Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Französinnen, ihr habt es besser!

| 26 Lesermeinungen

© picture alliance / Everett ColleIsabelle Huppert in „Falsche Vertraulichkeiten“: Gibt es in Deutschland überhaupt Filmrollen für Frauen über sechzig?

Das Klischee geht ungefähr so: In Frankreich sind alle Frauen elegant, verführerisch und feminin, deutsche Frauen hingegen sind verbissene Spaßbremsen, flirten können sie auch nicht und womöglich sind sie auch noch unrasiert und Feministin. Das stellt Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, erst einmal so in den Raum des Lesezeltes, denn es ist ja nicht ganz aus der Luft gegriffen und womöglich hat es, wie viele Klischees, einen wahren Kern. Vergleichen wir also einmal Gastland und Gastgeberland anhand seiner Frauen – und den Lebensbedingungen diesseits und jenseits des Rheins.

Die Schauspielerin Maria Furtwängler erzählt, ihr Mann, der Verleger Hubert Burda, sage gern: „Oh, so jung und schon Französin“, als sei das eine Auszeichnung.  Maria Furtwängler erzählt in dieser Runde noch so einiges, zum Glück aber recht wenig über ihren Mann. Dafür aber, dass sie eine Studie initiiert hat, die Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen untersucht. Und die ergibt, dass in Deutschland Frauenrollen vor allem in Beziehungszusammenhängen vorkommen, nämlich im Alter zwischen zwanzig und dreißig. Für Frauen über vierzig gibt es hingegen kein Narrativ, die verschwinden einfach, die werden nicht dargestellt, über die gibt es anscheinend nichts zu erzählen. Über Männer diesen Alters hingegen schon. In Frankreich haben Frauen kein Alter, so lautet ein Bonmot des Modeschöpfers Yves Saint Laurent, in Deutschland haben sie vor allem ein Verfallsdatum. Vielleicht kommt daher diese gewisse Bitterkeit deutscher Frauen, so Furtwängler am Ende des Gesprächs, wenn es um den Feminismus geht – weil deutsche Frauen noch viel abhängiger seien.

Furtwängler zur Seite springt die Professorin für französische Literaturwissenschaft Barbara Vinken, selbst in Frankreich aufgewachsen. Es gebe in Frankreich eine große Bewunderung für alles Weibliche, was auch bedeutet, dass Intellektuelle ihrer Weiblichkeit nicht abschwören müssen, um ernst genommen zu werden. Das sehe man ja schon an den Haaren, so Rüdiger Suchsland, Filmkritiker und Quotenmann der Runde: Französinnen schnitten sich auch im Alter ihre Haare nicht ab. Hierzulande war es das erste, was eine Ursula von der Leyen tat, als sie ihren Ministerposten bekam. In Deutschland stehe das Weibliche sofort unter Verdacht und sei mit dem Intellektuellen kaum vereinbar.

Na, da haben sich die Pariserinnen ja erfolgreich vermarktet, so Journalistin und Deutschland-Korrespondentin Cecile Calla. So ganz paradiesisch ungezwungen gingen die Geschlechter seit der Affäre Strauss-Kahn auch in Frankreich nicht mehr miteinander um. Zwar werde die Kultur der Begierde und der Verführung noch immer als nationales Gut angesehen, doch sprächen immer mehr Frauen über Belästigungen durch Männer und man werde sich der Grenzen langsam bewusster.

Ganz anders als in Deutschland sei in Frankreich hingegen das Bild vom Muttersein. Niemand werde als Rabenmutter angesehen, wenn man sein Kind in die Krippe gebe, ganz im Gegenteil: Es gebe durchaus einen Druck, nach der Geburt schnell wieder seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, berichtet Calla. Das habe sich bereits seit dem 18. Jahrhundert in diese Richtung entwickelt, damals gab es für die Städterinnen Ammen, die sich um die Kinder kümmerten. Und wenn Kinder zu Hause bleiben, so befürchtet man heute, sie entwickelten keine sozialen Kompetenzen. Allerdings gebe es auch da langsam eine Gegenbewegung, so Calla, denn nicht alle Frauen mache dieses Modell glücklich. Auch hier ist das wieder eine Frage des Medienbilds, das der Wirklichkeit vorausgeht. In Frankreich seien Mütter in Filmen oft sehr erotisch, in Deutschland seien sie eher tabuisiert, so Barbara Vinken. Unser deutsches Muttermodell hingegen sei gescheitert, denn dabei verlieren alle.

