Literaturblog

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Wettlesen am Wörthersee: Wir bloggen zum Bachmannpreis

Mein Autorenruhm: Anatomie meines Meisterwerks.

1unnamed© Illustration Nina Hewelt, Foto PixabayGeben Sie Ihrem Buch ein Gesicht. Geben Sie ihm Esprit.

 

Aufgepasst Doppelpunkt. Hier entsteht ein Meisterwerk. Der literarische Paukenschlag des Jahrtausends. Genau jetzt. Vor Ihren Augen. Sie haben mein Wort. Ich werde nun offenlegen, wie ich das beste Buch der Welt schreiben werde. Das beste Buch in the history of ever. Ein Buch des Friedens.  Ja, sogar DAS Buch der Menschen. Ein Roman, der alle zwischenmenschlichen Spannungen dieser Welt lösen wird. Instantan. International. Bombensicher. Aufrecht. Kompetent.

Doch, zuerst vielleicht: Ich bin ein bescheidener Mensch. Wirklich. Ich brauche nicht viel. Ein Glas Wasser, eine warme Jacke, morgens etwas Ruhe, eine gute Scheibe Brot, eine Melodie auf den Lippen, mal eine Umarmung. Mehr braucht es nicht. Woher kommt also dieser scheinbare Größenwahn?

Ich habe mir auf der Buchmesse die Veranstaltung „10 Tipps zum Autorenruhm“ angesehen und sie verinnerlicht. Autorenruhm. Das wäre es. Ich bin wahrlich eins mit den Tipps geworden. Nach der Veranstaltung saß ich auf einer Bank und habe über mein Leben nachgedacht – mit all meinen Sorgen, Wünschen und Zielen. In der Ferne spielten Kinder, sie erfreuten sich bester Gesundheit, ein paar Vögel zogen vorbei, ich sah in den Himmel, atmete tief durch. Als ich für einen Moment die Augen schloss, hatte ich es dann vor mir: Meine Vision. Meinen Roman. Meinen Autorenruhm. Und es schien auf einmal so einfach! 10 Tipps, eine Strategie und eine Inspiration: Die Menschen.

Und genau deshalb möchte ich meine Vision den Menschen zurückgeben. Deshalb mache ich jetzt transparent, was hier passiert. Dieses Buch wird Wände beschreiben. Das nächste große Ding. Eltern werden ihre Erstgeborenen nach meinem Roman benennen. Es wird zur Schullektüre aller Bundesländer – und die Kinder werden es gerne lesen. Und aufgrund ihrer Liebe gute Noten erzielen. Was sie auf phantastische Karrieren vorbereitet und ihnen gute Leben bescheren wird.

2unnamed© Illustration Nina Hewelt, Foto PixabayGeradliniges Eyecandy? Modern, schlicht und dennoch aufregend.

Fangen wir an. Am besten sofort mit dem Titel meines Romans. Damit wir auch wissen, wovon wir reden müssen. Einer der Tipps besagt, man soll „ungünstige Titel“ vermeiden.  Als Beispiel wird angeführt: „Dunkle Erinnerungen“ So ein uneindeutiger Titel könnte für Verwirrung sorgen. Ist es nun ein Werk über Depression oder doch vielleicht ein Krimi? Ich entscheide mich für – da muss ich nicht lange in mich gehen: „Das 365° Jahr“. Das ist doch ein vernünftiger Titel für einen Roman, oder? Kurz, griffig und auf den Punkt. Und er fasst sogar die erzählte Zeit und den Roman-Inhalt mit ein, nämlich: Alles.

Hm. Ein vertiefender Tipp besagt, man solle seinen Titel noch mit einem Zusatz individualisieren. Ok. Mal sehen. Ah! Nehmen wir: „Das 365° Jahr – Volthins Brechen der Trichterwinde“. Und weil der Name so „einzigartig“ ist, das wird nämlich empfohlen, kann man ihn sich auch hervorragend schützen lassen. „Das Jahr“, „Das Haus“ oder „Freunde“ kann man sich nicht schützen lassen. Laut dem Börsenverein muss der Titel eine „hinreichende unterscheidungskräftige namensmäßige  Bezeichnung eines Werkes“ sein. Ist er, würde ich sagen.

