Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Welches Jahr haben wir nochmal?

© Gert Eggenberger/APA/dpaFestredner Franzobel am Mittwochabend im ORF-Landesstudio Kärnten

Beim Bachmannpreis kratzt man sich ja manchmal am Kopf: Welches Jahr haben wir noch einmal? So, wie die Farben der Umhängetaschen des Wettbewerbs wiederkehren – dieses Mal ist wieder Weiß dran –, kommen auch die Themen zurück. In der „Klagenfurter Rede zur Literatur“ des Schriftstellers Franzobel nun: der Untergang des Buches, oder genauer die Vision, dass es in einigen Jahren „nur noch E-Books mit virtuellen Protagonisten“ geben wird, „Avatare, die einem gleich die ganze Handlung vorspielen“, dass der Schriftsteller ersetzt wird durch den „homo autorencollectivus“, ja, „mit einem Mausklick wird jeder zu einem Schöpfer“.

Da schluckt man schon und denkt: Im Ernst jetzt? Lebt Franzobel womöglich noch im Jahr 1995, in dem er in Klagenfurt selbst den Hauptpreis gewann – zumal er später auch die „VerRTLisierung“ der Kultur fürchtet? Auch was er sonst noch so zusammenrührt, wirkt merkwürdig abgestanden und allzu allgemein: Invektiven gegen „schamlose Großkonzerne“, vage Mahnungen an die verkommene Wohlstandsgesellschaft, der „hungernde Kinder“ gegenüberstehen, dann die einfach mal hingeworfene Feststellung, die Literatur sei unpolitisch geworden.

Franzobels Fazit, Literatur sei Kampf für ein unkonventionelles Denken, klingt da am Schluss dieser Rede aus Platitüden schon beinahe wie ein Witz. Am ersten Lesetag im ersten Text (gelesen von der österreichischen Schriftstellerin Karin Peschka) dann gleich das nächste Deja-vu: Eine Geschichte von einem Kindlein unter Hunden, welche die Jury an das „Dschungelbuch“ erinnert – ja, das gab es doch 2012 bei Cornelia Travnicek, als die damalige Jurorin Daniela Strigl beiläufig verriet, dass sie einst einen Dackel namens Mogli hatte?

Aber der erste Schrecken legte sich, und es wurde dann doch noch ein Tag mit teils erfreulichen literarischen Texten, vor allem aber einer Jury, die sich von alten Unkenrufen unbeeindruckt zeigte und gleich zu hoher Form auflief: Allein die Diskussionen über den metafiktional verschachtelten Text „Madrigal“ des österreichisch-amerikanischen Schriftstellers John Wray, ein Stück mit witzigen, teils mehrsprachigen Dialogen, in dem die Jurorin Meike Fessmann mit „Paranoia, Psychedelik und Psychopharmaka“ alle großen Themen der amerikanischen Literatur versammelt sah, oder über die popliterarische Apokalypse der aus München stammenden Noemi Schneider mit dem Titel „Fifty Shades of Gray“, in dem zwei dekadente Freundinnen vor dem Untergang des Abendlandes nach Marokko fliehen, waren so amüsant wie scharf und zeigten, dass es sich, allen Unkenrufen zum Trotz, noch immer lohnt, bei der Klagenfurter Literaturdebatte einzuschalten.

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