Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Lesen, um davon zu erzählen

| 2 Lesermeinungen

Gleich zwei Lesungen der ersten Messetage endeten unschön: Lutz Seiler und Bodo Kirchhoff wurden arg in ihrer Nervenstärke geprüft.

© Wonge BergmannEinander herzlich zugetan: Seiler und Herles auf dem Blauen Sofa

Wenn es um Lebensversicherungen geht, stehen Schriftsteller gut da. Am Schreibtisch sitzen und tippen, das ist Risikogruppe Null. Sicherer und behaglicher leben nur die Hauskatzen einsamer Frauen. So denkt man zumindest, aber das ist ein bedauerlicher Irrtum: Schon in den ersten Tagen der Buchmesse gerieten zwei Schriftsteller in krawallähnliche Situationen.

Wie, krawallähnlich, werden Sie nun fragen. Tja, die Polizei musste nicht ausrücken, daher wäre selbst Krawällchen noch übertrieben. Aber man muss das relativ sehen, für die Buchbranche ging es nämlich schon richtig rund. Skandal Nummer eins war eine Lesung der Reihe „Open Books“ im Chagall-Saal des Frankfurter Schauspiels, bei der Moderator Wolfgang Herles wirkte, als habe er das Buch seines Gesprächspartners Lutz Seiler nicht gelesen. „Kruso“ hat nun allerdings gerade den Deutschen Buchpreis erhalten, da findet so ein Autor schon, dass er auch mal gelesen werden könne. Dementsprechend ließ er Herles vor versammeltem Publikum nach allen Regeln der Kunst auflaufen und beantwortete Fragen mit: „Steht im Buch.“

Herles rettete sich in allgemeine Fragen zum Thema DDR und Freiheit. Was man eben so aus dem Ärmel schüttelt, wenn einem sonst nichts einfällt. Weiteren Zeitgewinn brachte ihm das gelegentliche Insistieren bei Antworten, die ihm unzureichend schienen. Das Publikum murrte und rief etwas von mehr Empfindsamkeit, und während Seiler bewundernswerte Contenance wahrte, rief Herles zurück, man könne nun natürlich auch empfindsam sein und Gedichte vorlesen. Dieser impliziten Bitte um Pfiffe und Buhrufe kam das Publikum gerne nach.

Noch härter traf es nur Bodo Kirchhoff, der beim Literaturbahnhof im – Sie ahnen es – Frankfurter Hauptbahnhof aus „Verlangen und Melancholie“ lesen sollte. Nur war dort kaum Publikum, das man sich für eine solche Lesung gemeinhin vorstellen würde. Der Schriftsteller berichtete anschließend von einer Horde Betrunkener, vor der er lesen musste. Zur Verteidigung dieser Horde muss man sagen, dass sie sehr wahrscheinlich vor ihm dort war und auch noch lange nach ihm dort sein wird. Was den Abend des Bodo Kirchhoff dann aber konsequent abrundete, waren die siebzig Euro, die ihm im Bahnhof gestohlen wurden. Damit ist diese Lesung offiziell die erste im Umfeld der Messe, für die der Schriftsteller selbst zahlen musste. Und Frankfurt, diese Hauptstadt des Verbrechens, erschaudert sachte.

Julia Bähr

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2 Lesermeinungen

  1. Amüsant!
    „…STEHEN Schriftsteller gut da. Am Schreibtisch SITZEN und tippen, das ist Risikogruppe Null…“
    Eben standen sie noch, schon sitzen sie in ihrer Risikogruppe Null herum. Herrlich.

  2. Pingback: Quergelesen: Blogs zur Frankfurter Buchmesse 2014 | Lettrétagebuch

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