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Akif Pirinçci und die nächste große Bedrohung

| 21 Lesermeinungen

Akif Pirinçci wittert Verschwörungen allerorten. Sein Lieblingsfeindbild scheinen Frauen zu sein - und wie das bei Feindbildern so ist, durchsetzen sie angeblich die Gesellschaft.

© Julia BährAkif Pirinçci liest auf der Buchmesse

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es Prostitution gibt. Akif Pirinçci hat die Erklärung: wegen Gucci-Taschen. Die wollen Frauen nämlich, darum machen sie „für Männer die Beine breit“. Das steht in seinem neuen Buch „Die Verschwulung der Gesellschaft“, das im Frühjahr erscheinen soll beim Verlag Lichtschlag in der Edition Sonderwege. Dessen männliche Belegschaft sitzt unterdessen zu dritt in dem winzigen Stand direkt hinter dem auf einer Freifläche des Ganges lesenden Autor und lacht an dieser Stelle einig. Noch während ich mich frage, warum hier niemand mit Obst und Gemüse gegen diese Lesung protestiert, erhebt sich lauter Gesang. Aber das ist dann doch nur eines dieser Guccitaschenwesen, das am Nachbarstand in aller Unschuld ein Lied trällert.

Akif Pirinçci hat sich einen Namen gemacht als „Hassprediger“, weil er in seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ behauptete, Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer würden von Politikern und Journalisten „kultisch verehrt“. Eine steile These in einem Land, in dem eben jene Bevölkerungsgruppen teilweise massiv benachteiligt werden. Als müsste man jemanden kultisch verehren, um Missstände aufzuschreiben.

Aber offensichtlich fühlen sich Pirinçci und seine Anhänger bedroht. Und zwar nicht nur von Frauen, Homosexuellen und Zuwanderern, sondern auch von einer angeblichen Feminisierung der Gesellschaft (denn darum geht es im Wesentlichen in seinem Buch, aber „Verschwulung“ klang dem Verlag wohl reißerischer und damit viel besser). Denn diese Feminisierung sei ein wirtschaftliches Risiko, ja, auf diesen Unsinn muss man erst einmal kommen. Aber wenn Pirinçci gleich anschließend ohne Quellenangabe verkündet, Frauen erledigten nur zehn Prozent der nationalen Arbeitsleistung, belegt das diesen Unsinn für ein paar anwesende Herren, die anschließend ihre Begeisterung kundtun, völlig ausreichend.

Das Buch ist noch nicht fertig, aber Kostproben gab der Autor gerne zum Besten. Und manchmal sprechen Zitate auch für sich selbst. Also: „Den Selbstauflösungswahn der deutschen Gesellschaft haben wir dem Hofieren und der Anbetung des weiblichen Elements zu verdanken, der Unwucht feminisierten Denkens, welches Politik als ein [sic!] Geschenkeladen betrachtet, dessen Lager über Nacht die Heinzelmännchen auffüllen, diese Welt voller blutiger Konflikte wie durch beschlagenes Glas wahrnimmt und durch hohles Friedensgesabbel vergeblich zu zähmen versucht und das den Mann nur als eine Kombination aus Goldtaler kackendem Esel, vermeintlich jeden Augenblick auszurasten drohendem Gorilla und links grün Versifftes [sic!] papageienden Papagei [sic!] zu akzeptieren bereit ist.“ Ja, das ist ein einziger Satz, und er soll hier in Gänze stehen, damit niemand vermuten kann, es sei der gesunde Menschenverstand rausgekürzt worden. Falls Sie jetzt auch dringend duschen möchten, machen Sie einfach, und kommen Sie wieder! Es geht hier noch weiter.

Nach einer Viertelstunde geht neben mir ein Herr, der einen Jutebeutel der Jungen Freiheit bei sich trägt, auf dem die Worte „Political Correctness“ rot durchkreuzt sind. Wenn das hier sogar dem zu blöd ist, wie soll ich dann meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle halten? Ein angespannter Sicherheitsmann diskutiert lautstark mit einem anderen Herrn, er habe ihn doch gerade gefilmt, er solle es zugeben und das Video löschen. Nicht mal im Nonbook-Bereich ist die Buchmesse weiter von Literatur entfernt als hier. Das liegt auch an Pirinçcis widerwärtiger Sprache, die den Inhalt zwar ohnehin nicht retten könnte, aber so alles noch verschlimmert. Er schreibt unter anderem davon, eine Lesbe zu „besamen“. Als handele es sich um eine Kuh.