Egal, wie man das Gespräch drehte und wendete: Die Französinnen scheinen freier zu leben, mit weniger Druck und mehr Entscheidungsfreiheit. Vielleicht liegt darin ihr größeres Selbstvertrauen begründet. Und darin, dass ihnen das Kino noch erzählenswerte Leben zutraut, auch wenn sie – und die Schauspielerinnen, die sie darstellen – die vierzig, fünfzig oder sechzig Jahre überschritten haben. Sie sind ganz wunderbar, weil sie wunderbar sein dürfen. Liebes deutsches Kino, liebes Fernsehen: Ihr seid jetzt dran.

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26 Lesermeinungen

  1. Leider wahr!
    Über die Grenze nach Frankreich zu fahren, dort auf einem Marktplatz zu sitzen macht Freude. Frauen dort nur anzusehen, ihre Bewegungen, ihr Verhalten, das ist eine andere Welt. Vor Jahren habe ich dies in Offenburg und Colmar direkt nacheinander erleben dürfen.

    Deutsche Kartoffelsäcke gegen Französinnen!

    • Naja
      kann es nicht sein, dass Sie sich wegen des Ortswechsels nur besser fühlen und positiver denken? Ich finde ja, in Schweden gibt es nur gut aussehende Männer. Oder in Griechenland. Oder in Spanien. Oder ich bilde mir das ein.

    • Bescheidenheit ist eine Zier!
      Teile Ihren Geschmack nicht, offenbar sind Sie nicht verwöhnt, so sorry!

  2. Titel eingeben
    Also liebe Redaktion, Ihr hab ja „nur“ berichtet ueber die Veranstaltung der Buchmesse. Was da ueber „die Deutsche“ oder „die Franzoesische“ Frau gesprochen wird halte ich mit Verlaub fuer absoluten Bloedsinn!
    Das trifft vor allem fuer die Aussage zu, in Deutschland gaebe es im Film keine Rollen fuer ueber 40 jaehrige. Ohne weiter ins Detail zu gehen kann ich nur Hanna Schygulla oder Hannelore Elsner erwaehnen, die sogar die 70er schon ueberschritten haben und jaehrlich in vielen Rollen zu sehen sind.
    Wo sind denn da die Franzoesischen pendants?
    Und was nun die „normalen“ Frauen angeht halte ich es fuer den absoluten Aberwitz, die diskutierten Inhalte zu verallgemeinern. Das gilt fuer Eleganz, Verfuehrung und Mutterschaft u.v.a. mehr. Ich halte Deutsche Frauen fuer eindeutig angenehmer, emanzipierter, selbstbewusster und verfuehrerischer als Franzoesinnen. Vermutlich haetten einige Maenner dieser Diskussionsrunde sehr gut getan als nur Frauen ueber Frauen diskutieren zu lassen!

  3. "Unser Muttermodell sei gescheitert, denn dabei verlieren alle."
    Außer den Kindern, aber wen interessieren die schon? Dass Frankreich die höchste Selbstmordrate in Westeuropa hat, spricht nicht gerade für besondere seelische Gesundheit. Übertriebene Eitelkeit und Promiskuität gelten anderswo als Folge mangelnder Liebe und Zuwendung in der Kindheit. Vielleicht hat das französische Modell doch auch seine Nachteile?

    • Österreich...
      …ist dicht hinter Frankreich. Tja, auch die Alpenrepublik scheint nicht lebenswert zu sein!

      Merkwürdig nur, in dem Artikel ging es umFRAUEN und für die „hohe“ Selbstmordrate in Frankreich sind überwiegend Männer verantwortlich..
      Der Faktor junger Männer ist 3x so hoch!

      Insofern…

    • umKINDER
      geht es in meinem Kommentar, männlich wie weiblich. Aber wie ich schon schrieb, die interessieren nicht. Männer stellen überall die Mehrheit der Selbstmörder. Insofern…

  4. Schlusssatz: Liebes deutsches Kino, liebes Fernsehen: Ihr seid jetzt dran.
    Falscher Schlusssatz. Besser: Liebe Frauen. Jetzt sind wir dran. Freier leben müssen wir schon selbst, und nicht etwa darauf warten, dass das Kino uns befreit. Warten, dass man vom Fernsehen eine Rolle verordnet bekommt, ist das Gegenteil von Freiheit. Die Sufragetten haben auch nicht auf das Fernsehen gewartet!

