Literaturblog

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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Die Zuverlässigkeit der Angst

Herta Müllers Sprache ist leiblich, und ihre Anwesenheit ist literarisch. Auf dem Blauen Sofa spricht sie über ihr neues, autobiographisches Buch und über ihre Angst vor Putin.

© Hannah LühmannNobelpreisträgerin Herta Müller im Gespräch auf dem Blauen Sofa

Man kann diese Geschichte nicht oft genug erzählen, weil sie so grauenhaft ist und soviel vermittelt darüber, wie Angst funktioniert, wie sie produziert wird. Und so bittet auch die Moderatorin Marita Hübinger die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller noch einmal darum, sie zu erzählen, als die beiden auf dem Blauen Sofa sitzen.

Die Geschichte von dem Fuchs, die in „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ vorkommt, die Geschichte davon, wie die Protagonistin des Romans von ihrer Mutter einen Fuchspelzkragen und Fuchsfellmanschetten bekommen soll, wie sie sich im Geschäft in den toten Fuchs verliebt, in seine „getrocknete Schnauze und seine Zähne“, so erzählt es Herta Müller jetzt, wie sie „den Fuchs nicht zerschneiden“ will. Sie nimmt ihn mit nach Hause und eines Tages kehrt sie heim und dem Fuchs wurde eine Pfote abgeschnitten. Das nächste Mal ein Stück vom Schwanz und immer so weiter. „Du weißt“, sagt Müller, „dass sie Deinen Schlüssel haben“. Sie sagt, sie sei nicht mutig gewesen, sie habe immer Angst gehabt, und dass die Angst „etwas Zuverlässigeres“ sei als der „sogenannte Mut“.

Herta Müller zuzuhören, lohnt sich immer, es ist eine Freude, der unprätentiösen kleinen Frau mit ihrer verhaltenen, schalkhaften Melancholie zuzuhören, weil alle ihre Sätze von jener dunklen Klarheit zeugen, die auch ihre Schriftsprache hat. In ihrem neuen Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ erzählt Müller von ihrem Leben, von ihrer Kindheit auf dem rumänischen Lande, es ist ihr erstes dezidiert autobiographisches Buch, und wenn sie heute auf dem Blauen Sofa davon spricht, dann klingt das so: „In diesen Gegenden sind die Sommer sehr heiß und die Gräser dürr. Sie sind blass, diese Sommer.“

Es ist faszinierend, wie so etwas so gar nicht literarisierend wirken kann. Herta Müller ist die leibliche Ausprägung ihrer Sprache, in ihrer redenden Anwesenheit erfasst sie, nüchtern, die Dinge in ihrer poetischen Wahrhaftigkeit. Sie sagt, sie habe das Gefühl, da wo sie hinkomme, sei immer schon die Traurigkeit. Dann fragt Hübinger sie noch nach Putin und Müller sagt, das russische System habe „Angst vor jeder Lebendigkeit.“ Sie sagt: „Wir wissen alle bis zu den Ohren, was das bedeutet, Sowjetunion.“ Und es klingt, als sei da wieder diese Angst, auf die zu verlassen sie sich gewohnt ist.

Hannah Lühmann

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