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Besuch eines Kritischen

Martin Walser hat seine Liebe zur jiddischen Literatur entdeckt und plaudert auf der Buchmesse über seinen jüngst veröffentlichten Tagebuchband.

© Hannah LühmannWalser auf der Buchmesse, leider nur auf dem Live-Bildschirm, die Menschentraube war so groß.

Ach, Martin. Darf ich Martin sagen? Wahrscheinlich nicht, aber irgendwie gehören sie einem ja alle ein Bisschen, diese großen Erscheinungsformen eines Lebensgefühls der alten Bundesrepublik, das meine Generation nur noch als Suhrkamp-Regalwände und Deutschunterrichtmaterial kennt. Immer wieder bleiben Leute in der riesigen Menschentraube stehen und sagen: „Ach, Mensch, der Walser. Der ist ja jetzt auch schon über achtzig, ne?“ 87, genau. Die Augenbrauen sind buschig wie je, Walser ist bester Dinge. Er ist auf der Messe zu Gast und plaudert auf der kleinen Bühne des ZEIT-Standes mit dem Journalisten Ulrich Greiner, es geht um den jüngst erschienenen Band von Walsers Tagebüchern und um seinen neuen Essay über den jüdischen Romancier Sholem Yankev Abramovitsh, der von 1835 bis 1917 gelebt hat und spätestens seit den sechziger Jahren völlig in Vergessenheit geraten ist.

„Shmekendike Blumen – Ein Denkmal für Sholem Yankev Abramovitsh“ heißt dieses Buch, das eine Dokumentation von Walsers Begeisterung für den Autor ist, der, so erzählt Walser, zunächst auf Hebräisch geschrieben habe, bis ihm klar geworden sei, dass er die Juden so mit seinen Büchern nicht erreiche. Martin Walsers Verhältnis zum Judentum ist ja bekanntlich kein Unproblematisches, aber darum geht es in diesem Buchmessengespräch natürlich nicht – es ist eher eine charmante Plauderrunde zwischen Walser, der das Publikum zu schwärmerischen Lachsalven treibt und Greiner, der sich in seiner Rolle als Stichwortgeber und regelmäßig von Walser freundlich Korrigierter ganz wohl zu fühlen scheint.

Die erste Belehrung betrifft den Titel des Buches: „Shmeken“ auf Jiddisch bedeutet nämlich ebenso wie im von Walser mit Hingabe praktizierten Alemannisch „Riechen“. Das kennt man auch aus dem Schweizerdeutschen. „Du schmeckst gut.“ bedeutet also „Du riechst gut.“ Und Walser sagt, er habe mit diesem Titel auf die „liebenswürdige wie schwerwiegende Herkunft “ des Jiddischen hinweisen wollen. Jiddisch sei ein deutscher Dialekt. Das bringt ihn dann später zu dem Ausspruch, das „Wahnsinnige“ in „unserem schuldigen Mitmachen“ (beim Judenmord) zeige sich ja „vollends“ darin, dass man „Menschen umgebracht habe, die Deutsch sprachen.“

Nun ja. Mitmachen. Hm. Und dass der „Wahnsinn“ in der nach Walser durch Sprache konstituierten Nähe vielleicht punktuell besonders grell aufscheint, hat natürlich eine veranschaulichende Wahrheit, klingt aber ehrlich gesagt auch ziemlich fatal. Egal. Es geht ja noch um die Tagebücher, und da kommt wieder Greiner ins Spiel, der in dem vorerst letzten Band der Walser-Tagebücher (er umfasst den Zeitraum von 1979-1981, also die Zeit, in der die „Seelenarbeit“ und „Das Schwanenhaus“ erschienen sind) eine Bemerkung zu einer FAZ-Rezension entdeckt, die er selbst verfasst hat. Walser hat notiert, der FAZ-Kritiker meine es gut, sei aber „total borniert“.

Walser erinnert sich nicht daran, dass die Rezensionsnotiz Greiner betrifft, aber damals sei das nun einmal sein Schicksal gewesen, die Rezensionen seien „bestenfalls borniert“ gewesen. Dann geht es noch um den Namen des von Walser gemeinsam mit der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein wiederentdeckten jiddischen Autors, die Betonung in „Abramovitsh“ liegt nämlich auf dem „O“ und nicht auf dem „A“, und auch da muss Walser mehrmals korrigierend eingreifen. Greiner fragt ihn, wie er das eigentlich alles schaffe, so viel zu publizieren und dabei immer noch zu lesen und Walser fragt: „Wieso soll man das nicht schaffen?“ Er lebe ja schließlich nicht in Hamburg, und am Bodensee, da schreibe man eben. Ach, Martin.

 Hannah Lühmann

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