Literaturblog

Literaturblog

Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Joyce und Beckett finden ihren verlorenen Drilling wieder

| 1 Lesermeinung

Der Roman namens „Cré na Cille“, was man ungefähr Kreh na Kille ausspricht, ist in Irland Weltliteratur. Also mindestens! Es soll Haushalte in der tiefsten Gaeltacht geben, die besitzen nur zwei Bücher: Die Bibel und eben dieses. Leider beschränkt sich die Popularität außerhalb Irlands aufs reine Hörensagen, denn das Buch war lange nicht übersetzt. Irgendwo in diesen unübersichtlichen Konsonantenfolgen und Vokalkonglomeraten, so war man sich sicher und so bestätigte es einem auch gern jeder, der des Gälischen mächtig ist, verbirgt sich ein unerhörtes, ungehörtes Meisterwerk der literarischen Moderne und das wichtigste Buch, das je auf gälisch geschrieben wurde.

1949 verfasste es Maírtin Ó Cadhain (ungefähr Martin O Kehn ausgesprochen), es gilt als sein Hauptwerk. Das war zu einer Zeit, in der auch der ungleich bekanntere Flann O’Brien seine Zeitungskolumnen auf Gälisch verfasste und die Sprache im Zuge der Unabhängigkeit des Landes einen Aufschwung erfuhr. Gutes Gälisch sei so gut wie unverständlich, schreibt Flann O’Brien in seiner Satire „Irischer Lebenslauf“ – und lässt das reinste Gälisch darin von einem streunenden Schwein sprechen. Das Gälisch von Maírtin Ó Cadhain ist immerhin ein exzellentes, mit vielen Regionalismen aus dem hintersten Connemara versetzt und voller Anspielungen. Ein harter Brocken für Übersetzer also.

Die englische und die gälische Ausgabe. © Andrea DienerDie englische und die gälische Ausgabe.

„Na, wir in Deutschland sprechen ja auch Dialekte und verständigen uns irgendwie“, sagt dazu die Übersetzerin Gabriele Haefs, die sich der Sache vor einem Jahr angenommen hat und dafür sorgt, dass das Buch im Lauf des nächsten Jahres im Kröner Verlag auf Deutsch vorliegen wird. Ein englische Ausgabe unter dem Titel „The Dirty Dust“ gibt es seit 2015, parallel wird an einer tschechischen und einer holländischen Übersetzung gearbeitet. Ein Grund für die Verzögerungen der letzten Jahrzehnte waren Ó Cadhains Erben, die auf dem Vermächtnis saßen und sich jetzt erst mit den Übersetzern einigen konnten. Warum niemand vor Ó Cadhains Tod im Jahr 1970 auf die Idee gekommen war, eine Übersetzung anzufertigen, kann auch Haefs nicht sagen.

Und worum geht es nun? Auf der Buchmesse wurden wir eingeweiht: Die Hauptfigur Caitriona Paudeen (im Original Caitríona Pháidín) ist eine unangenehme alte Dame, ein vertratschtes Dorfweib, wie es im Buche steht, aber zum Glück frisch verstorben. Sie wird gewahr, dass sie auf einem Friedhof in Connemara in einem Sarg bestattet liegt und redet nun vor sich hin. Aber sie ist nicht die Einzige: Nach dem Tode bleibt allen nur noch, herumzuliegen und zu reden. Deshalb besteht der Roman auch fast ausschließlich aus Dialogen.

Als am frischesten Verstorbene zieht Mrs. Paudeen die Neugier der anderen Toten auf sich und muss den aktuellen Tratsch aus der Welt der Lebenden berichten – also alles, was die anderen seit ihrem Ableben verpasst haben. Eine fürchterliche Vorstellung ist das, bis in die Ewigkeit herumzuliegen und das Geschwätz der anderen anhören zu müssen, ihre Statusdünkel und Eitelkeiten (liegt man nun im teuren oder im billigen Grab, wer zündet wie viele Kerzen für einen an usw.) und ihr erbarmungsloses Herziehen über die anderen, lebendig oder tot und vor allem ihr gottverdammtes Gefluche. Ein deftiger Dorfroman, aber in surreal. Wie er auf deutsch heißen wird, das steht noch nicht fest. Wie er sich anhört, auf gälisch und auf englisch, das zeigt unser Video von der Messe: Auf gälisch liest der irischer Verleger Micheál Ó Conghaile, auf englisch Noell Murphy.

4