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Da geschah ihm die Himbeere

© Gert Eggenberger/APA/dpaEckhart Nickel während der Eröffnung der „41. Tage der deutschsprachigen Literatur“ am Mittwoch

Wenn in einem heute verfassten literarischen Text Wörter wie „Eisenbahnfahrt“, „Sommerfrische“, „Flaumhaar“ und „Stallbursche“ vorkommen, gehen bei Kritikern schnell die Warnlampen an. Kann man denn noch so erzählen?, fragen sie dann. Der Vorwurf der Kolportage ist nie weit, und allzu leicht wird mit dem Stil auch schon der ganze Text oder sogar sein Erzähler abgefertigt, ohne dass nach der Funktion gefragt wird.

Dass das an diesem letzten Lesetag in Klagefurt mit Eckhart Nickel nicht passiert ist, war ein Glück und spricht für die Jury. Denn sie hat sich auf den stilistisch exquisiten, zudem aber auch mit Anspielungen und literarischen Verweisen überreich ausgestatteten Text des 1966 in Frankfurt geborenen Autors eingelassen und ihm allerhand Interessantes abgewonnen.

Der Witz an Nickels Text ist, dass sein gestriger Ton zunächst mit dem Gegenstand übereinzustimmen scheint, nämlich der Darstellung einer Reformbewegung, wie es sie vielleicht auch schon vor etwas mehr als hundert Jahren hätte geben können. Doch er handelt von dem Gang über einen Markt mit Bio-Produkten der Gegenwart, und spießt genüsslich die Ausprägungen des Retro-Kults auf, nämlich etwa im Stempel auf einer hölzernen Obstschale: „Der Name der Kooperative, Sommerfrische, war in Fraktur mit einem Retrostempel aufgedruckt. Seit kurzer Zeit tauchten überall Typographien auf, die an das lange Zeit als reaktionär geltende Sütterlin erinnerten.“

Die Diskrepanz zwischen dem Erzählen im Fontane- oder Thomas-Mann-Ton einerseits und dem sehr gegenwärtigen Thema andererseits sorgt für eine ironische Grundierung, aber die Erzählung erschöpft sich bei weitem noch nicht darin. Denn mit dem ersten Satz – „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht“ – beginnt Nickel gleichzeitig auch eine Science-Fiction-Story, die immer unheimlicher wird.

Die Hauptfigur namens Bergheim, mit der man durch diese Geschichte geht, hat eine übergenaue Wahrnehmung, die bald in ein wahnhaftes Erleben kippt: Sie kommt nämlich anhand der seltsam veränderten Markthimbeeren jener Kooperative auf die Spur, die womöglich nicht nur Obst, sondern auch Nutztiere genetisch manipuliert, vielleicht sogar Menschen.

Die Art, wie Nickel hier Verschwörungstheorien mit aktuellen Themen der Lebensmittelindustrie verknüpft und den Leser am Ende im Unklaren über die Verlässlichkeit des Erzählers lässt, hat etwas sehr Einnehmendes und ließ in der Jury Hildegard Keller und Hubert Winkels von der Gepflegtheit wie vom Hyperrealismus des Textes schwärmen, während sein Advokat Michael Wiederstein darin Reflexionen der „German Angst“ erkannte und Sandra Kegel, Literaturkritikerin dieser Zeitung, eine Suche nach den Elementarteilchen der Welt.

Auch wenn Meike Feßmann den anklingenden Stil der Dekadenzliteratur zweifelhaft fand und man zudem fragte, ob der Text womöglich zu überladen mit Bedeutung sei, durfte er das im Gesamtgefüge des Lesetags auch getrost sein – denn was er womöglich an Ideen, Formulierungskunst und Tiefe zuviel hatte, das glichen die drei restlichen Texte durch einen fast vollständigen Mangel solcher Qualitäten wieder aus.

Zwei davon beschäftigten sich mit der Flüchtlingskrise, Gianna Molinari immerhin noch mit einem interessanten Ansatz von Dokumentarfiktion, in der das schreckliche Schicksal eines beim Landeanflug aus dem Fahrwerk eines Flugzeugs gefallenen Afrikaners, der sich dort versteckt hatte und vermutlich schon während des Fluges erfroren war, zwischen nachrichtlicher Kälte und teilnehmender Beobachtung verhandelt wird.

Maxi Obexners mühsam fiktionalisiertes Anklagestück „Europas längster Sommer“ hingegen erschien als ästhetisch nahezu irrelevant, während Urs Mannharts seltsame Kitsch-Wolfsgeschichte so manchen völlig ratlos ließ. Kritiker Klaus Kastberger immerhin war sich sicher, dass sie Waldimir Putin gefallen würde.

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