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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Propaganda von allen Seiten

Anlässlich der Literaturpreisverleihung der Europäischen Kommission stellte sich die Frage: Gibt es eine europäische Literatur? Die Antwort kam ohne Verweise auf aktuelle politische Krisen nicht aus.

© Julia BährSechs von dreizehn Trägern des Literaturpreises der Europäischen Union

Seit 2009 vergibt die Europäische Union ihren eigenen Literaturpreis (EUPL). Die Vergabe folgt, wie in großen Behörden üblich, komplizierten Regeln. Am Ende stehen jedoch sechs Schriftsteller aus ebenso vielen Ländern auf der Bühne des Lesezeltes, stellvertretend für die dreizehn, die insgesamt ausgezeichnet wurden. Dass die mediale Strahlkraft der Auszeichnung bei so vielen Preisträgern etwas leidet, ist unter anderem daran zu merken, dass sie aufgrund ihrer Anzahl in diesem Blog nicht namentlich aufgezählt werden. Aber ein Literaturpreis, hey, europäisch noch dazu, das kann man nicht falsch finden. Mit der Auszeichnung geht die Ankündigung der EU einher, Übersetzungen dieser Autoren bevorzugt zu fördern, sofern die Verlage das beantragen.

Europäische Literatur – gibt es das überhaupt? Dieser Frage widmeten sich dänische Schriftstellerin Janne Teller, der russische Autor Michail Schischkin, die EUPL-Preisträgerinnen Katri Lipson aus Finnland und Marica Bodrožić als Deutschkroatin sowie die deutsch-türkische Autorin Mely Kiyak. Eine Diskussion, die den Saal schneller leerfegte als jeder noch so schlechte Karaoke-Auftritt. Doch wer lange genug durchhielt, kam in den Genuss eines politisch-ästhetischen Gesprächs auf hohem Niveau. Man frage Schriftsteller ja immer, ob ihre Kunst überhaupt etwas verändern könne, sagte Kiyak und antwortete selbst: „Wenn eine Diktatur entsteht, gehen als erstes die Schriftsteller ins Gefängnis. Ihre Bücher werden verbrannt. Die Impressionisten sind verboten worden, weil sie blaue Pferde gemalt haben. Wie kann man sagen, dass sie keine Macht hätten?“

Die Analyse hierzu lieferte Bodrožić: Jemand, der ein Pferd blau denken kann, zeige, dass er denken kann. Und wer denken könne, sei besser gewappnet gegen Propaganda. Schischkin hielt sich mit dem Wort Propaganda mit Verweis auf die Krimkrise hingegen nicht lange auf: Lügen seien das. Die Mächtigen in seiner Heimat lögen, das Volk mache mit, und: „Offensichtlich ist Europa bereit, diesem Gesellschaftsvertrag der Lüge beizutreten.“ Prompt meldete sich später ein Herr aus dem Publikum, der erst artig Komplimente für die Diskutanten verteilte und dann erklärte, Propaganda sei wirklich schlimm. „Und Sie, Herr Schischkin, sind darauf reingefallen.“

Aber was ist nun ein europäischer Autor? Am ehesten wurde diese Frage von Mely Kiyak beantwortet: Ein europäischer Autor trage die Summe der europäischen Erfahrungen in sich. Das stärke die europäische Identität. Damit lieferte die Diskussion zu ihrer Kernfrage nicht mehr als eine Annäherung, aber immerhin: eine Annäherung.

Julia Bähr

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