Und auch weiter, bei dem Titel sofort ist klar, was Sache ist. Es geht um einen Menschen namens Volthin. Und was macht er? Richtig. Er stellt sich in den Weg. Toll. Nennen wir ihn Pippin Volthin. Der Name geht runter wie Öl.

Weiter mit den Tipps. Nächster Punkt: Autorenname. Ich könnte jetzt meinen Namen nehmen, aber den kenne ich schon so lange. Viel reizvoller ist da doch ein Pseudonym! Und die Autorenruhm-Tipps pflichten mir bei: „Pseudonyme sind völlig okay“. Aber es sollten keine Ähnlichkeiten zu bekannten Persönlichkeiten bestehen. Mal sehen. Es muss also etwas fast schon extravagantes her. Etwas besonderes, etwas mit Verve. Krieg ich hin. Moment. Das ist es! „Aristide von Lichtenberg-Blumentritt“! Und jetzt der Suchmaschinen-Stresstest: Gibt es schon Personen mit dem Namen? Nein, gibt es nicht. Sehr gut.

An den Namen wird es jedenfalls schon mal nicht liegen. Aristide von Lichtenberg-Blumentritt schreibt über Pippin Volthin. Das wird ein Selbstläufer. Und das schreit nach einem gesalzenen Klappentext. Wie wäre es beispielsweise mit:

3unnamed© Illustration Nina Hewelt, Foto PixabayOder vielleicht doch etwas phantasievolles? Etwas für’s Herz?

Pippin Volthin ist die meiste Zeit schon ein alter Mann. Seine Tage verbringt er damit, stolpernd durch seine Erinnerungen zu flanieren. Er resümiert sein schwieriges Leben, er denkt an all sein Scheitern. Bis er in den Erinnerungen einem alten Freund begegnet. Einem Freund, der nur noch eine Silhouette ist. Wer war dieser Freund, wie war sein Name? Und warum fing Volthin an, sich genau dann mit allem abzufinden, als dieser Freund verschwand, als er anfing ihn zu vergessen? Volthin steht auf und begibt sich auf eine Reise. Gegen den Wind. Gegen seine Erinnerungen. 

Stockholm. Ich komme.

Der Inhalt ist gezimmert, wie könnte das Cover aussehen? Den Tipps zufolge soll man dem Buch ein Gesicht geben. Geben wir ihm doch meines. Es ist gerade da. Oder vielleicht auch nicht? Ich muss mal jemanden fragen, der Photoshop kann. Ansonsten, gut leserliche Schrift, klar. Bedachter Hintergrund. Sowieso. Und ausdrücklich wird geraten: Keine Urlaubsfotos, Kinderbilder, Illustrationen aus eigener Feder. Und keine pornographischen oder sonstig widerrechtlichen Motive. Ergibt Sinn. Soll sich ja auch verkaufen. Bei Fotos aus dem Internet muss man auch aufpassen. Nicht vergessen. Heikles Thema.

Genauso heikel natürlich: der erste Satz. Aber auch den habe ich schon. Er hat mich gefunden. Er wird lauten: „Wie bin ich bloß mit so leerem Kopf so weit gekommen?“

Das Buch steht also. Es muss nur noch geschrieben werden. Es ist also Zeit, an die Leser zu denken. Von ihnen hängt ja auch mein Autorenruhm ab. Deswegen will ich sie von Anfang an dabei haben. Zum Glück – und das habe ich eingangs ja schon erwähnt – bin ich so bescheiden. Ich habe mich schon immer als Mann vom Volk verstanden, als „einer von uns“. Ich möchte mit den Menschen sprechen, in den Dialog treten, meine Leser kennen lernen, genauso, wie ich ja auch ein Leser sein möchte, ein Leser bin. Das trifft sich gut, denn, „People like people“, wissen die Tipps zu formulieren. Mensch sein. Darum geht es. Und ich bleibe Mensch, auch mit Autorenruhm. Das ist nämlich das wichtigste: „sei authentisch“ und „bleib Dir und Deinem Pseudonym treu“. Das werde ich.

So wahr mein Name Aristide von Lichtenberg-Blumentritt ist.

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