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Fünf Tage Trubel: Wir bloggen von der Buchmesse

Wir wollen 1901 zurück!

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Rechtschreibfehler in CSU-Papier

Erinnern Sie sich noch an die Rechtschreibreform? Zwanzig Jahre ist das jetzt her, aber der pensionierte Deutschlehrer Friedrich Denk erinnert sich ausgesprochen gut, und mit ihm sieben andere Männer, die sich auf der Buchmesse so richtig darüber erbosten. Man sollte meinen, mittlerweile wären alle über die Reform hinweg oder hätten zumindest einen Weg gefunden, mit ihr umzugehen. Zum Beispiel, wenn es nun mal gar nicht anders geht, Ignoranz. Doch weit gefehlt.

Man müsse „zur bewährten Rechtschreibung von 1901 zurückkehren“, forderte Denk vehement, rückte die Reform in die Nähe einer Diktatur, ließ öffentlich abstimmen und machte so dermaßen Stimmung, dass man froh sein kann, dass er sich kein heikleres Thema auf die Fahnen geschrieben hat. „Es war eine Frechheit zu sagen: ‚Wenn du so schreibst wie Thomas Mann, kriegst du es als Fehler angestrichen!‘“, empört er sich. Ja, das ist wirklich schlimm, und da haben wir über Paul Fleming (Nirgends hin / als auff den Mund / da sinckts in deß Hertzens Grund) noch gar nicht gesprochen!

Aber Denk hat sich ja Unterstützung mitgebracht, die heiter nacheinander über die Bühne paradiert. Journalisten, Deutschlehrer und andere, die Sprache als ihr Eigentum betrachten lieben. Einer beklagt aus diesem Anlass direkt eine „immer mehr um sich greifende Nachlässigkeit in allen Lebensbereichen“. Zum Beispiel bei der erforderlichen Nennung von Beispielen.

Es folgt „Herr Weidle vom Weidle Verlag“, auf dessen Homepage steht: „ Unsere Bücher erscheinen in unreformierter Rechtschreibung, und daran wird sich nie etwas ändern.“ Nie ist ein großes Wort, aber das ist Zorn ja auch: „Natürlich hatte ich Zornesausbrüche“, bekennt Herr Weidle vom Weidle Verlag und ist damit Teil einer unverhältnismäßigen Dramatisierung, aber dazu später mehr. Momentan ärgert sich Herr Weidle vom Weidle Verlag vor allem darüber, dass seine Praktikanten nicht das Korrektorat übernehmen können, weil sie zu jung sind, um die alte Rechtschreibung zu beherrschen. Wir kennen das Gefühl. So erging es uns, als wir merkten, dass der Familienhund zu schwach ist, den Mercedes zu ziehen, damit wir Benzin sparen.

„Zusammenschreibung ist eine große Katastrophe“, wetterte später einer der Lehrer. Ja, da schauen Sie! Offenbar kann man sich heute nicht nur auf keine Rechtschreibung einigen, sondern nicht mal darauf, Begriffe wie „große Katastrophe“ für Erdbeben, Lawinen und Sturmfluten aufzuheben. Da wüten also tatsächlich acht Männer eine Stunde lang mit Katastrophen- und Zornesrhetorik über Rechtschreibung, obwohl jeder von ihnen schreiben darf, wie er will, schließlich ist daß nicht verboten. Und wer sich aufregt, es gäbe kaum noch ein ernstzunehmendes Medium, das sich konsequent an die alte Rechtschreibung hält, dem sei an dieser Stelle die „Titanic“ wärmstens empfohlen.

Letzter Auftritt: Professor Wachter, der die „Schweizer Orthographische Konferenz“ (SOK) mitgründete, mit welchem Ziel, raten Sie mal, genau. Er nennt das „die sympathischste Guerilla-Aktion der Welt“, und wer der vorangegangenen Stunde gelauscht hatte, musste sich sofort fragen, wie denn andere Guerillas so drauf sind. Auch er hat kein gutes Wort übrig für die Reform: „Das waren damals nur ein paar Germanisten, die ihre Idee durchdrücken wollten, das konnte nicht gut gehen!“ Manchmal ist es eben doch erkenntnisreich, Bildbeschreibung an einem Spiegel zu üben.

Wir schließen mit Friedrich Denks „Hinweis auf einen fulminanten Vortrag, der morgen hier stattfinden wird, der ist nämlich von mir, und er heißt, wie heißt er noch mal? […] Wenn Sie kommen wollen, sehr unterhaltsam!“ Irgendwie schon. Überlegen Sie es sich.

