Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Worüber reden? Worüber nicht?

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© Stefanie SilberGäste beim Empfang des S.Fischer Verlags im Literaturhaus

Nach den Niederlanden, Finnland und Indonesien: Endlich wieder ein Gastland, mit dessen Sprache viele von uns vertraut sind, so dass wir auf Französisch radebrechen können, statt flüssig Englisch zu sprechen! Aber wie vermittelt man dabei am besten seine Weltläufigkeit und seine intime Kenntnis der französischen Kultur? Und was finden Franzosen überhaupt nicht lustig? Ein Leitfaden.

Aimez-vous Macron?

Die Franzosen sind bekanntlich das Gegenteil von Amerikanern. Über Geld – zumindest privates – sprechen sie nicht. Aber auch privat stört es anders als in Amerika keinen, wenn man über Politik redet. Wenn dem Messebesucher im Small Talk mit Franzosen das französische Latein auszugehen droht, kann er sich sehr einfach aus der Verlegenheit helfen: „Aimez-vous Macron?“ wird jeden Gesprächspartner zu rhetorischen Sprudeln  bringen. Mit der Anspielung an den berühmten Roman von Françoise Sagan unterstreicht man gleichzeitig die literarische Bildung, auf die kultivierte Franzosen mehr Wert legen als auf Geld und sogar Politik.

„Wie man über Bücher spricht…

…die man nicht gelesen hat“ (Verlag Antje Kunstmann): Diese hohe Kunst ist an der Buchmesse ganz besonders gefragt. Der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard hat darüber einen frivolen Essay veröffentlicht, der als Leitfaden für Small Talk schlechthin taugt. Aber es ist natürlich ganz besonders nützlich, dieses Brevier zur Vorbereitung zur Buchmesse zu lesen. Man sollte es allerdings nicht ganz so bunt treiben wie der Gelehrte, der auch Vorlesungen hielt über Bücher, die er nie gelesen hatte, und es am besten gar nicht erst erwähnen. Das ist auch angesichts des eher komplizierten französischen Titels ratsam, bei dem man sich leicht versprechen kann: „Comment parler des livres que l’on n’a pas lu?“ – mit Betonung auf dem Fragezeichen.

Ah, Françoise…

Françoise Nyssen, die neue Kulturministerin. Ein vertrautes Ah – oder auch: ach! – Françoise suggeriert, dass man sie von früher kennt, und das tun viele Schriftsteller, Lektoren, Verleger hierzulande: Sie leitete bis zu ihrer Berufung nach Paris den großartigen Verlag Actes Sud in Arles, der zu einer allerersten Adresse geworden ist mit Nobel- und Goncourt-Preisträger. Auch gut zu wissen: In Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn hat sie in der Camargue eine Privatschule gegründet, in der nach den Prinzipien der Anthroposophen unterrichtet wird. Françoise ist „une amie“, Vorgängerin Aurélie Filippetti hatte bekanntlich nichts unversucht gelassen, um Frankreich als Gastland zu verhindern. Zwei Frauen sind in Françoises Imperium für die exzellenten Beziehungen und die Präsenz von deutschsprachigen Schriftstellern wie Daniel Kehlmann, Claude Alain Sulzer oder auch Peter Stephan Jungk zuständig: Martina Wachendorff und die legendäre, manchmal zu Unrecht und skandalöserweise vergessene Jacqueline Chambon, die 1987 in Paris ihren Verlag gründete, der heute bei Actes Sud untergebracht ist.

Lacancan und Derridada

Auf der Höhe der poststrukturalistischen Mode war es „in“, den Jargon – nicht nur von Lacan und Derrida – mit diesem schönen Wortspiel zu verspotten. Franzosen verstehen Spaß, dieses Bonmot aber nicht. In einer eher hämischen Betrachtung zum Einfluss von Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ auf Macron schrieb jüngst das Nachrichtenmagazin „Le Point“ „ohne exzessiven Chauvinismus“, dass sie den „Jargon der Unverständlichkeit“ der „sociologie allemande“ selber genauso können. Lacancan und Derridada sind absolut zu vermeiden!

