Literaturblog

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Wettlesen am Wörthersee: Wir bloggen zum Bachmannpreis

Komm morgen wieder, Wirklichkeit

 Zur Eröffnung mischten sich sogar Autoren ins Publikum: im Klagenfurter ORF-Studio © ORFZur Eröffnung mischten sich sogar Autoren ins Publikum: im Klagenfurter ORF-Studio

Unter die vielen Gefährdungen, denen der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis ausgesetzt ist, zählt auch der argwöhnische Blick auf die Quote. Wenn man danach ginge, wie viele Menschen tatsächlich vor dem Fernseher die Veranstaltung verfolgten, so hieß es auf der Eröffnungsveranstaltung am Mittwoch, könnte man sich die Sache eigentlich nicht mehr leisten, aber natürlich leiste man sie sich trotzdem. Das heißt freilich nicht, dass man die Lage einfach so hinnimmt. Der ORF hat jedenfalls in seinem Klagenfurter Studio, wo der Wettbewerb traditionell durchgeführt wird, ein raffiniertes Mittel eingesetzt, um die Quote zu steigern: Die ohnehin knappen Plätze im Saal wurden am Freitag durch den Besuch einer Schulklasse noch einmal beschränkt, und wer nicht mindestens eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn vor der geschlossenen Tür stand, der bangte um seinen Platz. Wer aber nicht hinein kam und trotzdem den Wettbewerb verfolgen wollte, landete notgedrungen vor dem Fernseher und bescherte so der Quote womöglich ein sattes Plus.

Auf der anderen Seite der Tür lasen derweil fünf Autorinnen und Autoren, geboren zwischen 1944 und 1980 in Deutschland, Frankreich oder Israel, in fließendem, gebrochenem, betont nüchternem oder wundervoll gesungenem Deutsch. Von einem Dorf in der französischen Dauphiné war in Sylvie Schenks Text die Rede, in dem es „viel Likör, aber kaum etwas zu essen gab“, Isabelle Lehn schickte einen arbeitslosen Deutschen als Komparsen in ein Trainingslager, wo ein Afghanistan-Einsatz simuliert und abends Fressrekorde gebrochen wurden, und Tomer Gardi verwob Biographien aus Israel, dem Libanon und Eritrea solange ineinander, bis schließlich zwei groteske Strohmenschen beschwipst in einem Berliner Hotelzimmer stehen und am offenen Fenster deutsche Krähen verscheuchen.

„Komm morgen wieder, Wirklichkeit! Für heute reicht es, Leute“, sagt Fernando Pessoa, und welche Räume diese Forderung eröffnet, solange sich nur die Wirklichkeit ihr fügt, war am zweiten Klagenfurt-Tag bestens zu erleben. In echt und am Bildschirm.

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