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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Hotlist-Sieg für eine Studenten-WG, in der keiner putzt

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Endlich eine Party, auf der es etwas zu tun gibt: einen Preis vergeben, einem Preisträger applaudieren und die nominierten Bücher durchblättern. Das macht die Hotlist-Party zu einer der angenehmsten.

© Julia BährAnd the winner is . . .

Prominenz ist natürlich keine da. Was soll die auch hier? Bei der Hotlist-Party feiern die kleinen Verlage, und das machen sie ausgezeichnet. Das Publikum ist entspannt und sympathisch, die Preisträger meist ganz niedlich aufgeregt. So einen Preis bekommt man ja als unabhängiger Verlag nicht alle Tage.

In diesem Jahr trifft es zuerst den Berliner Aviva Verlag, der den Melusine-Huss-Preis und damit einen Druckereigutschein über 4000 Euro gewinnt für das Buch „Mädchenhimmel!“, einen gehobenen Schatz: Die Wienerin Lili Grün, von der die Gedichte und Geschichten darin stammen, starb 1942 in einem weißrussischen Vernichtungslager. Der Aviva Verlag nahm sich ihrer Werke an, die sich mit selbstbewussten jungen Frauen in den Zwanzigerjahren beschäftigen.

Dann, Trommelwirbel, der Hauptpreis: Als die hinten im völlig überfüllten Saal des Literaturhauses stehenden Menschen nur noch leise röcheln können, wird der Zürcher Verlag Lars Müller Publishers als Gewinner verkündet. Und das völlig zu Recht: Der ausgezeichnete Bildband des Fotografen Andri Pol zeigt „Menschen am CERN“ und macht damit auf verblüffende Weise alle Erwartungen zunichte, die man an diesen Ort hatte.

Ein bisschen Zeit muss man sich für diesen dicken Wälzer schon nehmen, aber es lohnt sich. Die Europäische Organisation für Kernforschung logiert in einem Gebäude, in dem etliche Türen mittels kleiner Piktogramme von einem Putzfrauenverbot künden, damit keine wertvollen Notizen von den Tafeln gewischt werden. Und genau so sieht das dann auch aus: wie eine Studenten-WG, in der keiner putzt und in der jeder anziehen darf, was er will. Den Teilchen in ihrem Beschleuniger ist das schließlich egal. Auf einer Kommode im Flur liegen Taucherflossen und ein Schlauchboot, die lose Rückwand eines Schrankes ist mit Kreppband vollkommen dilettantisch festgeklebt, quer durchs Treppenhaus ragen dicke, eher provisorisch angebrachte Rohre. Dazwischen sind immer wieder Menschen zu sehen, die im Idealfall sehr konzentriert und ansonsten auch gerne mit Verwirrung im Blick vor Berechnungen oder Kabelsalat stehen. Homer Simpson mit seinem Job im Atomkraftwerk ist da noch die beruhigendste Assoziation.

© Julia BährDie Lobby als Ausnüchterungsgarant

Wer sich mit diesem und den anderen nominierten Büchern in der Bibliothek ausreichend beschäftigt hat, kann zurück in den großen Saal gehen. Dort sind inzwischen die Stühle abgebaut. Erste Menschen tanzen verzagt, die Musik ist noch nicht so richtig beatlastig, und vielleicht stört auch die Helligkeit in der Lobby, die jeden schlagartig ernüchtert. Sei’s drum. Man tanzt sich schon ein.

Julia Bähr

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