Schlimm ist für den Autor übrigens auch die Vorstellung, nicht das Geschlecht könne als vordringlichstes Merkmal eines Menschen gelten. Ein Professor, der die Idee äußerte, das Geschlecht sollte nur so viel wert sein wie etwa das Sternzeichen, wird gleich auf seine eigene sexuelle Orientierung reduziert und als „stockschwul“ klassifiziert. All diese unterschiedlichen sexuellen Identitäten verwirren Pirinçci jedenfalls sehr. Kein Wunder bei jemandem, der das Wort Hermaphrodit wie Hermapfrodit ausspricht.

Julia Bähr

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21 Lesermeinungen

  1. Die Autorin hat es richtig beschrieben...
    …Pirinçcis Buch hat in Sachen Sprachgebrauch tatsächlich eher etwas vom Stile „Feuchtgebiete“. Zwar teile ich einige Ansichten des Herrn, wie z.B. daß wir an einigen Stellen entgegen des demokratischen Gedankens Minderheiten zu stark hofieren und auch die Verweichlichung kann ich in einigen Situationen durchaus nachvollziehen aber der Sprachgebrauch ist dennoch völlig fehl am Platz.

  2. Aber er hat das tolle Katzenkrimibuch geschrieben
    Das wird Frau niemals hinkriegen. Tunt mir Leid.
    Und noch was „Eine steile These in einem Land, in dem eben jene Bevölkerungsgruppen teilweise massiv benachteiligt werden.“ Ein Beispiel wäre schön gewesen.

  3. Sein Ausdrucksweise ist sehr derb...
    aber in vielen Punkten gebe ich ihm recht.

    • wovor haben Sie denn Angst?
      …, dass Sie der Wohnung verwiesen werden, wenn Sie Ihre Frau verprügeln?
      …, dass tatsächlich ein viertel oder höchstens ein Drittel der Parlamentarier Frauen sind?
      …, dass frecherweise, 3-5% der Vorstände von Großunternehmen Frauen sind?
      …, dass Sie nach einer Scheidung zum „Zahlpapa“ degradiert wurden, obwohl Sie vorher diese Stellung in einer Hausfrauenehe selbst ausgesucht haben? Kindeswohlentscheidungen sind Sch###e, weil diese, ihr Recht als Patriarch nicht mehr würdigt?
      …, dass Sie im Beruf mit Frauen konkurrieren müssen, wo sich keiner – wegen der Political Correctness – zu sagen traut, dass Frauen aus biologischen Gründen nicht gut sein können? vor allem nicht besser als Sie?
      …, dass in Ihrer Nachbarschaft ein Schwulen-Paar einzieht, das Ihre Ehe bedroht?
      … …

    • Dann will man uns noch glauben machen, dass es von Wichtigkeit wäre,
      die Frauenquote in den Vorstandsetagen zu erhöhen; dass in Wahrheit tatsächlich darin ein Problem besteht, dass diese Posten zu 2/3 von immer den gleichen 1,5% der Bevölkerung besetzt werden, wird ausgeblendet, denn da ist ja der wirkliche Skandal. Dass Frauen als Kassiererinnen oder Hilfskräfte wie Untermenschen gehalten werden, Haushaltssklavinnen wieder en vogue sind und Praktikantinnen wie Betriebshuren dienen müssen, um eine zweite Chance für einen neuen unterbezahlten oder gar nicht bezahlten Durchlauf zu bekommen – diskretes Schweigen.

  4. Leider hat er recht, und es gibt auch Frauen die das so sehen
    Suchen Sie mal auf google mit „femocalypse“ oder „karen straughan femocalypse“ oder bei Youtube nach „Karen Straughan“. Diese kanadische Antifeministin sieht nicht nur gut aus, hat drei Kinder, einen sehr gesunden Menschenverstand und eine ziemlich scharfe Zunge. Sie drückt sich besser aus als Akif Pirinçci, sagt aber im Wesentlichen, in vielen Punkten dasselbe, nur dann auch noch gut mit Fakten und, scharfem, gesundem Menschenverstand. Leider nur auf Englisch, während Akif Pirinçci auf Deutsch schreibt.