    • Es ist bezeichnend
      daß eine deutsche Frau beim Spiel der Geschlechter zuerst am Kampf und Suffragetten denkt. Warum nur mußte ich ausgerechnet hier geboren werden…

  5. Soll das Geschilderte ein Naturgesetz sein?
    Oder doch vielleicht eine, durch den Median eigenen Verhaltens „deutscher“ Frauen getriggerte, self fulfilling prophecy?

  6. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Dietrich Schwanitz es sinngemäß so ausgedrückt:
    Der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft lässt sich unter anderem daran erkennen, mit wieviel Respekt und Höflichkeit die Frauen in ihr behandelt werden. Voilà, da haben wir’s ja. Frankreich ist halt eine Kulturnation. Noch Fragen? (Im übrigen bin ich der Meinung, dass unsere Gesellschaft insgesamt mehr Höflichkeit gebrauchen könnte, unabhängig von der Geschlechterfrage).

  7. Stimmt so
    Ich lebe schon seit fast 30 Jahren in Frankreich, meine Frau ist Französin und das wird sich bestimmt nicht ändern.
    So hart der einleitende Kommentar von Bascha Mika auch klingen mag, er hat einen wahren Kern. Ich würde -im Gegensatz zu den Französinnen- einem nicht unerheblichen Teil der deutschen Frauen Heulsusentum bescheinigen, oft in fataler Verbindung mit dem missionarischem Glauben, dass alles Negative systematisch auf den Mann zurückgeführt werden kann.
    Der direkte Vergleich der sich durch mein Leben im „Ausland“ ergab, hat mein Blick darauf deutlich verschärft.

  8. Die Französinnen kenne ich nicht so, die deutschen Frauen eher.
    Leider sind sie vielfach unförmig und uncharmant. Der Gipfel ist erreicht,
    wenn Verdi-Frauen ihren Auftritt haben. Oft: Die Haare unvorteilhaft gefärbt, über die Proportionen mich auszulassen verbietet die Höflichkeit und das Gefühl vom Herrgott und der Welt benachteiligt zu sein, hat zu einer Mimik a la Stegner geführt. Gott sei Dank sind wir weltoffen. Ich war mit meiner ausländischen Frau vor kurzem in Italien und habe auch RAI geschaut und erlebt: Man kann Frau sein – auch älter -, charmant, gut gekleidet und gleichzeitig beruflich erfolgreich. Das gilt übrigens auch für Männer. Jetzt wage ich mich noch weiter aus der Deckung. Schauen Sie mal russisches Fernsehen. In Russland Mann zu sein, muss paradisisch sein, als Hetero jedenfalls. Es gibt dort eine Sendung im 1. Fernsehen, die übersetzt „Heiraten wir“ heißt. Man kann nur staunen. Damit meine ich nicht nur Äußerlichkeiten. Natürlich gehören Sie liebe Leserin zu der Gattung klug, erfolgreich, charmant usw. Es g

  9. Die üblichen Stereotype
    Wer sich in einem französischen Kaff begibt, wird auch dort kaum auf Haute-Couture-Trägerinnen treffen, sondern eher auf Citoyennes lambda (Lieschen Müller) und dass man in den „besseren Stadtvierteln“ von Berlin heute nur noch selten elegante Weibsbilder antrifft, hat was mit der unsäglichen Migrationspolitik der Bundesregierung zu tun: In einem riesigen Ameisenhaufen fallen hauptsächlich die Kopftuchträgerinnen auf.

  10. Im falschen Land aufgewachsen
    Ich war schon in meiner Jugend der Meinung, im falschen Land aufgewachsen zu sein. Wenige Ausflüge zu unserem westlichen Nachbarn reichten, um wahrscheinlich für den Rest meines Lebens vor Neid zu erblassen. Französinnen sind die schönsten und sympathischsten Frauen der Welt. Dort bekommt man das Spiel zwischen den Geschlechtern in die Wiege gelegt. Mein Gott, warum sind wir in dieser Beziehung nur so verkrampft? Ich habe ein paar französische Freunde. Bei jeder Begegnung fange ich ein bißchen an zu schweben, einfach schön. Vive la France, danke, daß es Euch gibt!

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