Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Frauen, das nicht zu erforschende Geschlecht

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Zum sechsundfünfzigsten Mal lädt Suhrkamp zum Kritikerempfang. Alles ist wie immer – und doch könnte dieser Abend das Ende einer Ära markieren.

Ulla Unseld-Berkéwicz ,it Peter Sloterdijk(Foto Michael Jung)Ulla Unseld-Berkéwicz mit Peter Sloterdijk (Foto Helmut Fricke)

Mittwoch in der Klettenbergstraße. Zum Zeremoniell dieser kollektiven Betriebserfahrung gehört, dass die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz die Treppe der Villa Unseld herabsteigt, die Gäste zum diesmal sechsundfünfzigsten Kritikerempfang des Suhrkamp Verlags begrüßt und die Namen der anwesenden Autoren des Hauses verliest: Diesmal sind unter anderen Heinz Helle, Clemens J. Setz, Andreas Maier, Wolf Singer und Peter Sloterdijk gekommen, und der Philosoph nimmt sodann Platz, um aus seinem „Schelling-Projekt“ zu lesen, das im nächsten Frühjahr erscheinen wird. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein philosophisches Traktat, sondern um einen erotisch aufgeladenen Korrespondenzroman, dessen Protagonisten, Paläontologen, sich dem merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Lebewesen vergangener Erdzeitalter zur Paarungszeit widmen. Schon mit den Männern sei das nicht einfach, Frauen jedoch das nicht zu erforschende Geschlecht? 

Noch ehe man ins Grübeln über Altherrenphantasien kommt, ist die Lesung schon wieder vorüber, und es werden Getränke und Häppchen gereicht. Autoren, Lektoren, Kritiker stehen eng beieinander, man hat sich viel zu erzählen. Raucht auf der Terrasse, winkt sich zu, verabschiedet sich, um sich bei der nächsten Party aufs Neue zu treffen, ob gleich bei den Österreichern oder später bei Rowohlt, ist noch nicht ausgemacht.

Nach Jahren der Auseinandersetzungen, die dem Verlag zugesetzt haben, ist in der Villa Unseld Erleichterung spürbar. Und doch liegt ein Abschied in der Luft. Denn wenn alles so kommt wie angekündigt, und die Verlegerin tatsächlich noch in diesem Jahr in den Aufsichtsrat wechselt, könnte es sich an diesem Abend womöglich um den letzten Kritikerempfang unter der Ägide von Ulla Unseld-Berkéwicz gehandelt haben. Der alleinige Vorstand des Verlags wird dann Jonathan Landgrebe sein. Am Mittwoch verließ der Achtunddreißigjährige den Empfang frühzeitig, um einer Lesung von Isabel Allende beizuwohnen. Sollte er nächstes Jahr Gastgeber sein, ob er dann auch den Weg über die Treppe wählt?

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1 Lesermeinung

  1. Eine andere
    Alles ist so second hand. So abgestanden und abgelebt. Es könnte unendlich toll sein, wenn man nicht relevant sein wollte – um der Tradition willen. YSL allein hat es in seiner spektakulären Verwandlung zu Des Esseintes verstanden, der eigenen Erschlaffung eine uneinholbare Größe zu verleihen. Dazu sollte man vielleicht nicht gerade wie eine Ladyschaft vom Lande erscheinen, die ihre Pächter begrüßt. Selbst wenn man diesen Look als Affront wählen wollte, wäre er doch völlig inkompatibel zu Coloration in extremis. Fake by nature. Das ist viel zu angestrengt, viel zu gewollt, viel zu viel Hoffnung im Hoffnungslosen. Sterben ist eine Kunst. Eine konnte es besonders gut. Eine definitiv andere.

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