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Wenn der Briefkasten spricht

Im Frankfurter Gallusviertel liest der Satiriker Thomas Kapielski aus seinem flirrenden Roman „Je dickens, destojewski“. Das Publikum wirkt berauscht.

© dpaSein erster Roman ist gleich ein ziemlich weiter Wurf: Thomas Kapielski

Vieles dreht sich auf dieser Veranstaltung ums Bier. Im Vorderhaus der Galerie Schwalbe hat der Leipziger Künstler Metulski eine Reihe schaumiger Bierstillleben aufgehängt, noch ein gewöhnungsbedürftiges Genre. Im Hinterhof hat sich derweil ein Spalier aus Lederjacken- und Turnschuhträgern auf zwei Bierbänken niedergelassen. Frühschoppenatmosphäre. Bierbügel ploppen. Details aus dem Innenleben der Offenbacher Kickers machen die Runde. Spieler seien allein nach Videoansicht verpflichtet worden. Böse Gerüchte. Am Ende der Bank sitzt im braunen Anzug der Berliner Künstler, Philosoph und Autor Thomas Kapielski. Er blickt stoisch drein. Von ihm stammt das Bonmot: „Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein.“

Beides ist nicht zu fürchten. Das Publikum füllt inzwischen den schmucklosen Leseraum bis auf den letzten Platz. Rege Wanderbewegung zum Kühlschrank mit dem Bier. Bieriges auch auf dem Büchertisch: „Das perfekte Wirtshaus“ und „Die Poesie des Biers“ des Frankfurter Satirikers Jürgen Roth, dem zweiten Leser an diesem Vormittag. Dazu das kleine Manifest „Rettet die Raucher“. Gelassen verstreicht die Zeit.

© privatBierpause im Hinterhof der Galerie Schwalbe

Kapielski ergreift das Wort mit bebender, voluminöser Stimme. Er hat seinen ersten Roman vorgelegt, „Je dickens, destojewski“, und es ist ein Roman von beträchtlichem Volumen geworden. Vieles passt da hinein: Geschichten aus der Welt der Reiterhöfe, Förster und Kommissare, Reformhäuser in Berlin und Bamberg, ein bisher unbekannter Held – Ernst L. Wuboldt – und seine zwei Gespielinnen: Murmel, ein „festes, griffiges Wesen“, und Spindel, ein „zartes, beispringendes“. Außerdem eine Servierkraft namens Susi mit einem aufsehenerregenden Zweitnamen, der aber erst in einem späteren Kapitel genannt werden wird. „Das sind so die Tricks der Romantechnik“, sagt Kapielski, ganz alter Hase.

Der er eigentlich nicht ist. Lange, sagt er, hat er sich dem Genre verweigert. Er hielt die Romankunst für abgewirtschaftet, ähnlich dem Scherenschnitt. Immer stünden da Sätze wie „Gisela sitzt auf dem Bett und raucht.“ Zweifel kamen von anderer Seite. Könne er überhaupt einen Roman schreiben? Das scheint ihn gewurmt zu haben. Er schrieb los mit dem Versprechen, es einmal und dann nie wieder zu tun.

Das Personal seines Erstlings gruppiert sich um zwei Stammtische im Spandauer Wirtshaus Büttelmann und dem Fässla im fränkischen Bockbierparadies Bamberg. Als moderner Romancier fühlte Kapielski auch die Pflicht zur Metafiktion: Der Schöpfer des Wuboldt ist der sogenannte Pohle, der selbst in die von ihm geschaffene Romanwelt hinabsteigt, als sein Geschöpf zu frech wird. Augenblicklich lässt er ihn altern, gestrichen wird auch der Geschlechtsverkehr.

Ob es daran liegt, dass Wuboldt bald seine ihm wenig bekannte Ehefrau ermordet, wird sich in der Lesung nicht ganz erschließen. Kapielski springt vom Vorwort zu den hinteren Seiten. Sein Held ist nach Bamberg geflohen. In einer stillen Minute fragt er einen Briefkasten, ob er als Verursacher des Mordes an seiner Ehefrau für das Leichenbegängnis aufkommen müsse. Der Briefkasten bejaht. Später soll noch eine Wallfahrtskerze zu Wort kommen. Sie aber wird schweigen.

Thomas Thiel

 

 

 

 

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