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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Digitale Zukunft zwischen Bierkästen

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Beim "Forum Zukunft" kommen Universitäten zu Wort. Die beschäftigen sich nämlich längst nicht mehr nur mit der ehrwürdigen Literatur zwischen Buchdeckeln, sondern auch mit digitalen Phänomenen - wenn auch ein kleines bisschen langsamer als alle anderen.

© Andrea DienerDie Zukunft ist aus Sperrholz: Wo gehts hier ins Digitale?

Eigentlich heißt es ja „Forum Zukunft“, und dass es hier um wissenschaftlich-universitäres gehen soll, erkennt man schon auf den ersten Blick: Überall Sperrholz- und Bauzaunoptik, und setzen darf sich der geneigte Student auf mit dünnen Buchmesse-Corporate-Sitzunterlagen gepolsterten Bierkästen. Damit sich der Student wenigstens an einem Stand dieser Messe halbwegs artgerecht gehalten fühlen darf? Man weiß es nicht, man ahnt nur und lässt sich zögernd nieder.

Allerdings geht es strenggenommen nicht um die Zukunft, sondern eher um die Vergangenheit, internethistorisch gesehen um ungefähr das Pleistozän. Es gibt nämlich mittlerweile Studiengänge, die das mediale mit der altehrwürdigen Literaturwissenschaft verknüpfen, zum Beispiel an der Universität Duisburg-Essen. Man wolle die Literaturwissenschaft applizieren auf den digitalen Wandel, referiert Dr. Thomas Ernst, und ihn nicht von vorneherein verdammen. Dass man so etwas betonen muss, ist ja schon traurig genug.

Wie wirken sich die Bedingungen technischen Publizierens auf die Form aus? Was passiert mit Literatur, wenn plötzlich jeder darüber nicht nur reden, sondern auch ganz öffentlich schreiben darf? Und welche Geschäftsmodelle gibt es, welche Möglichkeiten haben Verlage, die neuen Medien zu nutzen? All das sind spannende Fragen, derer die Masterstudenten sich in ihren Abschlussarbeiten annehmen können. Ein Student etwa drehte einen Film, in dem er Literaturkritiker – Berufskritiker und Amazon-Laienkritiker – nach ihren Kriterien befragte. Das Ergebnis zeigt nicht nur die unterschiedlichen Maßstäbe, sondern auch die Ressentiments der Gruppen gegeneinander.

Das Graduiertenkolleg der Universität Göttingen bringt Professoren, Nachwuchswissenschaftler und Praxispartner aus allen Teilen der Buch- und Verlagswelt zusammen. Hier entstehen Promotionen zu ganz ähnlichen Themen, und nebenbei lernen die Kollegiaten auch das Schreiben. Sowohl in Duisburg-Essen mit Digitur als auch in Göttingen mit dem Lit-Log werden Blogs betrieben, in denen die Studenten zum Verfassen von Artikeln angehalten werden. Auch Teaser und Tweets werden selbst verfasst, sagt die Redaktionsleiterin Joahnna Karch, unter Anleitung natürlich. Betreutes Twittern, quasi, was einerseits ein bisschen rührend ist, aber andererseits auch gar nicht schlecht, denn für viele ist es ja doch ein Erstkontakt mit dem neuen Medium.

Erstaunlich oft geht es in den Vorträgen um Blogs. Ja sind die denn nicht wirklich langsam durch? könnte man fragen. Das ist ja eine Art des digitalen Wandels, der vor zehn Jahren einmal stattgefunden hat. Naja, erzählt mir die Göttinger Kollegiatin Elisabeth Michelbach später, das ist vielleicht kein Wunder, dass das eben jetzt erst so auftaucht. Die Literaturwissenschaft beschäftigt sich immer erst hinterher mit diesen Phänomenen, und vielleicht kann man sie erst jetzt in ihrer ganzen Tragweite fassen – einerseits literarisch und ästhetisch, andererseits in ihren breiteren gesellschaftlichen Auswirkungen. Michelbach forscht über das Blog als autobiographische Gattung der digitalen Gegenwart, und ich bin froh, sie endlich einmal zu treffen, weil sie auch mein altes Blog erforscht. Dass das, was ich vor zehn Jahren einmal an die „Klowände des Internets“ schrieb, wie man damals gern mal schimpfte, irgendwann einmal in einer ernstgemeinten Promotion literarisch untersucht werden würde, hätte ich mir nie gedacht. Und auch nicht, ein wie fester Bestandteil der Medienlandschaft Blogs einmal werden würden – wie man ja nicht zuletzt an diesem kleinen Buchmesseblog sehen kann.

Andrea Diener

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