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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Sklaven der Gender-Debatte

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Foto Julia BährFoto Julia Bähr

Wenn überhaupt etwas eine Diskussion in Sekundenbruchteilen lähmen kann, dann sind es Pauschalurteile. Die Gender-Debatte eignet sich da besonders gut: Alle Männer sind ja soundso, alle Frauen sind ja soundso, alle Familien heutzutage soundso. Davor konnte sich auch die Runde zum Thema „Sklave des Geschlechts. Zwischen freiem Willen und genetischer Prägung“ auf der Open Stage der Buchmesse nicht retten. Evolutionsbiologe Thomas Junker, Transvestit Jutta P und die Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld sprachen dort mit Bascha Mika – und schon nach einer Viertelstunde alle gleichzeitig, was ihnen bei der Eiseskälte auf der Agora wahrscheinlich vor allem dazu diente, sich selbst warm zu halten.

Den mit Abstand besten Satz richtete dabei Ingelore Ebberfeld an Jutta P, die als Jürgen erschienen war: „Ach, Sie sind homosexuell und haben deshalb zwei Namen?“ Anstatt freundlich zu antworten, jawohl, das sei bei allen Homosexuellen so, manche Lesben hätten aber sogar zwei weibliche Namen, je nachdem, reagierte der Travestiekünstler nüchtern: „Nein, das ist wegen meinem Job!“ Wieder etwas für die Aufklärung getan. Das kann man aber gleich wieder wettmachen, indem man Pauschalurteile drischt: Wenn sogar ein Travestiekünstler sich beschwert, Frauen sollten doch wieder Frauen sein wollen, und Kinder (ALLE KINDER!) wüchsen heutzutage nur als Eintrag in Terminkalendern auf, ohne Aufmerksamkeit, ohne Freiheit, muss einem um die Wählerschaft der konservativen Parteien wirklich nicht bange sein. Wer versklavt uns hier eigentlich – unser Geschlecht oder doch die engstirnig geführte Gender-Debatte?

Foto Julia Bährv.l.n.r.: FR-Chefredakteurin Bascha Mika, Evolutionsbiologe Thomas Junker, Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld, Jürgen alias Jutta P (Foto Julia Bähr)

Der zweite schöne Moment entstand, als Evolutionsbiologe Junker erklärte, die Menschen seien wahrscheinlich alle (ALLE!) bisexuell. Das merke man unter anderem daran, dass Fußballer nach einem Tor einander zu mehreren umarmten, wofür er den anmutigen Begriff „Paarungsknäuel“ benutzte. Wir führen den Gedanken konsequent fort und halten fest: Fußballer sind bi und stehen auf Sex mit mehreren Partnern, gerne verschwitzt. Wenn das die Spielerfrauen hören, dann stechen sie aber die Bälle an!

Ein paar klare Gedanken ließen sich jedoch auch aus dieser Diskussion ziehen. In allen Kulturen versuchten Frauen und Männer, sich äußerlich voneinander zu unterscheiden, erklärte Ebberfeld. Wenn das mit Kleidung nicht ginge, dann eben mit unterschiedlichen Frisuren. Es gebe offenbar ein Bedürfnis danach, das von Ethnie und Gesellschaft unabhängig sei. Woher dieses Bedürfnis rühren könnte, deutete Junker in einem anderen Zusammenhang an: Erotische Anziehung basiere nun mal nicht auf Gleichheit, sondern auf Ungleichheit. Das wiederum sollte den Spielerfrauen Hoffnung machen.

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4 Lesermeinungen

  1. Ein herzergreifendes Buchmesseereignis
    Aber von Büchern war in dieser Runde wohl nicht die Rede?
    Schade, dass man Adam und Eva ausgeladen hatte. Was hätten sie wohl dazu gesagt?

    Mit fielen Grüßen,

    Bernard del Monaco

  2. Wenn es Subjekt wird, wird es kein Weib mehr sein
    Androgyn sei der zukünftige Mensch. Die heutige Mode machte es schon vor, meinte Bornemann vor einiger Zeit schon. Und wenn der Genetiker Bryan Sykes nicht das baldige Ende „Adams“ – in etwa 125000 Jahren nämlich – verkündet hätte, wäre mir vielleicht gar nicht aufgefallen, wie da das Kapital an der Aufhebung der Geschlechterdifferenz arbeitet, während es an der Klassendifferenz klebt wie an der sprichwörtlichen Scheiße. Das Weib sollte sich schon klarmachen, dass es halt nicht mehr Weib sein soll, wenn es (endlich) Subjekt wird (Roswitha Scholz). Mag sein, dass mich da die Travestie noch zum Lachen bringt. Vorausgesetzt, die Künstler leisten da einen Beitrag zur „Permanenz der Kunst“ (Marcuse), verführen sich und das Publikum zur Selbstkritik, statt das gesellschaftliche Bewusstsein nur einzuseifen. Die Genderdebatte macht uns nicht zu Sklaven, in ihr offenbart sich nur unser Sklavendasein. Ein Dasein, das uns auch noch darüber lachen lässt, dass wir nichts davon

    • Korrektur
      Der letzte Satz ist verstümmelt. Muss lauten: Ein Dasein, das uns auch noch darüber lachen lässt, dass wir nichts davon ahnen.

  3. Enttäuschende Nichtbehandlung des Titelthemas
    Der Artikel behandelt nicht ansatzweise das, was der Titel vorgibt. Allem Anschein nach taten das die Diskutanten auch nicht. (Nicht einmal Herr Junker scheint wissenschaftliche Kompetenz beigetragen zu haben.)

    Der Wissensstand in den einschlägigen empirischen Disziplinen ist schon längst viel weiter, als es das Feuilletongerede von „der Gender-Debatte“ nahelegt. Mit Artikeln wie diesem kommt man einer nötigen Aufklärung der Öffentlichkeit kein Stück näher.

    Und, Frau Bähr: Selbstverständlich sind gehaltvolle Verallgemeinerungen über Populationen hinweg möglich, die nicht in ausnahmslosen Allaussagen bestehen. Nur müssen diese statistischen Tendenzen dann auch als solche ausgedrückt werden – und vor allem auch über weitaus weniger krude und oberflächliche Merkmale formuliert werden, als sie offenbar die obigen Witzdiskutanten verwendeten.

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