Heideguerre

Heidegger ist eine Schlüsselfigur der deutsch-französischen Beziehungen. Die Franzosen lasen ihn im Widerstand gegen die Deutschen, Heideggers französischer Exeget Jean Beaufret hatte am Tag der Landung der Alliierten in der Normandie die Offenbarung, „Sein und Zeit“ zu verstehen. Georges Steiner hat die französische Nachkriegsphilosophie als „Fußnoten zu Heidegger“ bezeichnet. Die Debatte ist nie zur Ruhe gekommen, mit den „Schwarzen Heften“ geht sie weiter – der Versuch seiner Weißwaschung in Paris aber ist endgültig gescheitert. Es gehört zum guten Ton, auf Französisch Martin Heideggers Namen wie „Krieg“ – la guerre – auszusprechen: Heideguerre.

Virginie Despentes

Sie hat Michel Houellebecq als Star abgelöst. Der erste Band ihrer Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen, in Frankreich liegen seit dem Frühjahr alle drei Teile vor. Vernon, ursprünglich Schallplattenhändler, später Obdachloser und DJ, zum Schluss Guru, überlebt als einziger ein Attentat. In Frankreich ist Subutex ein Medikament, das als Drogenersatz abgegeben wird. Der Vorname ist eine Anspielung auf Boris Vians „amerikanisches“ Pseudonym Vernon Sullivan, unter dem er den zensierten Skandalroman „Auf eure Gräber werd‘  ich spucken“ publiziert hatte. Wie Houellebecq ist Virginie Despentes zum gesellschaftlichen Phänomen geworden. In den letzten Wochen erschienen in den gediegensten Magazinen und Beilagen Porträts von ihr. In Paris konnte sie sich eine Wohnung kaufen, sie ist jetzt ausschließlich lesbisch, trinkt nicht mehr und hat wie Houellebecq einen Schoßhund. Franzosen frönen durchaus der politischen Korrektheit, lieben aber auch die vieldeutigen Anspielungen. Auf den Empfängen sei dem intimen Kenner von Despentes‘ provozierendem Frühwerk in der Konversation eine gewisse Vorsicht empfohlen. Ihr erstes Buch wurde im Taschenbuch neu aufgelegt:  „Baise-moi“.

Francfort vaut bien une messe

Bienvenue à la France de Macron et du livre! Auch Paris ist bekanntlich eine Messe wert, durchaus eine Buchmesse, sie findet jeweils im Frühling statt. Aber bitte keine „messe de Paris“ oder „messe du livre“. Dem Handel geweihte Messen werden als „foires“ bezeichnet, es gibt sie für Vieh und für Bücher, die „Foire du livre de Brive“ in  der Provinz hat sich dank der Präsenz der Goncourt-Juroren zu einer Veranstaltung von nationaler Ausstrahlung gemausert, auch wegen der Trüffel, die dann Saison haben. In Paris jedoch nennen sie nicht nur die Landwirtschaftsmesse und Automobilausstellung, sondern auch die Buchmesse „Salon“: der Ort, an dem die hohe Konversation gepflegt wird. Spötter dürfen anfügen: wie beim Friseur, im „Salon de coiffure“.  Der ehrfürchtige Kult der Bücher und der Literatur aber, den die Franzosen pflegen, steht der Konkurrenz der Katholiken mit ihren exklusiven Messen in nichts nach. Und braucht sie in der Politik nicht zu fürchten: Seit der Revolution streben die  Politiker nach den Weihen der Literatur – nachzulesen bei Tocqueville.

Wenn aber der Schlusspunkt gesetzt und das letzte Kapitel abgeschlossen ist, dann sagen auch sie im wirklichen Leben: „La messe est dite.“ Bis zum nächsten Jahr – im Frühling in Paris.

Jürg Altwegg

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  1. Subutex
    Subutex ist der Handelsname für Buprenorphin zur Behandlung opiatabhängiger Patienten (also z.B. Heroinabhängiger), der sogenannten Substitutionstherapie. Das Präparat gibt es nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland. Allerdings soll Buprenorphin bei Patienten zur Substitution weniger beliebt sein als Methadon, weil es häufiger zu Entzugserscheinungen kommen soll.

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