Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Das Lieblingstier heißt Rehragout

| 2 Lesermeinungen

© Johannes Puch/ORFDer Bachmann-Preisträger Ferdinand Schmalz liest.

Wo ist denn das raisonnierende Ich geblieben? könnte eine der Fragen lauten, die man sich in diesem Jahr stellt. Oder: Wo sind die Nazi-Opas hin?  Oder: Ist die Prosalyrik wirklich so tot? Einige beliebte Formate der letzten Jahre fehlten beim 41. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, und man vermisste sie zugegebenermaßen nicht sonderlich. Stattdessen wurde eine ganze Menge dessen aufgeboten, was immer gerne mit der schönen Vokabel „Welthaltigkeit“ belegt wird, weil es um das unakademische, nicht selten prekäre Leben geht, das Autoren wie Jury gern aus den Schreibstuben heraus bestaunen. Dazu passt, dass Franzobel in seiner Klagenfurter Rede am Eröffnungsabend den Kampf gegen das Kapital an sich einforderte und selige Papiernostalgie ventilierte. Kurz zusammengefasst: Wenn alles erst einmal virtuell und anklickbar ist, seien unsere korrumpierten Hirne verloren, deshalb gehe man besser auf die Straße und protestiere gegen die Großkonzerne und die Weltordnung. Der aber, denkt man sich als Zuhörer, kommt man wohl am allerwenigsten mit solchen Gemeinplatzreden bei, aber immerhin brennt danach nichts.

Der Aufforderung hätte es ohnehin nicht bedarft, denn viele Autoren des diesjährigen Wettbewerbs wenden sich ganz freiwillig den unpoetischen Seiten des Lebens zu: Bofrostmänner, Niedriglohn-Putzkräfte, Flüchtlinge sowie sämtliche Verwaltungsakte, die nötig werden, wenn Menschen oder Klaviere Landesgrenzen überqueren. Wobei die Aneignung und Umwandlung in Literatur mal mehr, mal weniger gut glückt. Denn wenn keine Sprache da ist, nichts dem Autoren Eigenes, das er der Welt angedeihen lässt, dann bleibt der ungute Verdacht eines ungehörigen Übergriffs, einer Indienstnahme für die Kunst.

Der Österreicher Ferdinand Schmalz ist Theatergängern schon als Stückeautor bekannt. In seinem Text „Mein Lieblingstier heißt Winter“ lässt er  – auf Einladung von Sandra Kegel, Literaturredakteurin dieser Zeitung – einen Eismann (in Deutschland würde man wohl Bofrostmann sagen) auf einen lebensmüden Herrn Doktor treffen, der große inszenatorische Pläne für ein baldiges Ableben hegt und seinem regelmäßigen Lieferanten tiefgekühlten Rehragouts mitsamt Lieferwagen dabei zwecks Einhaltung der Kühlkette eine entscheidende Rolle zuweist. Der Eismann hingegen mag nicht mitspielen, den Herrn Doktor steifgefroren durch die Gegend zu kutschieren und an seinem gewünschten Aufbahrungsort wieder auszuladen, was dann aber auch gar nicht nötig wird. Ach, diese Österreicher, immer Tod, immer irgendwas Skurriles, und dann dieser Bernhard-Suada-Sound! mag man einwenden, aber dem Autor Schmalz gelingt das Kunststück, aus all den vermeintlichen Abgeschmacktheiten etwas gänzlich Neues zu schöpfen, was das Publikum vor Ort ebenso mitreißt wie die Jury. Dass er einen der Preise bekommen würde, war von Anfang an klar. Schließlich reichte es gar für den mit 25.000 Euro dotierten Bachmann-Preis.

© Johannes Puch/ORFJohn Wray liest.

Am ersten Lesetag stach der exzellente Möbiusbandtext von John Wray  – ebenfalls auf Einladung von Sandra Kegel – aus dem Rest heraus wie das Kirchtürmlein aus dem Reschensee. An diesem „Madrigal“ gab es so wenig auszusetzen, dass die Jury etwas planlos in die eine („zu messy“, Hildegard Keller) oder die andere Richtung („zu virtuos“, Maike Feßmann) krittelte, aber schließlich einsehen musste, es mit einem äußerst gefinkelten Stück Literatur zu tun zu haben, wie der Österreicher so schön sagt. Nichts an diesem Text ist mühsam, obwohl dreieinhalb Realitätsebenen aneinandergeschachtelt werden, um den verdutzten Leser schließlich wieder am Ausgangspunkt auszuspucken. Wray hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, zuletzt das Siebenhundert-Seiten-Kaliber „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“, erschienen bei Rowohlt, und ist damit alles andere als ein Anfänger. Von Beginn an war er ein großer Favorit des Wettbewerbs. Er bekam den neu gestifteten, mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis verliehen.

