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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Virtuelle Realität: Es wird dadurch sehr geil

Jetzt, da uns das Internet auf Schritt und Tritt begleitet (sie baden gerade Ihre Blicke darin), ist sein Potential irgendwie kein Thema mehr. Ja, man kann Seiten verlinken, aber die Texte, die darin stehen, sind immer noch alle erschreckend linear. Auch die Literatur hat sich nicht von Grund auf verändert, die sogenannte Hyperfiction ist nur noch ein Modebegriff von grob um die Jahrtausendwende.

Nun steht das nächste Revolutionsversprechen vor der Tür und klopft zaghaft an: Das Netz geht in die dritte Dimension und ist überall um uns herum. Und die virtuelle Realität verbrüdert sich gleich nach Auftauchen mit dem guten alten Buch, was ein recht schlauer Pakt ist: Sie sagt nichts und niemanden tot und will nichts verdrängen, sie gibt sich bescheiden und will nur ergänzen.

Deshalb koexistiert sie auf der Messe friedlich mit dem guten, alten Papiermedium, zum Beispiel am Stand von Taiwan in Halle 4.0. Jimmy Liao heißt einer der bekanntesten Kinderbuchautoren und -Illustratoren des Landes. Und seine Bücher kann man nicht nur durch Blättern, sondern auch virtuell erfahren.

Jeannie setzt mir dazu eine VR-Brille auf und Kopfhörer, dazu bekomme ich einen Stab in die Hand, der im Spiel meine Hand darstellt. Jetzt stehe ich in einem sehr langen, sehr bunten Gang. Ich werde von einem Kind zu einem Pianisten geführt, der offenbar ein Alkoholproblem entwickelt hat, denn durchs Fenster fliegen Bierflaschen in den Raum. Die soll ich zerschlagen. Die Flaschen geben ganz schön Widerstand, dann zerrt mich Jeannie von der Wand weg, auf die ich gerade eindresche. (Im Video oben kann man mich dabei bewundern.) Deutlich emotionaler sei die Erfahrung, so eine der Autorinnen des Spiels. Tatsächlich fühlt sich das Ganze durch Bilder und Musik eher an wie ein Film, in dem man mitspielen darf.

Die Zukunft des Zettelns© Andrea DienerDie Zukunft des Zettelns

Einen völlig anderen Ansatz findet man beim Merve Verlag in Halle 3.1. Moment, Merve, das ist doch der mit den Theoriebändchen? Ja, genau der. Ein ordentliches Schild gibts nicht, aber dafür eine VR-Brille und Thomas Lilge von der Humboldt-Universität. Das gamelab.berlin und das Exzellenzcluster Bild-Wissen-Gestaltung kooperiert mit Merve, um nichts weniger als die Zukunft des Lesens neu zu erfinden. Hier geht es weniger spielerisch vor, denn Merve ist ein Theorieverlag. Es geht eher darum, „diese geilen Texte noch geiler zu machen“, wie es Lilge angenehm allgemeinverständlich zusammenfasst. Bisher gibt es nur einen Trailer mit verschiedenen Umgebungsszenarien, in denen drei Texte eine Rolle spielen, unter anderem ein eigens verfasstes Gedicht von Ann Cotten. Darin heißt es:

Was wahrlich das Wasserskifahren der Lektüre ist, ist, wenn man sich beim Lesen wahrnimmt UND das, was man liest, voll wahrnimmt.

Es wird den Prozess verlangsamen.

Es wird dadurch sehr geil.

Bisher betreibt man noch Grundlagenforschung. Zwanzig Minuten angenehm lesen, das ist derzeit das Ziel, so Lilge. Dann aber gehe es eben nicht nur darum, Texte zu lesen, sondern auch darum, sie zu bearbeiten und zu individuellen Leselandschaften zu formen. Und diese Landschaften lassen sich virtuell darstellen und dadurch womöglich viel besser merken. „Wissensarchitektur“ ist ein Begriff, der fällt. Und diese Architekturen kann man auch gemeinsam begehen. Es wäre möglich, mit Texten völlig neu umzugehen. Aber natürlich macht die Menschheit nicht all das, was ihnen möglich ist, sondern irgendwas mit Katzenbildern oder Pr0n. Und findet Verwendungsmöglichkeiten für Dinge, an die man während ihrer Erfindung nicht zu denken wagte. Dennoch: Gut, dass jemand an der dritten Dimension des Internet forscht. Vergebens ist das sicherlich nicht.

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