderte Akkreditierung für Paulo Coelho. Die Veranstaltung war schon vor Tagen völlig überbucht. Wir kamen dann doch hinein, und nun wäre es eben eigentlich meine Aufgabe, zu erklären, was die Leute dahin treibt. Gut, okay, Coelhos Bestseller wurden in über 80 Sprachen übersetzt, allein „Der Alchimist“ verkaufte sich 30 Millionen mal. Ich will nicht über „Der Alchimist“ urteilen, Gott bewahre, ich habe selbst hin und wieder einen Hang zum Trivialen und außerdem habe ich mich ja bereits vor Monaten jeglicher Befähigung zum literarischen Urteil über Coelho-Bücher enthoben (siehe einleitendes Geständnis).

Auch, dass Juergen Boos und Paulo Coelho offenbar recht gut miteinander bekannt, wahrscheinlich sogar befreundet sind, entzieht sich meinem Urteil. Aber warum unterhält sich der Direktor der Buchmesse eine Stunde (eine Stunde!) lang mit diesem Menschen über die Zukunft des Lesens? Paulo Coelho hat ja bekanntlich einige Vertriebsmodelle ausprobiert, die man als innovativ bezeichnen kann. Auf seiner Webseite „Pirate Coelho“ stellt er hin und wieder einige seiner Bücher gratis zum Download zur Verfügung. An diesem Nachmittag rechnet er vor, wie das langfristig seinen Umsatz sogar massiv gesteigert hätte. Okay. „Zukunft“ bedeutet ja auch nicht unbedingt das, was kommen soll, sondern das, was möglicherweise kommen wird, und insofern ist Paulo Coelho vielleicht doch ein kompetenter Ansprechpartner für die Frage nach der Zukunft des Lesens. Vielleicht werden Autoren und Autorinnen in Zukunft ihre Werke verschenken. Ist es das, was uns Paulo Coelho sagen will?

Paulo Coelho ist ein eher kleiner Mann, der zum Gespräch einen nachtschwarzen Anzug und Schuhe mit Klettverschluss trug, und dann hat er hinten am ansonsten eher haararmen Kopf dieses graue Schwänzchen, möglicherweise ein Insignium der Spiritualität (auch hier versage ich schon wieder kläglich in meiner welterklärenden Funktion). Er hat eine knarzige Stimme, die rein tonal eine gewisse Bedeutungsschwere transportiert, er klingt immer ein bisschen, als würde er sich gerade eine Wahrheit abringen, die eigentlich jedem geläufig sein müsste. Warum es den Buchhändlern denn so schwer falle, loszulassen, fragt er. Loslassen sei überhaupt sehr wichtig im Leben. Nach der Erfindung des Buchdrucks sei schließlich auch nichts Gravierendes passiert, ebenso wenig nach der industriellen Revolution.

Ach ja, und die Menschen. Warum die Menschen dahin gehen. Sobald ich auf dem Boden saß, hatte ich das Gefühl, nur noch von Journalisten umgeben zu sein, jedenfalls fotografierten alle oder schrieben mit oder beides und ich hörte Sätze wie diesen: „Ich fühle mich wie ein Groupie, aber wenn Du wirklich die Möglichkeit hast, ein Autogramm von ihm zu kriegen…“. Nein, ich habe das alles wirklich nicht verstanden, auch den Applaus am Ende nicht, auch nicht die Kameratraube, auch nicht den privaten Plausch zwischen Boos und Coelho. Das ist aber kein inhaltliches Urteil, das traue ich mir nicht mehr zu.

Hannah Lühmann

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1 Lesermeinung

  1. Sie sprechen eine große Frage gelassen aus
    „Warum nur“ ist eine Frage, die stutzig macht. Immer. Es gäbe naheliegende Antworten. Zum Beispiel weil Kindle Unlimited die Walze anwirft. Papier oder Device – was meinen Sie, Herr Fabelhaft? Aber wenn man stutzt, fällt auf: Die Frage ist so modisch wie der Autor und die modeorientierten Leute drumherum. Angesagt. Und Mode ist das, was sich der oberflächlichen Deutung entzieht. Nur eine Art Vorvibration, wo es die Zeiten hinzieht. Aber wohin nur? Was kann es bedeuten, dass gerade diese Frage die Herbstmode bestimmt? Wird die sog. Literalität in toto unterspült? Gerade gestern mit einer erfolgreichen Kinderbuchautorin gesprochen: „Das geht nicht mehr, ich muss was anderes machen“, sagt sie. Das Kinderbuch wird – wie praktisch, wie toll – zur animierten App, interaktiv, sich selbst vorlesend. So wird das Buch, einst das geistige Aktiv gegen das Passiv des TV, selbst zum TV? Die triftige Antwort auf Ihr „Warum nur?“ sehen wir in 10 Jahren.

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