Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Einfach auf die Brille setzen

(Foto dapd)(Foto dapd)

Um ein Haar hätte es diesen Text wegen einer akuten Aufwallung heftiger Ekelgefühle gar nicht geben können. Nur fünf Minuten, nachdem Johann-Günther König seinen Vortrag über die Geschichte der Notdurft begann, wollte ich die Veranstaltung verlassen. Das lag allerdings nicht an der Kulturgeschichte des Kackens, die König in „Das große Geschäft: Eine kleine Geschichte der menschlichen Notdurft“ ausbreitet. Schuld war der Messebesucher auf der Bank vor mir, der (womöglich inspiriert vom Thema) beide Hände hinten in seinem Hosenbund tief versenkte. Das alleine hätte ich tapfer ertragen, doch dann begann der Herr neben mir, den übrig gebliebenen Schaum aus seinem Cappuccino-Pappbecher mit den Fingern auszuschaben und jene mit lauten Schmatzgeräuschen abzuschlecken.

Foto Julia BährFoto Julia Bähr

Aber auch das größte Elend währt nicht ewiglich. Der Pappbecher war irgendwann leer, also war es mir möglich, mich auf den vortragenden Herrn mit Siegelring zu konzentrieren, der gerade sagte, man dürfe sich in öffentlichen Toiletten ruhig mit dem Hintern auf die Brille setzen, aber bloß nicht den Türgriff anfassen. Ja, das hat man schon mal irgendwo gehört, und es ist wahrscheinlich nicht die allerschlechteste Idee, einfach beides bleiben zu lassen, aber vielleicht wäre das als Faustregel zu schlicht.

Wirklich interessant wurde es, als König die Frage thematisierte, wie man eigentlich früher auf der Frankfurter Messe sein Geschäft verrichtete. Er verlas hierzu einen Bericht eines Gerbers, der sich fasziniert zeigte von den Frauen, die an Balken über ihren Schultern Eimer trugen, bedeckt von riesigen Umhängen. „Möcht mal aaner?“ hätten diese Damen gerufen, und dann und wann sei jemand unter dem Umhang verschwunden, um sich auf einen der Eimer zu setzen. Da kann die Buchbranche noch so sehr unter den modernen Zeiten und der digitalen Raubkopiererei ächzen: Früher war nicht alles besser.

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