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Ein neues Sams für einen schlauen Jungen

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"Das Sams" von Paul Maar ist bis heute eines der beliebtesten Kinderbücher - ohne dass darin ein Kind vorkäme. Jetzt sucht wieder ein merkwürdiges Wesen unsere Welt auf. Diesmal landet "Der Galimat" beim kleinen Jim.

© Julia BährPaul Maar liest aus „Der Galimat“ – und im Gang ist kein Durchkommen mehr

Wenn Paul Maar liest, dann tut er das natürlich hinter der Ecke mit den Comics. Und natürlich an einem Samstag, wo dieser Gang völlig verstopft ist mit Anime-Figuren, die sich notdürftig als Menschen verkleidet haben. Nur mühsam kann man sich durchquetschen, und dann steht da ein neues Hindernis: Etwa hundert Kinder und Erwachsene, die alle mit demselben Blick verklärt in eine Richtung starren. Dort steht nämlich Paul Maar auf der Bühne.

Wenn „onkelhaft“ nicht so eine schmierige Konnotation hätte, müsste man ihm genau dieses Attribut am Band umhängen. Paul Maar strahlt eine solche Freundlichkeit aus, dass die Kinder an seinen Lippen hängen. Er spricht, wie er schreibt – und das führt dazu, dass kaum zu erkennen ist, wann er gerade aus seinem neuen Buch „Der Galimat“ liest und wann er nur Übergänge zusammenfasst.

Im Frühjahr erscheint das Kinderbuch, und man könnte böswillig anmerken, dass er das Prinzip Sams abgewandelt neu auflegt. Aber diese Figur war einfach so gut, dass Variationen von ihr wahrscheinlich noch fünf weitere Bücher tragen würden. Der Galimat jedenfalls, der eines Tages bei Jim im Kinderzimmer sitzt, hat eher Pumucklgröße, ist aber nach unseren Maßstäben ebenso ungezogen wie das Sams: Er spuckt gerne auf den Boden. Andererseits besteht der Galimat auf der Höflichkeitsgeste, das letzte Wort seiner Rede doppelt zu sagen. Damit der andere weiß, wann er antworten kann.

Jim kann diesen neuen Kumpel gut gebrauchen, weil er ein fotografisches Gedächtnis hat und dazu eine Art Klugscheiß-Tourette. Wenn also jemand einen Begriff gebraucht, muss Jim gleich eine lexikalische Erklärung dazu aussprechen. Das macht ihn in seiner Klasse nicht sonderlich beliebt. Sein Onkel und seine Tante, bei denen er lebt, fördern sein Talent jedoch mittels eines seltsamen Spiels, bei dem er für jede korrekt wiedergegebene Definition eine weitere Scheibe Wurst auf sein Brötchen bekommt.

Das mag jetzt ein bisschen nach den bösen Verwandten von Harry Potter klingen, aber bei Maar ist die Familie eigentlich nur verschroben. So verschroben wie das ganze Buch. Sein uneingeschränkter Genuss erfordert allerdings eine gewisse Vorbereitung, und da sind Sie als Leser dieses Artikels jetzt ganz klar im Vorteil: Wer kein Kind im richtigen Alter hat, sollte sich rechtzeitig bei Freunden eines ausleihen, um „Der Galimat“ jemandem vorlesen zu können. Melden Sie das frühzeitig an. Sonst wollen die Eltern das am Ende noch selbst machen.

Julia Bähr

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1 Lesermeinung

  1. Paul Maar ist klasse
    Und „verschroben“ ist genau das richtige Wort, das auf seine Bücher eigentlich immer irgendwie passt. Große Empfehlung übrigens: „Türme“, ein prima Sachbuch, das ich als Kind schon gemocht habe und meine jetzt auch schätzen 🙂

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