Der Rest des Donnerstags war im besten Fall hübsch geklöppelte Untergangsstimmung wie in Karin Peschkas Hundeapokalypse, in der gleich ganz Wien dem Boden gleichgemacht werden muss, damit ein Kleinkind unter Hunden aufwachsen und sich seine kleine Welt irgendwo zwischen Pipikaka und Gartenteich erobern kann. Als sie als Preisträgerin des Publikumspreises verkündet wurde, ging ein ratloses Raunen durch das Publikum: Mit vielem hätte man gerechnet, aber nicht mit diesem „Wiener Kindl“, so die Überschrift.

© Johannes Puch/ORFKarin Peschka liest.

Im schlimmsten Fall aber kommt ein Text als kolportagehaftes Phrasengewitter von lokalzeitungshafter Launigkeit wie in Daniel Goetschs Romanauszug, sodass man schon befürchtete, im nächsten Moment werde irgendwo ein Tanzbein geschwungen oder für ein leibliches Wohl gesorgt. Das kann man auch nicht mit der Handlung im Nachkriegs-Wiesbaden erklären, von Frankfurtern gern liebevoll als „Spießbaden“ bezeichnet. Denn wie man die vermeintliche Idylle von Vor- und Kleinstadtgegenden sprachlich gekonnt aufbricht, das zeigte sich gleich am nächsten Morgen mit dem Text von Ferdinand Schmalz.

Der Tag geht – neutral formuliert –interessant weiter, nämlich mit zwei völlig gegensätzlichen Texten, beide eingeladen von Juror Klaus Kastberger. Die Belgraderin Barbi Markovic lässt in ihrem Text „Die Mieter“ eine ganze Familie in einer diabolischen Wohnung sterben, einen voyeuristischen Vermieter eins mit seiner Immobilie werden und zwei Schwestern mit ihren sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen aufeinander los. Das ist in vielen Details gut gelungen, aber doch vergleichsweise roh. Ein Text, der sehr laut nach Politur und einem guten Lektor ruft, um glänzen zu können. Wenig interessiert scheint die Jury hier an der Frage, wofür diese Parabel, die sie darin ausmacht, eigentlich steht. Auch Jackie Thomaes „Cleanster“ – sprachlich arg konventionell, aber voller interessanter Ansätze – bietet offenbar zu wenige Interpretationssteilvorlagen. Dafür wieder viel Weltliches, nämlich einen Migranten im Niedriglohnsektor, der an seinem Auftrag, eine Dreizimmerwohnung zu reinigen, scheitert. Die Verzweiflung, die Machtlosigkeit desjenigen, der erkennt, wie viel ihn von der Gesellschaft trennt, in der er eigentlich lebt, und die gönnerhafte Herablassung der Auftraggeberin hätten, mit ein wenig Verdichtung, zu einem großartigen Text werden können, denn er ist, jetzt nun Jurorin Hildegard Keller: „welthaltig“.

Lieber macht man sich ans Metapherndeuteln, das hat man ja schließlich gelernt. Verena Dürrs „Memorabilia“ liest sich zunächst wie eine Aneinanderreihung von Wikipediaeinträgen. Man muss ein wenig googeln, um herauszufinden, dass genau das das Prinzip ist – ob die sachlichen Fehler nun einfach Fehler sind oder gewollte Anschrägungen, erschließt sich nicht. Konzeptkunst ist das, ein „Turngerät für hermeneutische Muskeln“, wie Jurorin Hildegard Keller bescheinigt, an dem sich die Jury gleich mit Begeisterung zu schaffen macht. Einige der Juroren hegen gar einen leisen Satireverdacht. Zumindest ist es der Text, der im Garten des ORF-Landesstudios Kärnten für die meisten fragenden Blicke sorgt – und kurz darauf für Aufatmen, wenn es der andere auch nicht verstanden hat. Allzuoft treffen mittelmäßige Texte in der Jury auf begeisterte Interpretatoren, platteste Symboltiere werden mit Begeisterung in Mythen-, Literatur- und Kirchengeschichte verortet und der Bachmann-Nostalgiker erwischt sich bei dem Gedanken, dass eine Daniela Strigl dem Spiel jetzt gut tun würde. Doch die österreichische Literaturwissenschaftlerin, bekannt für ihre nüchternen, treffenden Urteile, gehört der Jury seit dem Jahr 2014 nicht mehr an.  Und die kurz aufgeflammte Begeisterung der Jury zeitigt auch keine greifbaren Folgen: Verena Dürrs Text schafft es nicht einmal auf die Shortlist.

Überhaupt wird in diesem Jahr viel gegoogelt. In Zeiten, in denen das Wissen der Welt – etwa über abseitige minimalistische Musikstücke und subaride Klimazonen – leicht abzurufen ist, ist textimmanente Rezeption anscheinend sehr Nullerjahre. Gelesen wird bitteschön mit Second Screen in der Hand, sonst entgeht einem die Hälfte, und dieser Peinlichkeit will man sich ja nicht aussetzen als Leser. Also ruhig rein mit dem Fachvokabular in den Text, irgendjemand wird’s schon wieder rausholen.

