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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Ein Aufschrei ist nicht genug

Ein #aufschrei reicht nicht, findet Anne Wizorek und diskutiert mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin über den neuen Feminismus.

© Hannah LühmannVorwärts! Die Feministinnen Anne Wizorek und Malu Dreyer auf der Buchmesse

Anne Wizorek hat jetzt auch ein Buch geschrieben. Insofern ist es folgerichtig, dass sie es auf der Buchmesse vorstellt, auf der kleinen Bühne des „vorwärts“-Standes, auf der Politiker und Autoren miteinander ins Gespräch gebracht werden. Wizorek diskutiert mit Malu Dreyer, der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin, die der Moderator Kai Doering schüchtern als „erste Frau“ in diesem Amt vorstellt; er schiebt hinterher, er fände es ja eigentlich blöd, das zu betonen. Wizoreks Buch ist bei Fischer erschienen, es heißt „Weil ein #Aufschrei nicht reicht“. Es ist total sympathisch, dass sich Wizorek noch einmal die Mühe macht, die ganze Hashtag-Thematik für das Publikum aufzudröseln.

Ein Hashtag, erklärt sie dem Publikum, sei ein Schlagwort, unter dem sich dann alle Beiträge finden, in denen dieses Schlagwort auftaucht. Das Schlagwort, das sie berühmt gemacht hat, war bekanntlich das Wort „Aufschrei“ – als Wizorek und ihre Bloggerkolleginnen es Anfang des letzten Jahres ins digitale Leben riefen, sammelten sich binnen kürzester Zeit teils verstörende Kurzberichte aus dem Alltag von Frauen und Männern, vor allem von Frauen.

Der Arzt, der nach dem Selbstmordversuch den Po tätschelt. Der grapschende Kollege. Der Lehrer, der den Mädchen auf einer Geburtstagsfeier „Fruchtbarkeitskürbisse“ schenkt. Es ist wichtig, das immer wieder zu erzählen, weil auch der #aufschrei natürlich eine mediale Halbwertszeit hat, auch wenn es mit seiner Hilfe gelungen ist, eine recht ausdauernde Diskussion über Alltagssexismus ins Leben zu rufen. Brüderle hat da natürlich geholfen.

Dann hat der Hashtag „Aufschrei“ im Juni 2013 den Grimme Online Award erhalten, als erster Hashtag überhaupt. Wizorek ist zu einer jener medial diffus dauerpräsenten Persönlichkeiten avanciert, sie war schon bei Jauch, und nun sitzt sie hier und erklärt, warum die Bewegung, als die man #aufschrei mittlerweile schon bezeichnen muss, nicht stehenbleiben darf.

Wizorek hofft, dass über ihr Buch und über ihre Auftritte auch andere, junge Frauen Zugang zum Feminismus finden. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber ich hoffe, dass es ihr gelingt. Ich glaube nämlich, dass ich repräsentativ für ihre Zielgruppe bin. Ich finde Feminismus total gut, wirklich. Ich würde mich selbst nie als Feministin bezeichnen, kann dafür aber eigentlich keinen Grund angeben.  Die schicke, ästhetische Lebenshaltungsbegründung bestünde wohl darin, zu sagen, dass man ein Problem mit „-ismen“ hat, also mit Kommunismus, Faschismus, Anarchismus und folgerichtig auch mit dem Feminismus. Aber das kann ich noch nicht einmal behaupten.

Kommunisten und Kommunistinnen zum Beispiel bewundere ich gleichermaßen und ich bin für alles, was Anne Wizorek und Malu Dreyer auf der Bühne vorstellen, für Lohngleichheit, für eine vollständige Umsetzung des Grundgesetzartikels 3, für die Frauenquote. Wobei ich mir bei der Frauenquote nicht hundertprozentig sicher bin. Und trotzdem beschleicht mich bei feministischen Diskussionen immer so ein merkwürdiges Gefühl, eine Art Widerstreben gegen eine Vereinnahmung, die mir eigentlich gar nicht angetragen wird.

Vielleicht liegt es an dem, was Malu Dreyer wiedergibt, daran, dass man bei Feminismus irgendwie an „Frauen in lila Klamotten und irgendwelchen komischen Schuhen“ denkt. Deswegen ist der „Neue Feminismus“, den Wizorek in ihrem Buch vorstellt, wichtig – ein Feminismus, der das Internet zu nutzen weiß und der ein starkes „intersektionales“ Bewusstsein hat, sich also darüber im Klaren ist, dass Menschen mit verschiedenen Hintergründen verschiedene Diskriminierungserfahrungen machen müssen.

Wizorek nennt hier den Hashtag #schauhin, den die Bloggerin und Journalistin Kübra Gümüşay initiiert hat, weil sie, so sagt es Wizorek, sich nicht so angesprochen gefühlt habe von der Problematik des Alltagssexismus – wenn Gümüşay diskriminiert werde, dann als Frau, die Kopftuch trägt, als Muslima.

Kai Doering fragt, wie genau sich das Internet dem Neuen Feminismus helfen könne. Wizorek sagt, das klinge jetzt ein Bisschen so, als würde er fragen, wie man mit dem Internet die Welt retten kann und beide lachen. Frauen, vor allem junge Frauen, müssten verstehen, dass, wenn im Berufsleben „die Typen an ihnen vorbeiziehen“, das „nichts mit ihnen selber zu tun“ habe. Sie wolle ihnen mit ihrem Buch auch ein Bisschen das Vertrauen zurückgeben. Und es gehe um Männer und Frauen gleichermaßen, Männer müssten verstehen, dass sie strukturell von der sexistischen Gesellschaft profitieren.

Malu Dreyer sagt dann noch, es werde ja so getan, als wäre es „normal in unserer heutigen Zeit, dass Männer ständig irgendwelche dummen Sprüche reißen“. Und es wird viel von „Sichtbarmachung“ gesprochen, von „strukturellen Problemen“. Ich habe eigentlich noch nie an lila Klamotten oder komische Schuhe gedacht, wenn ich an den Feminismus gedacht habe. Ich glaube, es liegt an dieser Sprache, an Worten wie „Sichtbarmachung“, die als Kampfbegriffe und Techniken des politischen Handelns funktionieren, die aber, wenn man sich einige solcher Diskussionsrunden reingezogen hat, so ein abstraktes, schales Gefühl erzeugen, weil man gar nicht mehr weiß, wer oder was da eigentlich wo und wie sichtbar gemacht werden soll. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich einfach die falschen Männer kenne, zum Glück. Ich brauche noch eine Runde #aufschrei, bitte. Und ein Rezensionsexemplar von Wizoreks Buch.

Hannah Lühmann

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