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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

„Ich will schon irgendwann einen großen Klassiker schreiben“

| 8 Lesermeinungen

Kat Kaufmann© Alexey KiselevKat Kaufmann

Gerade mal zwanzig Sekunden ist Kat Kaufmann beim Deutschlandfunk live auf Sendung, da hat sie auch schon Kacke gesagt. Weitere drei Minuten später erklärt sie, warum „Ich ficke dich“ in der Skaterszene nicht sexuell konnotiert ist. Der Moderator hängt an ihren Lippen, hat aber auch einen Anflug von Panik im Blick: Was wird diese Frau wohl als Nächstes sagen?

Kurz darauf steht Kat Kaufmann auf dem Hof zwischen den Messehallen, um frische Luft zu schnappen. Ein kalter Wind weht, sie nippt an einem Pappbecher mit Kaffee. Es ist ihre erste Buchmesse, ihr erstes Buch; gerade nahm sie den aspekte-Literaturpreis dafür entgegen. „Der Schriftstellerin Kat Kaufmann gelingt es in ihrem Debüt-Roman ‚Superposition‘ in großartiger Weise, die großen Fragen unserer Zeit neu zu stellen“, erklärte die Jury, und als die Vierunddreißigjährige sich bei der Verleihung die ganze Interpretation ihres Romans vorlesen lassen musste, fror ihr Gesicht vorübergehend ein. Das professionelle Grinsen, mit dem viele etablierte Autoren solche unangenehmen Situationen über sich ergehen lassen, hat sich die Debütantin noch nicht angewöhnt.

„Ich steh eigentlich gar nicht gern im Mittelpunkt. Ich stelle lieber andere in den Mittelpunkt, beim Fotografieren und beim Schreiben“, sagt Kaufmann, und wie sie da so zierlich in ihrem großen schwarzen Mantel verschwindet, glaubt man ihr das. Wer sie allerdings in den Interviews erlebt, würde auf eine Rampensau ersten Grades tippen. Viel redet sie dort, schnell, lebhaft und lange, mit tiefer Stimme. Beim Gespräch auf dem Blauen Sofa rutscht sie immer weiter nach links, weg vom Moderator, bis sie fast auf der überdimensionalen Urkunde des Literaturpreises sitzt. Aber nicht etwa aus Schüchternheit: Kaufmann beansprucht den Luftraum, um ausgiebig zu gestikulieren.

superLampenfieber hat die Frau nicht: Als ausgebildete Jazzmusikerin stand sie oft genug auf Bühnen. Sie waren allerdings oft genug von der Art wie in „Superposition“. Da spielt ihre Hauptfigur Izy Lewin bei einem Firmenfest mit ihrem Jazztrio, bis ein Mitarbeiter kommt. „Dann stellt der sein Bier auf mein Klavier und sagt: ‚Wirklich nicht schlecht, was ihr da so macht … Ich wollte mal fragen, ob ihr auch was Flotteres spielen könnt, was Schönes, was Rockiges vielleicht.‘“ Jazzgesang zu studieren, nein, das würde sie heute wirklich niemandem raten, sagt Kaufmann. Im Anschluss absolvierte sie ein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen, sie schreibt heute Filmmusik und arbeitet als Fotografin. Und dann ist da noch das Buch. Es ist ein sehr persönliches Buch voller Gedankengänge mit lässigem Witz. Vieles, was Izy darin widerfährt, hat Kaufmann selbst erlebt. Wie ihre Protagonistin stammt sie aus Sankt Petersburg und ist im Alter von zehn Jahren nach Deutschland gekommen.

Quer über den Hof kommt ein Mann auf Kaufmann zu. Er ist Drehbuchautor, die beiden haben sich am Vorabend in der Bar des edlen Frankfurter Hofs kennengelernt, wo Kaufmann auch schläft. „Das ist kein Badezimmer, das ist eine Badelandschaft“, berichtet sie mit großen Augen. „Gegenüber der Badewanne steht ein Fernseher!“ Er hingegen ist in einer besseren Absteige untergebracht und bietet ihr scherzhaft an, zu tauschen, damit sie so etwas auch mal erleben könne. Kaufmann lacht. „Ich war Asylantin! Ich hab genug erlebt in der Hinsicht.“ Ein Jahr lang lebte sie als Kind mit ihren Eltern, ihrem älteren Bruder und ihrer Großmutter in Sachsen-Anhalt in einer Flüchtlingsunterkunft, ehe die Familie nach Leipzig zog. Dort kürzte sie ihren Vornamen Ekaterina zu einem englisch ausgesprochenen Kat ab. „In Sachsen sagen sie sonst Ekoderino.“ Allerdings nannte sie im Freundeskreis lange überhaupt niemand beim Namen. „Dort war ich immer ‚die Russin‘. Deshalb habe ich mir vorgenommen, Deutsch so gut wie möglich zu lernen. Besser als die anderen!“

Der Ehrgeiz hat sie nicht verlassen. Während wir durch den indonesischen Gastlandpavillon schlendern, erzählt sie von ihren Plänen für nächste Bücher. „Superposition“ habe sie schreiben müssen, aber ihr sei klar, dass das zu persönlich sei, um ein Klassiker werden zu können. „Ist das denn das Ziel?“, frage ich. „Ja! Ich will schon irgendwann einen großen Klassiker schreiben“, antwortet sie. Dann setzen wir uns auf ein Sofa, auf dem sie erst mal ihre Haare bürstet. Es musste schnell gehen am Morgen, sie hat verschlafen und wäre fast zu spät zu ihrem Termin beim Deutschlandfunk gekommen. „Wozu braucht man eigentlich diese Einlasszettel?“, fragt sie, und ich sage irgendwas von Eingängen und Scannern und Taschenkontrollen. Es stellt sich heraus, dass Kat Kaufmann mit dem Taxi ankam und am Hof erfuhr, sie dürfe da jetzt nicht einfach über die Absperrung, sondern müsse einen Umweg über einen der Eingänge machen. „Da bin ich einfach zehn Meter weiter gegangen und hab dort die Absperrung auseinander geschoben“, sagt Kaufmann, und ihr Blick sagt: Kommt mir doch nicht mit solchen albernen Schikanen.

