Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Mutige Medienschaffende

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© APAhmet Şık auf einem Archivfoto

„Erdoğan hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“: Der ehemalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) ist sichtlich aufgewühlt, als er seine Laudatio für Ahmet Şık auf der Frankfurter Buchmesse hält. Şık ist Preisträger des diesjährigen Raif-Badawi-Awards, weil der „Cumhuriyet“-Journalist aufgrund seiner kritischen Berichterstattung derzeit in der Türkei in Haft sitzt. Am Schicksal des Mannes, der den Preis stellvertretend für die vielen ebenfalls eingesperrten Reporter in der Türkei erhält, gibt Baum ganz unverhohlen dem türkischen Präsidenten die Schuld.

Während der Preisträger an diesem Mittwochnachmittag nicht anwesend sein darf, hat sich einer unters Publikum gemischt, dem der immer restriktiver werdende Umgang der türkischen Regierung mit Medienschaffenden ebenfalls schmerzlich vertraut sein dürfte: Can Dündar. Aktuell lebt und arbeitet der Journalist in Deutschland, mithilfe von Interpol will ihn die türkische Staatsanwaltschaft angeblich bald suchen lassen. Ankara wirft ihm unter anderem die Unterstützung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor; Ahmet Şık wiederum soll Propaganda für die Gülen-Bewegung betrieben haben. Die Ironie dabei: Der in der Vergangenheit bereits mehrfach angeklagte, investigative Reporter Şık kritisiert in seinem Buch „Die Armee des Imam“, dass die sogenannte „Hizmet“-Bewegung von Fethullah Gülen den Polizeiapparat und die türkische Justiz massiv infiltriert habe.

In der Türkei sitzen aktuell 150 Medienschaffende im Gefängnis. Das Land nimmt damit eine traurige Spitzenposition im Ranking derjenigen Länder mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit ein. In Saudi-Arabien, woher der Namensgeber des Awards stammt, sitzen derzeit elf Reporter in Haft. Ensaf Haidar, Ehefrau des wegen angeblicher Gotteslästerung zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilten Bloggers Raif Badawi, betont auf der Buchmesse die Signalwirkung desRaif Badawi Award for courageous journalists 2017 der FriedrichNaumann-Stiftung für die Freiheit: „Jedes Jahr wird so auch an Raifs Schicksal erinnert.“ Die aktuell erzielten Fortschritte in ihrem Heimatland, etwa dass nun auch Frauen alleine Autofahren dürfen, könne Ensaf Haidar nicht anerkennen, solange ihr Mann weiterhin in Haft verbleiben müsse.

Der inhaftierte Preisträger Ahmet Şık gibt sich derweil kämpferisch. Sein Anwalt und Vertreter, der Menschenrechtler Can Atalay, zitiert eine Rede des Journalisten: „Es gibt nur eine Regierungsform, die, mögen sich auch ihre Götter ändern, immer das gleiche Gesicht bewahrt – der Faschismus.“ Die Jury des Raif-Badawi-Preises hat Şık als diesjährigen Sieger wegen „seiner herausragenden Bedeutung für die freien Medien in der Türkei“ gewählt. Der Award würdigt jährlich die mutige Arbeit von Medienschaffenden in islamisch geprägten Ländern.

Was aber kann eigentlich Europa tun, um Journalisten, denen Menschenrechtverletzungen drohen, zu helfen? In der abschließenden Gesprächsrunde sind sich Badawis Frau und Gerhart Baum bei der Frage von Moderator und Journalist Constantin Schreiber einig: „Der Westen darf die Menschenrechte niemals irgendwelchen Wirtschaftsdeals unterordnen.“

Cindy Riechau

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