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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Die Bücher ihres Lebens

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Kanons dessen, was man lesen sollte, gibt es viele. Ein Buchhändler und ein Grafiker haben sich jetzt an die Erfassung dessen gemacht, was tatsächlich gelesen wird. Eine wunderbare Liebeserklärung an das Buch.

© Hannah LühmannGeliebte Bücher – hier stapeln sie sich in der Messehalle.

Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand ein Buch zum Lieblingsbuch hat, das den Titel „Der Professorenmord in Lemberg und der Holocaust in Galizien“ trägt. Ein Realschulrektor aber liebt dieses Buch so sehr, dass er es anderen empfehlen will.

Der Essener Buchhändler Thomas Schmitz und der Grafiker Dirk Uhlenbrock stellten gerade auf der Buchmesse ein Projekt vor, dessen Idee genial und scheinbar einfach ist: Die örtliche Buchhandlung bittet hundert Leser, ihr jeweiliges Lieblingsbuch in einer kurzen Rezension zu besprechen. Die so entstandene Textsammlung wird dann von Uhlenbrocks Agentur „Erste Liga“ zu einem Buch gebunden.

Das hatten die beiden im letzten Jahr in schon einmal in kleiner, regionaler Auflage ausprobiert, und es hat so gut funktioniert, dass sie nun mit Buchhandlungen in ganz Deutschland zusammenarbeiten. Die Bände sind klein und bunt, in rauhes Leinen gebunden, senffarben, azurblau, dunkelblau, rot – ein Bisschen wie Lexikonbände aus früheren Zeiten, ein Bisschen Suhrkamp-Minimalismus auch.

Sie heißen „Buchmenschen“; Schmitz sagt, man habe zwischenzeitlich überlegt, das Ganze „Kanon der Literatur von Menschen, die nicht professionell mit Büchern arbeiten“ zu nennen, aber das sei natürlich ein Bisschen zu lang gewesen. 10-15000 Bücher sind auf die Art und Weise in Umlauf gebracht worden, man kann sie etwa in Berlin und in Düsseldorf, in Aachen und in Regensburg kaufen, und so heißen die jeweiligen Ausgaben dann auch eben zum Beispiel „Regensburger Kanon der Literatur“, je nachdem in welcher Stadt die Leser gebeten wurden, ihre Lieblingsbücher zu besprechen. Ein 14-jähriger Junge hat eine Rezension geschrieben und ein alter, schwerkranker Mann, in dessen Familie ein Märchenbuch seit zweihundert Jahren von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird – da er aber zwei Kinder hat, sucht er verzweifelt nach einer zweiten Ausgabe.

Es ist eine charmante Enzyklopädie, ein informeller Kanon des Gelesenen und Geliebten, der so entstanden ist. Das ist gerade in Zeiten, in denen es ständig heißt, das gedruckte Buch werde zum Liebhaberobjekt, ein schönes Unterfangen – denn diese Bücher sind eben keine stummen Regalartefakte, sondern höchst lebendige Zeugnisse des Umgangs von Lesenden und Buchhändlern, ein analoges Netzwerk der geliebten Bücher. Vielfach sind es Lehrer und Schüler, die zu dem Projekt beigetragen haben – vor allem die pensionierten Lehrer müsse er immer zur Kürze anhalten, sagt Schmitz, schließlich sind nur 2000 Zeichen vorgesehen.

Auch ein Richter habe für ihn geschrieben, sagt Schmitz, ein Politiker, ein Landarchitekt, ein Richter. Und natürlich sind viele Menschen dabei, die professionell mit Büchern arbeiten, die Kritiker Elke Heidenreich und Denis Scheck haben beigetragen.  Es sind sowohl Klassiker wie Proust oder Joyce in diesem Kanon des Gelesenen , aber auch viel Triviales und eben scheinbar Abwegiges wie das historische Buch über den Lemberger Professorenmord. Schmitz sagt, die regionalen Unterschiede in der Auswahl der Bücher seien beachtlich; in Düsseldorf beispielsweise herrsche ein Hang zur sprachlichen Knappheit. Wir sind gespannt, was die Leute in Berlin und Frankfurt so lesen.

Hannah Lühmann

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4 Lesermeinungen

  1. Lieblingsbuch
    Ich glaube, Sie haben die Satire des Realschullehrers nicht verstanden. Wahrscheinlich kann er als Vielleser mit der Vokabel „Lieblingsbuch“ so wenig anfangen wie ich. Jeder Leser hat doch wohl Bücher, in denen er immer wieder mal liest, aber was ist, außer bei einem Kind, „das Lieblinsbuch“? Für eine Definition wäre ich dankbar.

    • Abenteuerlich
      Abenteuerlich von Satire zu sprechen, wenn Sie den Text nicht kennen. Sind Sie Lehrerin?

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