Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Die Eröffnung: Europa, das Universum und der ganze Rest

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© dpaEuropäische Zusammenarbeit: Ein Hämmerchen, drei Hämmerer.

Also, es ging um Europa. Um Deutschland und Frankreich und wie sie da so nebeneinander herhausen, aber auch wieder nicht. Denn natürlich haben diese Länder eine lange gemeinsame Geistesgeschichte, aber vor allem: Französisch sprechen ja nicht nur die Franzosen, sondern die halbe Welt (gefühlt) (von Franzosen). Und dann ging es noch um die Bücher, in denen sich diese Geistesgeschichte manifestiert, um die Übersetzer, ohne die eine gegenseitige Rezeption nicht möglich wäre, Frau Merkel möchte da einmal Danke sagen, um die Besonderheit des Kulturgutes Buch, das ja jedes Jahr wieder um diese Zeit an diesem Ort beschworen wird, und darum, dass dieses Gut gesetzliche Rahmenbedingungen braucht, die jetzt gerade nicht ganz optimal … – also Frau Merkel, machen Sie da mal was, ich mach ja, Herr Riethmüller, ich mach ja.

Wenn es im Großen dann aber rumpelt, weil der Nationalismus brodelt, weil Menschen, die keine Bücher lesen und um die lange, nationenüberspannende Geistesgeschichte nicht wissen, weil diese Menschen AfD oder Front National wählen, was hier und heute natürlich keiner gut findet und Oberbürgermeister Feldmann geht gleich morgen zu diesem Stand von diesem, dem rechten Verlag da und sagt denen aber mal die Meinung, gleich morgen, wer kommt mit?

Wenn es da also rumpelt und knirscht und das Projekt Europa mal wieder vor keiner Zukunft steht, dann macht man schnell einen Kulturaustausch mit jungen Menschen und lässt die eine Woche miteinander über Meinungsfreiheit reden und filmt das dann, ein packender Appell! sagt Herr Riethmüller vom Börsenverein, weil die jungen Leute es doof finden, wenn man seine Meinung nicht sagen darf und das dann auch sagen, dass sie es doof finden. An den jungen Leuten hängt ja alles, denen muss man Sprachen beibringen, die muss man Erasmus schicken, sagt Macron und nennt viele Philosophennamen, die meisten von allen, und vor allem die unbekanntesten, nicht nur bisschen Voltaire wie so Merkel, aber die ist ja auch Physikerin. Merkel kann übrigens kein Französisch, aber Macron sagt, Russisch ist ja auch eine europäische Sprache, das gilt auch, und dann ist Merkel wieder beruhigt.

Wir haben also dieses schöne Europa, auch wenn da ein paar Rechte drin hausen, aber um die kümmert sich ja der Feldmann morgen, und dann gibt es noch die anderen Länder, da landen Leute im Gefängnis und schlachten sich ab, und die Diktatoren hassen Bücher, weil die gefährlich sind, also sind wir hier ja sicher. Hier ist Frieden und Marktwirtschaft und demokratische Grundordnung, hier gibt es geistigen Austausch, hier beseelen wir einander, das sagt Franzobel, oder zumindest sagt Buchmesse-Chef Juergen Boos, dass er das sagt. Eine schöne Vorstellung ist das: Große Hallen voller Bücher, und alle, die dort durchlaufen, beseelen einander, leuchten ein bisschen auf, während sie aneinander vorübergehen, und sogar dieser rechte Stand da, der wird ein bisschen angeseelt, zumindest ganz zart am Rande. Das macht Europa, das machen Goethe und Voltaire und die Übersetzer und all die vielen unbekannten französischen Philosophen. Spüren Sie mal genau hin die nächsten Tage, vielleicht merken Sie es ja.

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1 Lesermeinung

  1. Mehr als Ironie?
    War diese Eröffnung nur lächerlich? Muss zwingend ein Literatur Journalist (oder Redakteur?) sich selbst für einen Autor nehmen um sich in der Branche durchzusetzen? Bitte um Information. Eine treue Leserin.

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