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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

So schlecht geht es den E-Books gar nicht

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Die Preisträger© kueDie Preisträger

Wer erinnert sich eigentlich noch an diese International-E-Book-Award-Galas Anfang der nuller Jahre in der Alten Oper? Vormittags hielt der Stiftungsvorsitzende Hof im Frankfurter Hof, abends feierte sich das Next Big Thing ein paar Jahre lang mit allerlei Tamtam im Mozartsaal, einmal huschte sogar der scheue Houellebecq mit tief in die Stirn gezogener Kapuze rechtzeitig herein, als es gerade um die Auszeichnung des besten Romans ging, und rasch wieder hinaus, als nicht er es war, der ihn bekommen sollte. Dann wurde es still ums E-Book. Dann wurde es wieder laut ums E-Book. Und gerade wird es wieder etwas leiser darum: Die Zahlen wollen in letzter Zeit nicht so recht, weder beim Geräte-, noch beim Dateienverkauf, was aber nichts heißen will.

Schon gar nicht, dass nicht längst bis in die großen Verlage hinein die Vorteile der Format-, Produktions- und Vertriebsfreiheiten erkannt worden wären, das, wenn man so will Hemdsärmelige des E-Books, und viele Veröffentlichungen auf den Markt kommen, die den genaueren Blick lohnen.

Das, wenn man so will, Hemdsärmelige stellt die Bühne in der Halle 4.1, auf der an diesem Donnnerstagabend die Träger des deutschen E-Book-Awards gekürt werden, auf fast schon selbstgefällige Weise aus: vom Rednerpult baumelt eine Leinentasche, seltsam pelzige Sitzquader in Leichtbauweise bieten sich davor zum Kauern an. Drei Kandidaten in den Kategorien Fiktion, Sach- und Kinderbuch werden rasch über die Präsentationsleinwand gewischt, ein Juror bedauert, keinen Briefumschlag öffnen zu müssen, bevor er die Preisträger verkündet, man drängt sich nach vorne, dankt ohne Mikro, dann noch einmal für alle, und nimmt eine zackige Trophäe entgegen.

Ausgezeichnet werden hier allerdings keine auf E-Readern abrufbaren Textdateien, sondern multimediale Kombinationen, deren tragendes Element die Schrift und deren häufigste Darbietungsform die App ist. Die Autorin Elke Heinemann, deren Kolumne E-Lektüren jeden Monat in der F.A.Z. erscheint, wird für ihr sogenanntes Kriminalrondo „Nichts ist, wie es ist“ ausgezeichnet, der Verlag Mixtvision darf sich ein paar Monate lang über den Preis für ihre App-Adaption von Janoschs Klassiker „Oh, wie schön ist Panama“ freuen, bevor der Verlag Beltz & Gelberg das Werk im kommenden Jahr als so genanntes „Superbuch“ vermarkten wird. So nennt sich eine neue Buch-App-Kombination, die, von Oetinger entwickelt, im Februar mit Bilderbüchern aus neun Verlagen starten wird und just am Abend zuvor mit einigem Tamtam als Next Big Thing auf der Buchmesse vorgestellt worden ist: Statt nur damit zu daddeln, sollen Kinder ihre Tablet-Computer künftig über Bücher halten und sich an Bewegungen, Klängen und kleinen Quizfragen erfreuen. Von user experience und unique selling points war da die Rede, und die Präsentation gipfelte in der feierlichen Vorstellung eines freeze buttons, der die ganzen über den Bildschirm abrufbaren Bewegungen in den Illustrationen der Bücher mit einer Berührung zum Stillstand bringt, damit die Kinder das Bild in Ruhe erkunden können. Das wäre ja – fast als würde man einfach nur das Buch anschauen!

In der Sachbuchkategorie wurde ein Geschichtsbuch vom Institut für digitales Lernen der Universität Eichstätt ausgezeichnet, das die Jury durch die vielseitige Aufbereitung des Stoffes und die Wahl des Mediums überzeugte: Statt ein Download oder eine App zu erfordern, ist das so genannte mbook, das die bayerische Universität in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium Nordrhein-Westfalen entwickelt hat, schlichtweg web-basiert. Zukunftsweisend! Schulbuchverlage dürften bei diesem Projekt ebenso hellhörig werden wie App-Entwickler. Und auch das Wissenschaftsministerium des Freistaats könnte sich demnächst einmal fragen, ob die Forschung der landeseigenen Universität nicht auch den Schülern des Landes zugute kommen sollten.

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