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Von Finnen lernen heißt Verlieren lernen

Mund abputzen, weitermachen: Kein Land verliert beim Fußball mit einer derartigen Seelenruhe wie die Finnen. Woher kommt diese Gelassenheit? Drei Autoren versuchten sich an Erklärungen.

© Julia BährJan Costin Wagner, Kjell Westö, Florian Werner und Wolfram Eilenberger (v.l.n.r.) versuchen sich an einer Psychoanalyse

Schauen Sie in die Gesichter dieser vier Männer. Fällt Ihnen was auf? Ja, genau: Fußball ist eine verdammt ernste Angelegenheit. Vor allem in Finnland, wo zwar schöner Fußball gespielt wird, aber die Niederlage Tradition hat. Noch nie schaffte Finnland es zu einer Weltmeisterschaft; selbst die Europameisterschaften fanden sämtlich ohne diese Nation statt. Da gewinnt man eine gewisse Routine dahin, die Niederlage hinzunehmen. Ein Themenfeld, dem sich der finnlandschwedische Schriftsteller Kjell Westö und zwei Mitglieder der Nationalmannschaft der deutschen Autoren widmeten: Jan Costin Wagner und Wolfram Eilenberger sind beide mit Finninen verheiratet und haben mehrere Jahre in Finnland gelebt. Gemeinsam wollten sie der „Kunst der stillen Niederlage“ auf den Grund gehen.

Doch bevor es ums Verlieren ging, ließ Moderator Florian Werner, ebenfalls Mitglied der Autorenmannschaft, jeden der Herren von dessen größtem Fußballerfolg berichten. Sowas mögen Freizeitsportler ja, da löste sich die Stimmung sofort. Bei Jan Costin Wagner sind die Erfolge schon etwas länger her, aber man sagt, die Drehung, bei der er sich damals das Kreuzband riss, sei unglaublich elegant gewesen. Westö stammt aus einer Familie voller Fußballbegabung und wurde selbst bei der Verteilung übergangen. Die Liga, in der er einst spielte, beschrieb er als so niedrig, dass sie im deutschen System keine Entsprechung finde. Eilenberger hingegen schoss einmal einen Eckstoß direkt ins Tor und ist seitdem bei seinen Kindern eine große, unangefochtene Autorität in Sachen Fußball.

Finnland hingegen ist eher beim Eishockey und Skispringen erfolgreich – auch wenn, wie Wagner anmerkte, die Skispringer selbst nach einem Sieg wirkten, als hätten sie gerade verloren. Eilenberger lieferte die Erklärung dazu: „Ihr Singen ist ein Summen, ihr Jubeln eine Geste, ihr Siegen ein Versehen.“ Doch Finnen hegten eine liebevolle Haltung zum Verlieren, sähen es als „normale und sogar wünschenswerte Form ihrer Existenz an“. Sich bemühen und dennoch mit der Niederlage rechnen: Das ist eine friedvolle Einstellung, die Generationen von Mentaltrainern den deutschen Spielern nachhaltig ausgetrieben haben.

Heute Abend geht es für die Finnen gegen Griechenland übrigens wieder um die Qualifikation zur EM. Und so gewöhnt er an die Niederlage auch sein mag, Westö wünscht sich trotzdem das Weiterkommen für seine Mannschaft: „Diesmal kommen vierundzwanzig statt sechzehn Ländern in die Gruppenphase.“ Auch lässt sich die Gruppe mit Rumänien, Ungarn, Nordirland und den Färöer Inseln als weiteren Kandidaten schwerlich als Todesgruppe bezeichnen. Daher: „Jetzt oder niemals!“ Doch selbst wenn die Finnen es wieder nicht schaffen, Eilenberger wusste tröstende Worte: „Wer gegen Finnen gewinnt, hat sie noch lange nicht besiegt.“ Und wer eine finnische Schwiegerfamilie hat, muss das wissen.

Julia Bähr

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