Literaturblog

Literaturblog

Wettlesen am Wörthersee: Wir bloggen zum Bachmannpreis

Jetzt bitte einmal alle recht deutlich das „Ü“!

Der Finne ist schweigsam, betrunken und besitzt mindestens eine Holzhütte. Der Autor Roman Schatz will mit Vorurteilen über seine Wahlheimat aufräumen. Und witzelt sich dabei von Klischee zu Klischee.

© Hannah Lühmann„Danke“ auf Finnisch geht wie „Moskitos“, nur ohne „Mos-„

Finnlandisierung, was ist das für ein merkwürdiges Wort. Man stelle sich vor, Deutschland wäre Gastland auf einer Buchmesse und es würden Workshops zur Deutschlandisierung angeboten, da würden sich wohl jedem Freund und jeder Freundin unseres kuscheligen Merkellandes ein, zwei Nackenhaare aufstellen. Aber gut, Finnland ist Finnland und so kann auch Roman Schatz einen Workshop anbieten, der „Finnlandisierung für Anfänger“ heißt, und zwar an vier Buchmessenmorgenden hintereinander, immer um zehn auf der großen Bühne des Finnlandpavillons, der in seinem weißblauen Minimalismus etwas von einem tonnenförmigen Iglu hat.

Roman Schatz ist Deutscher. Aber er ist auch Finne, weil es ihn vor langer Zeit, wie er berichtet, in der Berliner U-Bahn in die Arme einer finnischen Frau getrieben hat, von der er mittlerweile „glücklich geschieden“ sei. „Hormonmigration“ nennt er das und hier deutet sich leider schon etwas vom witzelnden Wesen seiner Finnlandperformance an. Da Schatz als Sachbuchautor und Fernsehmoderator auch medien- und publikumsgeschult ist, bietet er sich an als Mittler zwischen den zwei Welten, deren Verschiedenheit in den letzten Tagen bereits etwas überstrapaziert wurde. Es ist ja bei der Präsentation des Gastlandes immer schwer, die richtige Balance zu finden zwischen liebevoll-ironischer Selbstdarstellung, kulinarischen Mitbringseln und folkloristischem Klischee.

Und da Schatz in seinem Programm bereits angekündigt hat, mit „schonungslos ironischer Hand“ in die wichtigsten Klischees über Finnland einzuführen, legt er gleich mal los. Er dekonstruiert radikal so überkommene Vorstellungen wie die, dass der Finne schweigsam und immer besoffen sei. Auch besäßen nicht alle Finnen eine Holzhütte und sie führen nicht ständig Rallies. Eigentlich sei alles an Finnland völlig normal außer der Sprache. Derart aufgeklärt begibt sich das kreisförmig um den Entertainer angeordnete Publikum in seine erste Stunde Finnisch-Unterricht. Fließend würden wir danach Finnisch sprechen können, kündigt Schatz an.

24 ugrische Sprachgruppen gebe es noch auf der Welt, berichtet er, aber nur in drei Ländern werden sie offiziell gesprochen, in Finnland, Ungarn und Estland. Und dann das: Es gibt kein Geschlecht in dieser finnischen Sprache; das sei, so witzelt Schatz weiter, möglicherweise darauf zurückzuführen, dass man früher, in Pelze gehüllt am Lagerfeuer sitzend, ohnehin nicht habe feststellen können, welchen Geschlechts die Mitfrierenden seien. Aber auch: keine Präpositionen, kein „hinter“, kein „über“, kein „neben“, kein „auf“. Und überall „I“ und „Ü“. So sei Raineri ein gängiger finnischer Vorname, was aber nicht dazu führe, dass aus Rainer Werner Fassbinder etwa Raineri Werneri Fassbinderi würde. Puh. Das dann doch nicht.

Wirklich ein bisschen lustig ist es, als Schatz eines seiner Lautgedichte vorliest, dessen deutsche Übersetzung so geht: „Herbst. Ein unfreundlicher Windstoß erhebt sich. Das Rütteln des Sturms wird stärker. Das Lächeln gefriert in gebückter Haltung. Jetzt begnüge ich mich mit einem Schnaps.“ Auf Finnisch – an die Transkribierung will ich mich hier nicht wagen -klingt das, wenn Schatz es vorliest, in etwa so, als sei ein Riese von einem böswilligen Zauberer mit einem Lippenzauber belegt worden, der ihn zwänge, alle Vokale als den Umlaut „Ü“ hervorzubringen. Der Riese grollt in seiner Felsspalte.

Finnlandisierung, das Wort könnte ja auch eine bedenkliche, eine traurige Note haben, wenn man etwa an die jüngsten Überlegungen denkt, die Ukraine müsse sich nach dem Vorbild Finnlands umorientieren, wenn sie eine Chance haben wolle, müsse militärpolitische Neutralität wahren und die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland halten. Aber das würde nun wirklich zu weit führen. Am Ende des Workshops haben wir kaum noch Mühe, das „Ü“ auszusprechen. Und wenigstens haben wir mal wieder herzlich über die Finnen gelacht und natürlich mit ihnen. Irgendwie spinnen die ja bestimmt doch, mit ihren Holzhütten und ihrer Schweigsamkeit. In den nächsten Sitzungen wird es noch eingängiger etwa um die finnische Natur gehen. Bestimmt haben die da eigentlich gar keine Mücken, wie immer behauptet. Schatz wird trotzdem ein Mückenwitz einfallen.

Hannah Lühmann

0