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5 Lesermeinungen

  1. Ein bißchen Geschichts- und Rechtskenntnis
    wäre schon ganz hilfreich. Man darf daran erinnern, daß viele der Vorschläge der Rechtschreibreformkommission so unsinnig waren, daß die F.A.Z. zumindest einige Jahre lang die alte Orthographie weiterhin verwendet hat und nur den Sachzwängen gehorchend (Presseagenturen und andere Medien, die „reformiert“ falsch schrieben) sich schließlich der neuen Rechtschreibung (und das auch nur teilweise) angepaßt hat.
    Der Satz „obwohl jeder von ihnen schreiben darf, wie er will, schließlich ist daß [sic!]nicht verboten“ ist wahr und falsch zugleich. Er ist wahr, denn er ist sein eigener Beweis, daß das, was richtig ist, nicht einklagbar ist, genau so wie man einen Mangel an Intelligenz nicht strafrechtlich verfolgen kann. Den Unterschied zwischen „daß“ und „das“ nicht zu kennen, kann nicht bestraft werden. Falsch ist der zitierte Satz allerdings insofern, als die ex offo beschlossene Rechtschreibreform für alle im öffentlichen Dienst stehenden Arbeitnehmer – Beamte, Lehrer – verbind

    • Für alle im öffentlichen Dienst stehenden Arbeitnehmer verbindlich
      Liebe frau Grasso, das bringen anstellungsverhältnisse so mit sich! – Den im artikel persiflierten bierernst bestätigen Sie mit der beanstandung des offensichtlich absichtlich falsch geschriebenen «daß». Dagegen ist es peinlich, Mario Adorf an der Denk-Show als herold der altschreibung zu erleben und dann auf seiner seite marioadorf.com zu lesen: «‹Ich freue mich sehr, ich wollte mein Leben lang nur eins sein: Ein [ein] guter Schauspieler [nur nach neuer regel kein komma] und dieser Preis zeigt mir, das [daß] ich das wohl halbwegs hinbekommen habe›, sagte Mario Adorf zur Verleihung des ‹Pardo alla carriera›.» Denks inszenierung mit alter prominenz und jungen schülern ist ein schönes beispiel für die heutige «post­faktische ära». (Ich schreibe gemäss Jacob Grimm und kleinschreibung.ch.)

  2. Gnade der späten Geburt
    Frau Bähr, Sie waren 14 Jahre alt, als die Rechtschreibreform von 1996 durchgedrückt wurde, haben also die „alte“ Rechtschreibung nie so recht aufgenommen und finden nun die Kritik an dieser Reform irgendwie lächerlich. Aber was heißt das schon?
    Wahr ist, daß es die normative Kraft des Faktischen gibt und daß sich die Reform von 1996 wohl nicht mehr wird ungeschehen machen lassen – aber war sie deswegen schon eine gute Sache und ist die Kritik an ihr blöd?
    Mir bleibt unvergeßlich, wie anläßlich dieser Reform ein Schuljunge von einem Fernsehsender befragt wurde und so dem ganzen Land in den Nachrichten mitteilen durfte: „Ich finde die Rechtschreibreform gut, denn alles, was vorher falsch war, ist jetzt nicht mehr falsch.“ Das war gut gesagt.

  3. Titel eingeben
    Wie schlecht die Rechtschreibreform (eigentlich Reformen) ist, erkennt man auch daran, daß keiner der daran Beteiligten (Inhalt oder Durchsetzung) mehr daran erinnert werden möchte. Bildungsministerin Wanka hat sogar offen eingeräumt, daß jeder wisse, wie schlecht die Reform sei, sie aber nur aus Gründen der Staatsräson nicht kassiert werde. Natürlich hat Deutschland größere Probleme, aber die hatte es auch schon 1996. Und doch haben viele brav und beflissen mitgemacht. Wer will schon zur „rückständigen“ Minderheit gehören ? Von den Kosten dieses Experiments redet man lieber nicht.
    Mein persönlicher Umgang mit diesem Unsinn ? Bücher neueren Datums kaufe ich fast nur noch gebraucht, ältere Werke grundsätzlich nur gebraucht und nicht in reformierter Neuausgabe. Beruflich schreibe ich wie immer, habe nur „ß“ zu „ss“ geändert – nur da wo es sich durch die Reform auch wirklich geändert hat !!!, den Rest behalte ich bei und schon gelte ich als vorbildlicher Bürger, der

  4. Vom erhabenen zum lächerlichen ist es nur ein schritt
    Friedrich Denk tut alles, diese erkenntnis von Napoléon Bonaparte zu bestätigen. Davon konnte ich mich als besucher einer seiner veranstaltungen an der buchmesse einmal mehr überzeugen. Denks veranstaltungen sind nicht «irgendwie lächerlich», wie sich A. Nowak ausdrückt, sondern absolut lächerlich. Julia Bähr hat das in verdankenswerter weise herausgearbeitet, und das auf faz.net zu lesen, tut richtig gut. Andere sind ja noch böser: «Er gehört zur aussterbenden Spezies der Oberlehrer und Hohenpriester, die ungern lernen, die aber mit großem Eifer belehren» (taz). Am mittwoch fragte Denk die anwesenden: «Wer findet, dass die alte rechtschreibung besser war?» Fast alle hände gingen in die höhe. «Wer findet, dass die neue rechtschreibung besser ist?» Meine hand war die einzige, was einiges mitleid auslöste. Ich fühlte mich aber nicht so einsam – links von mir sass kein anhänger der altschreibung, rechts auch nicht, hinter mir auch nicht. Die leeren plätze waren w

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