Kaufmanns Familie kam nach Deutschland, weil ihr jüdischer Vater als Theaterregisseur Repressionen ausgesetzt war. Heute steht Küf Kaufmann der israelitischen Gemeinde von Leipzig vor. „Russische Juden sind besonders anstrengend“, sagt seine Tochter. „Aber die Hochzeiten sind doch sicher super“, werfe ich ein. „Ja, stimmt. Die sind super. Es gibt immer Schlägereien.“ Lachend macht sie vor, wie Betrunkene den Arm mehrmals kreisen lassen, um ihr Opfer anzupeilen. „Bleib stehen, damit ich dich schlagen kann!“

Wenn Kaufmann eines nicht ist, dann zu langweilig für den Literaturbetrieb. Das Problem dürfte eher umgekehrt sein: Sie langweilt sich schnell. Sie wünsche sich mehr Rebellion in den Interviews, sagt sie und meint dabei die Fragesteller. Eine Lösung hat sie sich aber auch schon überlegt. „Ich würde mich gern wie eine Mischung aus Klaus Kinski und Marcel Reich-Ranicki gebärden“, sagt sie in begeistertem, aber ernsten Tonfall. „Und dabei würde ich mit irgendetwas um mich werfen.“ Ich schlage Hamster vor, aber das kommt nicht in Frage: „Den Tieren darf nichts passieren!“ Etwas Weiches soll es aber sein, und sie würde es eigens mitbringen, denn sie will niemandem etwas wegnehmen, um Wurfgeschosse zu haben. So rücksichtsvoll war Kinski wohl in keiner Sekunde seines Lebens.

Kinski hätte mich auch nicht begrüßt wie Kat Kaufmann bei unserer ersten Begegnung: „Ich hab dich gegoogelt, du hast auch Bücher geschrieben! Ich hab leider noch keines davon angelesen.“ Unsere Verabredung ist erst zwei Tage alt, aber selbst wenn sie nur kokettiert – die alten Hasen machen sich nicht mal mehr diese Mühe. Die Werbezettel, die einem überall auf der Messe entgegengestreckt und von den meisten Fachbesuchern wortlos ignoriert werden, nimmt sie an und bedankt sich freundlich. Bei der nächsten Promoterin derselben Aktion sagt sie: „Oh, das hab ich schon. Danke.“ Nur einer Frau jagt sie einen kleinen Schrecken ein, als sie vor dem indonesischen Pavillon plötzlich hinter ihr herrennt und sie anspricht. Aber es ist alles ganz harmlos: „Wo haben Sie denn die Schuhe her? Die sind so schön!“

Nach drei Interviews, einer Preisverleihung und einer Lesung endet die Buchmesse für Kat Kaufmann. Ihre Reisetasche hat sie schon dabei, später wird sie in den Zug nach Berlin steigen. Dort komponiert sie dann Balkanmusik für einen Film, fotografiert, ein Drehbuch will sie schreiben und ein Kinderbuch. „Was ich am besten kann, das ist Beobachten und Aufnehmen“, erklärt sie. „In welcher Form ich das später verarbeite, ist egal.“ Wer ihr temperamentvolles Buch liest, kann nur hoffen, dass sie das Schreiben nicht irgendwann durch Töpfern als Ausdrucksform ersetzt.

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8 Lesermeinungen

  1. Cha Cha
    Ist es nicht schön, wenn das Restringierte als das Elaborierte aufleuchtet! All diese Promotionen für die Superposition. So lange, bis sie sich erfüllt. Cha Cha.

    • Titel eingeben
      Was meinen Sie bitte? Sowohl mit „cha cha“ als auch mit „…So lange, bis sie sich erfüllt. “ – was soll sich denn erfüllen?

    • Eins, zwei
      Schön ist es, ja. Basil hätte seine helle Freude.

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  4. Easy money
    Die sich durch Promotionen selbst erfüllende Prophezeiung, also die im Ergebnis erreichte Superposition. Cha Cha – kennen Sie nicht? Feel like doing it. Easy money, wenn Sie so wollen. Schnarch.

    • Ich möchte sie verstehen
      Hallo! Leider drücken Sie sich nach wie vor sehr missverständlich aus – denn nicht ersichtlich wird, was Sie mit „Promotionen“ meinen, was „Feel like doing it“ in dem Zusammenhang bedeuten soll, und auch wer und wie das „Easy money“ womit macht, bleibt mir nach wie vor unklar. Ich fühle aber einen latenten Angriff. Nur bleibt verschleiert, worauf eigentlich..
      Herzlich, Walther

  5. Kat, die Vielseitige
    wohl ein fantastischer, hochtalentierter, schöner Schmetterling, wie es scheint und keine Eintagsfliege. Kann man einen „Klassiker“ konzipieren?
    Kompliment an Julia Bär: Einfühlsames Staunen.

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