Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Macht’s gut, und danke für das Fischrezept

| 2 Lesermeinungen

© AP PhotoZusammen isst man weniger allein.

Es gibt niemanden, der nicht isst und trinkt, aber nur wenige, die den Geschmack zu schätzen wissen.

Konfuzius

Tausend Quadratmeter groß ist die Gourmet Gallery, und ein Zehntel davon gehört China. Genauer gesagt dem Konfuzius-Institut, Chinas Sprach- und Kulturvermittlungsstelle. Der Stand wurde Mittwoch Vormittag eingeweiht, ein Nudelmeister schwang Nudelteig mit artistischer Perfektion, knotete und rollte und schwang wieder, um eines dieser Gerichte herzustellen, die in China an jeder Straßenecke im Hocken weggeschlabbert werden, hinter denen aber ein, zweitausend Jahre Tradition stehen und ziemlich viel Luft nach oben, was die Qualität der Zubereitung angeht.

Eventuell ist es erklärungsbedürftig, warum China ausgerechnet mit einer Gourmet-Offensive auf der Buchmesse antritt, aber zum Glück gehören zum Rahmenprogramm auch eine Reihe Podiumsdiskussionen. Da sitzt Dr. Jing Wei vom Konfuzius-Institut, die erklären kann, was sie sich dabei gedacht hat. Und natürlich führt der Weg irgendwie über Schweinefleisch süß-sauer, jenem Klassiker der deutsch-chinesischen Küche, mit dem jeder irgendwann angefangen hat, seine Stäbchenfertigkeiten zu testen. Das sei so ziemlich das erste, was die meisten Menschen von chinesischer Kultur mitbekommen, sagt sie und hat, zumindest was Deutschland angeht, wohl auch recht.

Jetzt ist es aber so, sagt Michael Kahn-Ackermann, lange Jahre Leiter des Goethe-Instituts in Peking, dass in China Essen das Hauptgesprächsthema zu jeder Gelegenheit sei. Seine Frau, ihres Zeichens Künstlerin, habe gerade neulich eine Sprachnachricht von einer befreundeten Kollegin bekommen, die ihr zwanzig Minuten lang erzählt habe, wie sie einen bestimmten Fisch zubereitet. Seine Frau habe daraufhin detaillierte Nachfragen gestellt, die ebenso detaillierte Antwort sei postwendend gekommen. Und das sei völlig normal. Stunden Gespräch, wegen eines kleinen Fisches! In China seien im Laufe der Kulturrevolution und des darauf folgenden Kapitalismus viele Traditionen verloren gegangen, aber eine jedoch nicht, nämlich die des Essens.

Miao Wei, der Dritte auf der Bühne, war einst Journalist, nun ist er Grafiker und Romanautor. In seinem Buch geht es ums Essen, nämlich um einen reichen Geschäftsmann, der sich um die Welt futtert. Diese Gier habe mit seiner Generation zu tun, sagt er, denn noch vor dreißig Jahren gab es in China Hunger, seine Kindheit sei extrem arm gewesen. Heute dagegen gebe es diesen enormen Überfluss. Diese Diskrepanz habe er zeigen wollen, aber seine Leser nähmen sein Buch vor allem als Anleitung wahr, sich um die Welt zu futtern und übersähen die moralische Dimension des Ganzen.

Allerdings, da sind sich alle einig, passiere in China gerade sehr viel. In den letzten Jahren habe sich das Leben enorm beschleunigt und damit auch das Essen. Man esse vorrangig in den Werkskantinen. Weil die Frauen ebenfalls arbeiteten, kochten sie nicht mehr für die Männer, wie damals, als alle noch auf dem Feld arbeiteten.

Lange gehörte auch nur eine sehr rudimentäre Küche zu den chinesischen Wohnungen. Es ist in China immer noch günstiger, essen zu gehen, als selbst zu kochen, deshalb bleibt das besonderen Anlässen wie etwa dem Neujahrsfest vorbehalten. Wenn man sich hingegen treffen will, geht man zusammen etwas essen und redet dann auch genau darüber. In seinen langen Jahren in China, berichtet Kahn-Ackermann, sei er kaum je zu jemandem nach Hause eingeladen worden, man habe sich immer im Restaurant getroffen.

Inzwischen tut sich jedoch einiges in China. Seit zwanzig Jahren haben die Wohnungen moderne Einbauküchen, man isst häufiger zu Hause, was auch modernen Lieferdiensten und ihren praktischen Apps geschuldet ist. Man genießt wieder mehr. Und sieht regionales Essen als Teil seiner Identität. Unterschiedliche Essverhalten und -vorlieben, weiß Kahn-Ackermann, sind in China ein nicht ganz seltener Scheidungsgrund. Wir Deutsche, die wir auf der Buchmesse nur einen Zeh in diesen Abgrund tauchen, müssen uns damit zum Glück nicht befassen: Wir schauen den routinierten Bewegungen des Nudelmeisters zu und probieren hinterher ein Löffelchen Suppe. Und malen uns aus, was das für ein Fischrezept sein kann, über das man sich ellenlange Sprachnachrichten hin- und herschicken kann.

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2 Lesermeinungen

  1. Nudeln
    Nun Frau Diener,
    in der Annahme, dass Sie in Frankfurt oder im nahen Umfeld angesiedelt sind:
    Über die Kunst chinesischer Nudelbereitung hätten Sie sich schon seit Jahren in Frankfurt in der Niddastraße vergewissern können. MIAN, das chinesisches Wort für Nudel ist das Stichwort. Ein sehr empfehlenswerter Ausflug in einen Ausschnitt chinesicher Esskultur.

  2. Hüstel, aber man wusste noch gar nicht, dass Konfuzius auch
    so ein ausgeprägter Meister der aufrichtig – eindimensionalen Trivialliteratur war. Denn wie so häufig, wenn es um Genuss geht, der mit der Aufnahme warm zubereiteter Speisen zu tun hat, kann das auch sprachlich schon ein monokausal unidirektionaler Selbstwohlfühl-Vorgang sein.

    Wie erfrischend kann da auch schon mal die abrupte Umkehrung sein: ‚Es gibt eine ganze Reihe, die essen und trinken überhaupt nicht, aber viele wissen trotzdem mit Freude selbst ausgeprägte Geschmacklosigkeiten zu schätzen‘.

    Aber das hat dann auch schon wieder mit Verantwortungsübernahme zu tun, und zwar im nationalen wie internationalen Zusammenhang; ‚Kitzelige Verantwortung, dass ist sowieso unser Ding‘. Und gerne auch öffentlich.

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