  5. Liest sich wie eine Satire ohne Auflösung.
    Schwer zu sagen, ob Pirinçci dies alles wirklich ernst meint. Dieser Quatsch ist derart überspitzt, dass er sich eignet ein paar Ewiggestrige wie Ameisen mit einem Honigtopf zu fangen bzw. zu identifizieren. Ansonsten gilt für mich seit jeher: wer innerhalb einer Debatte auf eine irrelevante (z.B. sexuelle) Orientierung des Gegenübers anspielt, ist einfach disqualifiziert. Dieses Ausweichen von Problemen zeugt eher von einem krassen Mangel an Verständnis und Lösungswillen. Welcher Buchleser kauft sich für teuer Geld heutzutage noch ein Buch, dessen Autor zu faul ist Gedanken entsprechend seiner eigenen intellektuellen Kapazität zu Ende zu denken?
    Ich glaube der Gag, dass Frauen eine Minderheit seien, kam von Stromberg aka Christoph M. Herbst.

  6. „Deutschland von Sinnen“
    Ich bin gerade dabei das Buch zu lesen. Es ist unterhaltsam, A. Pirinçci hat einen flotten Schreibstil. ist sehr erheiternd und er könnte, wenn die zweite Buchhälfte so flott weitergeht, als Kabarettist auftreten, das Zeug dazu hat er. Wir brauchen Spötter in dieser humorlosen Gesellschaft, sonst haben wir gar nichts mehr zu lachen.

  7. Zu einfach
    ist es doch eigentlich, mit so etwas Geld verdienen zu können. Man nehme gesammelte Vorurteile der überaus benachteiligten männlichen germanischen Heterosexuellen und schreibe darüber ein Buch und den armen Betroffenen den Frust von der Seele. Wie blöd waren die Autoren, die jahrelang versucht haben, mit Aufklärungs- und Selbsthilfebüchern für Minderheiten aller Art Geld zu verdienen. Wie viel klüger ist es doch, sich an die Mehrheit zu wenden und ihr einzureden, dass sie es sei, die benachteiligt werde, ja von der Minderheit unterjocht werde und dem Mainstream-Journalismus, der sie trage. Sarrazin und andere haben vorgemacht, wie man geschickt Fakten und tatsächliche Probleme zu einem demagogischen Potpourri verrührt. Neuerdings hat man damit sogar auf der politischen Bühne Erfolg. Deutschland schafft sich also wahlweise ab oder ist von Sinnen. Armes Deutschland bei so wenig Selbstbewusstsein von einigen Angehörigen der Mehrheit, die solche Bücher nötig haben. Mein Beil

  8. papageiender Papagei
    Männer auf Pirinçci-kompatiblem Trip verstopfen mit ihren Auslassungen ja gern die Leserforen von Online-Zeitungen (man kann nur hoffen, dass ihre virtuelle Präsenz nicht mit einem entsprechenden Anteil an der realen männlichen Bevölkerung korreliert ist). Am besten gar nicht erst ignorieren.

  9. Ein walfischender Walfisch ...
    … im porzellanenden Porzellanladen

  10. Reality Show
    Vorab:ich habe Pirinçci nicht gelesen + habe das auch nicht vor, meine Detailkenntnis ist also auf Artikel über ihn bzw. das, was er so blubbert, beschränkt.
    Ich finde, der sprachliche Unflat legt eine deutliche Spur für seine Interpretation.
    Gleichgültig aber, was wirklich seine Intention ist, objektiv betrachtet ist das Phänomen Pirinçci eine nicht schlechte Satire-Show, die die Kritiker des politisch-korrekten Mainstreams, einer gesellschaftlichen Diskussion, die die Realität primär durch eine ideologische/moralische/antidiskriminierende Brille wahrnimmt (zu denen ich mich auch zähle) auf’s Korn nimmt, treffsicherer, als so manch empörter „Aufschrei“…

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