Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Die Schwierigkeit der Muttersprache

Coran - A

„Ägypten schreibt, der Libanon druckt, der Irak liest“. Dieser Satz beschrieb die Lage für Meinungsfreiheit und Veröffentlichungsfreiheit in den arabischen Ländern lange treffend. Junge Menschen im arabischen Raum hält das aber nicht immer davon ab, ihre Gedanken mit der Welt zu teilen. Zwei von ihnen konnte man auf der Buchmesse begegnen.

Beirut Short Stories  richtet sich an junge Literaten unterschiedlicher Herkunft, die im Libanon leben und in Arabisch schreiben. Die Teilnehmenden haben im Rahmen der Schreibwerkstatt mit dem irakischen Schriftsteller Hussain al-Mozany Kurzgeschichten entwickelt und gemeinsam diskutiert. Im Workshop stellte  al-Mozany  den Teilnehmenden zunächst nur Fragen. „Was bedeutet ‚Roman‘? Wo fängt er an und wo endet er? Und was ist überhaupt ein Text?“

Eine Fachjury in Beirut zeichnete die zehn besten entstandenen Geschichten aus.  Bei  einer Podiumsdiskussion auf der Buchmesse erzählten zwei Finalisten der Beirut Short Stories, warum sie schreiben und wie es  nach der Auszeichnung ihrer Kurzgeschichten für sie weitergeht.

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Rola el Hussein schreibt eigentlich Lyrik. Sie war als Teilnehmerin bei der Schreibwerkstatt in Beirut und wurde ausgewählt, um ihre Texte in Deutschland zu präsentieren.  In ihrer Kurzgeschichte geht es um eine junge Frau, die aus ihrer Isolation auszubrechen versucht. El Hussein beschreibt ihre namenlose Protagonistin als komplexe Figur, die von der Idee besessen ist, sich durch den Kauf eines ganz bestimmten Kleides retten und aus der Isolation befreien zu können. Und wirklich, es gelingt ihr. Allerdings erst mit sechs Exemplaren des Objekts ihrer Schaufenster-Begierde.

Ayham Kazoun beschäftigte sich in der Schreibwerkstatt mit der zerfallenden libanesischen Gesellschaft. Sein Protagonist Jaber wird von einem Offizier aus einem Traum gerissen und von der Armee eingezogen. Statt von „Krieg“ zu sprechen, überlässt Kazoun die genaue Definition dem Leser und beschreibt es als Tragödie. Im Libanon, aber auch in Syrien ist es nicht ungewöhnlich, Bürgerkriege als „Ereignisse“ darzustellen. Kazoun sagt, dass er zwar durch die Schreibwerkstatt nicht sofort ein „professioneller Literat“ geworden sei, aber gelernt habe, Lesern „Teile seiner Gedankenwelt“ zu zeigen.

Die Themenwahl für die Schreibwerkstatt war freigestellt, man sollte sich aber an die Gattung Kurzgeschichte halten und in Arabisch schreiben. In der Muttersprache zu schreiben klingt eher nach Selbstverständlichkeit als nach Herausforderung. Doch Hussain al-Mozany klärt das Missverständnis direkt auf: „Wir Araber sprechen nie Hocharabisch, sondern immer umgangssprachlich. Für Autoren kommt also noch die Aufgabe des Transformierens dazu.“ Das sei schwierig, weil die Realität eigentlich umgangssprachlich aufgenommen werde. „Umgangssprache ist lebendig,  und Hocharabisch verfälscht die Realitäten.“

Lena Skrotzki

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