Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Hundert Jahre Knast mehr: Rapper Xatar auf der Buchmesse

Kant, Knast, Buchmesse: Rapper Xatar im Gespräch mit Tobias KargollKant, Knast, Buchmesse: Rapper Xatar im Gespräch mit Tobias Kargoll

Hiphop-Interviews entwickeln sich offenbar gerade zu einer ganz eigenen Kunstgattung. Das bewies nicht nur jüngst das 98-Stunden- Interview mit Bushido, sondern auch das von Tobias „Toxik“ Kargoll (hiphop.de) mit Rapper und „Alles oder Nix“-Label-Chef Xatar („Chatar“) auf der Buchmesse.

Sie sprachen über Xatars Autobiographie „Alles oder nix“, den Goldraub, seine multiplen Gefängnisaufenthalte und den Entstehungsprozess des Buches. „Nach der ersten Fassung des Buches hätte mir jeder hundert Jahre Knast mehr gewünscht“, äußerte er  und erklärte, dass er sein Leben am Anfang nur trocken und ungefiltert aufgeschrieben hat. Die Beweggründe, die zu seinen Handlungen führten, kamen erst in den weiteren Fassungen dazu.

Das Buch habe er, anders als viele Rapper oder Schauspieler, alleine geschrieben, der Lektor habe es bloß drastisch gekürzt und in Form gebracht. In den ersten Jahren seiner letzten Haftstrafe habe er 120 Rapsongs geschrieben, bis er die Lust verlor, weil er mit ihnen nichts anfangen konnte, da es zu viele waren. „Ich hatte im Knast zu viel Zeit“, sagt er. Dann habe er irgendwann eine Schreibmaschine gestellt bekommen und einfach angefangen sein Leben aufzuschreiben. Daraus sind amtliche 1400 Seiten entstanden, die der Lektor aber zum letztendlichen Buch eingedampft hat.

Da er sich nicht als lupenreiner Autor sieht, antwortete er auf die Frage, wie er sich dem Schreiben angenähert hat: „Ich war auf so einem ekelhaften Gymnasium, hab studiert und viel gelesen. Ich bin als guter Leser an das Schreiben gegangen.“ In seiner Schulzeit habe sich Xatar auch viel mit Kant, Nietzsche und Philosophie beschäftigt, bis er darin irgendwann keinen Sinn mehr gesehen habe. Und er vor der Pubertät habe er durch Karl-May-Bücher wie „Durchs wilde Kurdistan“ mehr gelernt als von jedem Pädagogen.

Als Tobias Kargoll ihn danach fragt, was das Buch bewirken soll, verweist er auf seinen bisherigen Lebensweg. Ihm ginge es in dem Buch um den Konflikt zwischen Gut und Böse und die Differenzierung zwischen Gut und Böse. Die Auffassung von Falsch und Richtig sei bei ihm früher anders gewesen als bei den meisten. Ein Schlüsselerlebnis habe er in einem Gefängnis im Irak gehabt. Nach einem Konflikt mit einem anderen Insassen war Xatar im Begriff, so temperamentvoll eine Schlägerei anzuzetteln, wie er es von der Straße in Deutschland gewohnt war. Doch die Selbsterkenntnis und die Infragestellung des eigenen Handelns kam ihm, als die anderen Insassen, die den Konflikt mitbekommen haben, ihn schräg angesehen haben: „Wieso regst du dich so auf? Wie, du willst den schlagen? Sowas machen wir hier nicht!“

Heute findet Xatar, dass er mit gewissen Handlungen in seiner Vergangenheit dennoch die richtige Entscheidung getroffen habe, selbst wenn sie nicht legal oder in herkömmlicher Weise die „richtige“ war und andere Leute sie nicht nachvollziehen können. „Wenn du so aufwächst wie ich, dann ist es normal, dass der Dealer dein Vorbild ist. Das verstehen viele Leute nicht.“

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