Einhellig dagegen ist die Ablehnung des wortreichen Textes „In der Steppe“ von Jörg-Uwe Albig, in dem sich ein Mann in eine Kirche verliebt. Ist das nun furchtbar aufgeblasen? Oder können wir heute wirklich keine großen Liebesgeschichten mehr ertragen, wie Jurorin Meike Feßmann mutmaßt? Ähnlich ratlos steht Jury wie Publikum vor Urs Mannharts „Ein Bier im Banja“, einer Geschichte aus der zentralasiatischen Steppe. Darin wird von einem Mann in einem teilnomadischen Dorfzusammenhang ein Wolf gejagt, unübersichtliche Familienverhältnisse erschweren das Ganze. Man lese bitte Galsan Tschinag, frage sich kurz, ob man wirklich so schreiben kann, ohne auch nur einen Moment sein westliches Päckchen zu reflektieren, das man ja durch die Welt schleppt, und vergesse das Ganze.

© Johannes Puch/ORFEckhart Nickel liest.

Wie man mit minutiösen Beschreibungen, die sich viel Zeit lassen und ihren Gegenstand lange umkreisen, keine Ödnis, sondern Spannung erzeugt, zeigte Eckhart Nickel, die Überraschung des Samstags, eingeladen von Michael Wiederstein, dem Neuzugang in der Jury. Diese „Hysteria“ kommt auf leisen Sohlen, nähert sich über den Umweg eines Biomarktes mit dem schönen ersten Satz „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht“ und klärt das Fruchtmysterium später im Gartenkombinat „Sommerfrische“. Dass in diesem Retro-Bio-Paradies etwas vor sich hinfault, ist bald klar – und das ist mehr als eine müde Gesellschaftskritik des einschlägigen Bionade-Biedermeier-Biotops. Nickel seziert die Welt durch den Blick seines Protagonisten Bergmann aufs Akribischste, und das Ergebnis ist oft ausgesprochen unangenehm bis gammlig. Der Autor, der zum popkulturellen Quintett „Tristesse Royale“ gehörte, mit Christian Kracht die Zeitschrift „Der Freund“ herausgab und seitdem lange nichts von sich hören ließ, bekam den Kelag-Preis für seine sehr deutsche Dystopie.

Gianna Molinari und Maxi Obexer verheben sich danach noch am Flüchtlingsthema. Molinari dokumentiert in „Loses Mappe“ einen realen Fall so akribisch, dass man befürchtet, sie misstraue ihrem Texthandwerk zutiefst. Das hat den unangenehmen Effekt, wie Juror Klaus Kastberger bemerkt, dass ausgerechnet die eingestreuten Sachtexte und Fotodokumente am meisten berühren – also all das, was nicht Text ist. Für den 3Sat-Preis reichte es dennoch, sie setzte sich knapp gegen Jackie Thomae durch. In Maxi Obexers „Europas längster Sommer“ ist das Ganze leider nicht mehr als die Summe seine Teile. Die Einbürgerung einer Südtirolerin, die ihr Coming-out erlebt und in einem Zug zusammen mit Flüchtlingen gen Norden fährt, fällt vor lauter Themenüberfrachtung auseinander und wird auch sprachlich nicht zusammengehalten. Es funktioniert eben nicht immer mit der lieben Welthaltigkeit.

© Johannes Puch/ORFGianna Molinari liest.
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2 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Die Veranstaltung der fernsehübertragenen Ingeborg- Bachmann- Lesungen von Klagenfurt lenkte milde von jenen in Hamburg ab. Dank dafür an Österreich!
    Ohne Zweifel befinden dort Juroren aus diversen Perspektiven über autorale Kunstfertigkeit und haben sicher und klug entschieden, diese auch auszuzeichnen, ohne sich von emotionalen Zuwendungsangeboten korrumpieren zu lassen.
    Auf diese Weise fördert die berühmte Ausschreibung eher bereits bekannte Autoren und weniger die, die eventuell mit Erstlingswerk dort ihr Erscheinen forcieren wollen. Sicherlich finden zahlreiche Vorentscheidungen aus einer weit größerer Zusendung statt, so daß quasi eine fertige Palette mit 14 Werken angerichtet und präsentiert wird. Diesen Eindruck habe ich gewonnen, als Erkenntnis, inwieweit „Schicksal“ vorbestimmt sein mag.
    Vielen Dank für Ihre wunderbare Rezension hier.
    Sie weist die FAZ zweifelsfrei als Kulturmagazin aus, der hohes Niveau nicht unwichtig geworden ist, sich großen Klickzahlen

  2. Lanweilig
    Fast alle vorgelesenen Texte waren rechtschaffen langweilig, besonders die ohne Personen und Handlung.

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