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Guerillakunst mit Runen

Die junge finnische Designerin Anne Pasanen verteilt großformatige Sticker in Frankfurt - auf ihnen prangt der Titel des finnischen Nationalepos. So trifft Popkultur finnische Poetologie.

© Hannah LühmannGuerillakunst. Finnisches Nationalepos auf dem SPIEGEL.

Es ist ein merkwürdig Ding mit den Nationalepen. Sie erzählen von der Vorzeit, hatten aber ihre Hochphase im 19. Jahrhundert. Man denke nur an „unsere“ Nibelungen, die ja jahrhundertelang niemanden interessierten und dann auf einmal sollte Drachentöter Siegfried Nationalheld sein. Als junge Deutsche kann man (vielleicht bedauerlicherweise) recht gut und unblamiert durchs Leben gehen, ohne die Details um Kriemhild und ihre Brüder, um Alberich und seine Tarnkappe zu kennen.

Im diesjährigen Gastland ist das anders: Erst 1835 setzte der Arzt und spätere Finnisch-Professor Elias Lönnrot seinen Namen unter das „Kalevala“, und daraus entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine Rezeption, deren Stand man heute durchaus als popkulturell bezeichnen kann. Die Neue Züricher Zeitung berichtete zum letzten „Kalevala“-Tag, den die Finnen am 28. Februar begehen (das muss wirklich Spaß machen, es gibt sogar ein ganzes Kalevala-Album von der Folk-Metal-Band Korplikaani), dass derzeit 170 bildende Künstler an Werken mit Kalevala-Bezug arbeiten.

Die junge Graphikdesignerin Anne Pasanen stellte heute morgen im Finnland-Pavillon im Schnelldurchlauf das Grundpersonal des Nationalepos vor: Da gibt es einen Sänger-Zauberer, der ein Bisschen aussieht wie Gandalf und sich mit vielen Äs schreibt: Väinämöinen. Hier geht es übrigens nochmal zum Finnisch-Unterricht für diejenigen, die noch mit den Umlauten des Gastlands fremdeln. Väinämoinen will die schöne Aino heiraten, die sich aus Verzweiflung über den alten Verehrer ins Wasser stürzt, Väinämoinen stellt ihr daraufhin mit einem Zaubernetz nach, aber die Wassergöttin Vellamo verwandelt Aino gnädigerweise in einen kleinen Fisch – eine Strategie, die sich ja in anderer Form schon im alten Griechenland bewährt hat, Daphne wurde zum Baum, als sie keine Kraft mehr hatte, vor Apollon wegzulaufen.

Pasanen hat sich eine Strategie ausgedacht, um diese „finnische Bibel“, so nannte sie das Kalevala, noch bekannter zu machen: Sie hat in Helsinki 120 000 Kopien eines Magazins verteilt, das sich nur um den epischen Stoff dreht. 251 000 Leser hat sie so aufs Neue die Geschichten um Väinämöinen und und Kullervo, um Joukahainen und Aino erleben lassen. Und weil das deutsche Publikum das Kalevala wohl schlechter kennt als die Nibelungen, hat sie sich eine Guerillakunstaktion für die Buchmesse einfallen lassen: Auf großen schwarzen Stickern im DIN-A-5-Format prangt in klaren weißen, minimalistisch runisierenden Lettern der Titel ihres Magazins: Kalevala – From the Land of Melancholia and Blondes. Man kann diese Sticker ganz wunderbar auf Magazine kleben, wer also in den nächsten Tagen auf einen SPIEGEL mit Kalevala-Logo stößt, darf Pasanen dahinter vermuten. Und beschäftigt sich daraufhin in Zukunft vielleicht mehr mit der finnischen Poetologie als mit der Blümschen Kohl-Abrechnung, wer weiß.

Hannah Lühmann

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