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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Ich und der Tee und der Whisky und das Nachtkerzenöl

Es ist ja nicht alles nur Politik und Buch und Nobelpreis. Ein Besuch in den Wellness-Oasen der Buchmesse - auch die gibt es!

© Andrea DienerIch und der Tee. Der Tee und ich. In der Mitte. Ohne Hindernisse.

Nicht jeder kann auf der Messe so entspannt und glücklich sein, wie Jo Lendle am Donnerstagnachmittag aussah. Manche brauchen ein wenig Nachhilfe – ich zum Beispiel. So begebe ich mich in ein lila angeleuchtetes Kuppelzelt, das muss die Farbe der Nachtkerze sein, denn ich befinde mich in der Weleda Nachtkerzenoase. Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zur Firma Weleda, denn einerseits sind die Produkte ja gut, andererseits aber entstammen sie einem mir grundunsympathischen esoterischen Dunstkreis, genauer gesagt, der Anthroposophie. Aber vielleicht muss man das Ideologische bei der Entscheidung: Handmassage – ja oder nein? einmal kurz beiseite lassen. Ich darf mich in einen Sessel setzen und mir von Sabine die Hände massieren lassen, das ist schön. Meine Hände sind hinterher ganz weich. Ich bin überhaupt ganz weich. Und wenn man in so einem weichen Zustand aus einem lila beleuchteten Zelt kommt, dann erscheint einem die ganze Messe grünstichig. Sie gewinnt dadurch, finde ich.

Gerade soll ich mich hinsetzen, die Beine nicht überschlagen, so zentriere ich mich automatisch auf meine Mitte, auch wenn der Stuhl noch so unbequem ist. Ich höre natürlich auf die Dame, denn von Mitten versteht sie eventuell mehr als ich. Immerhin ist sie Schülerin der koreanischen Zen-Meisterin Daehaeng. „Alle, die hier sind, sind nur wegen Ihnen hier“, sagt sie. Wegen mir? Ich bin verwirrt, fühle mich aber irgendwie auch bestätigt. Etwas in dieser Richtung hatte ich immer schon geahnt. Die Zen-Schülerin bietet grünen Tee in winzigen Schälchen an und Sesam-Honig-Kräcker. Ganz langsam trinken, alles ausschalten: „Nur ich und der Tee. Ich und der Tee.“ Das sagt die Zen-Schülerin und trinkt. „Ich und der Tee“, denke ich und trinke. Dann denke ich: „Ich und der Tee und der nächste Termin und die Buchmessenreportage und der ganze Amazonkomplex und die lange Nacht und erst der zweite Tag und der Hunger ach Mist und na gut der Tee.“ Neben der Mitte gibt es in mir auch einen Schatz und einen Ursprung, das verstehe ich nicht so ganz, aber was ich verstehe, ist, dass alle Hindernisse nur dazu da sind, an ihnen zu lernen. Ohne mich sind sie leer. Sobald ich jedoch auf die Messe komme, sind sie Herausforderungen, extra für mich aufgestellt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das all den Hindernissen einmal sagen sollte, später auf der Rolltreppe, denn womöglich fühlen sich die Hindernisse in ihrer Existenz missverstanden.

Die ultimative Entspannung hebe ich mir bis zum Schluß auf. Schottland lädt ein zum Empfang mit Whisky, das ist vernünftig, denn schon eine halbe Stunde vorher lungern die ersten Gestalten auffällig unauffällig um den Stand herum. Als die erste Flasche Arran (zehnjährig, also jetzt nix dolles, aber hey: Kein Johnny Walker oder so!) aufgefumpt wird (mit einem kräftigen „Fump“ naturgemäß), sind plötzlich sehr viele Menschen da. Es füllen sich die Becher, es füllt sich der Stand, alle sind heiter und gelöster Stimmung. Gut, von den Schotten lernen heißt nur selten Siegen lernen, aber wie man eine Meute bespaßt, das kann man sich schon einmal abgucken. Beschwingt begebe ich mich gen Ausgang, tanze um die Hindernisse herum, und verstehe wieder einmal: Weder Anthroposophenwellness noch Zen mit Meister oder Schüler oder Tee vermögen mein Gemüt so seidig zu glätten wie ein Glas Single Malt.

Und das wäre dann die Überleitung zum Abend.

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