Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Der Untergang des Abendlandes ist verschoben

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Weil doch immer alle fragen, wo sie sind, die jungen Leute, und wofür sie sich begeistern: Hier sind sie. Sitzen auf Papphockern herum oder drängen sich dahinter und warten auf die Verleihung des ersten deutschen Buchblog Awards, als hätte es nie eine Diskussion darüber gegeben, ob die jungen Leute heutzutage nur noch in Smartphones gucken statt in Bücher. Denn hier könnten die Bedenkenträger erleben, wie sehr Buch und Handys einander befruchten: Mehrere Hände gehen in die Luft und streamen via Facebook live die Verleihung eines Preises, für den unter anderem Vlogs nominiert sind, die mit Handys aufgenommen und ins Internet gestellt wurden. Because it’s 2017.

Damit ist der Untergang des Abendlandes wohl mal wieder verschoben; wir hätten ja eh alle nichts anzuziehen gehabt. Also können wir unsere Zeit jetzt auf andere fruchtlose Diskussionen verwenden: Heißt es der oder das Blog? „Diese Frage hört nie auf, brennend zu sein“, findet die moderierende Kleinverlegerin Christiane Frohmann, was ein paar Anfangszwanziger im Publikum mit „Hä?!“ kommentieren. Da scheint also nicht allzu viel zu brennen, und auch die anschließend heraufbeschworene Kluft zwischen der Literaturkritik im Feuilleton (bildungsbürgerlich) und Buchblogs (keine Angst vor Genre-Romanen) wird kurz darauf an Ort und Stelle beigelegt: Weil Buchhändlerin Sarah Reul, die unter dem Namen Pinkfisch bloggt, erfrischenderweise um Handzeichen bittet, ob das Thema durch ist, und das Votum einhellig ausfällt.

Also Schluss mit den Grabenkämpfen, her mit den Preisen: 400 Buchblogger zwischen 18 und 50 Jahren waren nominiert, 40 davon für den Sonderpreis – weil sie nicht unbedingt Texte schreiben, sondern etwa Videos oder Podcasts aufnehmen. Die meisten sind in den Bereichen Kinder- und Jugendbuch, Spannung und Fantasy anzusiedeln, aber es gibt natürlich auch Buchblogs, deren Ausrichtung sich von einer klassischen Feuilleton-Auswahl nicht groß unterscheidet. Bei den Preisen haben die Ausrichter, NetGalley und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, sich noch Luft nach oben gelassen: Es werden Büchergutscheine und ein Aufenthalt für zwei in einem Hamburger „Literaturhotel“ ausgelobt.

Die Shortlist wurde basisdemokratisch durch eine öffentliche Abstimmung erarbeitet, doch für die finale Entscheidung zeichnet eine Jury verantwortlich. Am Ende gewinnen der Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski und der Literarische Nerd Florian Valerius, der den Sonderpreis für seinen Instagram-Account erhält. Das Kaffeehaus hat seit 2013 eröffnet, während der Insta-Nerd erst seit 2016 dabei ist. Und das ist eine sehr gute Nachricht: Viele Kandidaten der Shortlist sind erst seit ein, zwei Jahren als Buchblogger aktiv. Daran merkt man deutlich, dass dort etwas blüht und gedeiht. Die Shortlist gibt auf jeden Fall gute Empfehlungen, mit welchen Buchbloggern man einstiegen kann, wenn man sich die Szene mal näher anschauen möchte.

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5 Lesermeinungen

  1. Und noch ein Thema:
    Wie bekommt man die Leser von Internet-Kritiken dazu, nicht gleich zu Amazon für die Bestellung zu wechseln, sondern beim nächsten Buchladen anzurufen, die ISBN durchzugeben und morgen vormittag das Buch abzuholen.

    Zur Buchhändlerin Ihrer Wahl – anstatt die Leseware von Buchzentrum in Bad Hersfeld über N8 quer durch die Republik karren zu lassen und von übernächtigten Billigbezahlten beim Erdgeschoss-Bewohnern abliefern zu lassen.
    Wem das bis hierher egal ist, flüstere ich drohend zu: Stickoxide!! Ganz schlimm!!! Vielleicht motiviert das ja zum Nachdenken.

  2. Selbstverständlich lesen und informieren sich junge Menschen!
    ich selbst bin leidenschaftlich an vielen Themen interessiert und meine vier erwachsenen Kids ebenfalls! Sie nutzen aber die neuen Medien noch weit mehr als ich selbst!

    Was mir natürlich heute wieder auffällt, wie in meiner Jugend, das sind Puristen: fanatische Veganer, Kriegsgegner etc. Die Erfahrung ist, es sind nicht die, die unsere Kultur voranbringen. Ach so – ich bestelle auch gerne bei Amazon. Aber nur gebrauchte Bücher. das ist viel interessanter! Und die liefern auch prompt!

  3. Klischees
    Es täte Artikeln wie diesem gut, nicht jedesmal vom „Untergang des Abendlandes“ zu reden. Bereits als „Big brother“ neu war, vor Jahrzehnten, geruhten Feuilletons, etwa im Südwestfunk-Radio, diese Floskel zu benutzen. Nein, durch big brother ging „das Abendland nicht unter“. Es entstanden nur „brands“, die etwa Donald Trump zu nutzen wußte, was durch solche übertreibenden Titel verwischt wird. Big brother schönzureden führte zu shows, die ehrlich gesagt entsetzlich sind.

    Und mit den smartphones ist es auch nicht so einfach. Auch hier geht „das Abendland nicht unter“ – dennoch irren Millionen schlecht gelaunte, aggressive Leute auf ihr display fixiert durch die Städte und werden zu allen außerhalb ihrer „in-groups“ und bubbles auf eine Weise unfreundlich, die es vorher seltener gab. Nein, das Abendland geht nicht unter. Aber Klischeetitel dieser Art verhindern jede offene Diskussion von vornherein, und enden bei coolness. Literatur hat nichts mit Handzeichen-Mehrheiten zu tu

  4. Klischees
    Es täte Artikeln wie diesem gut, nicht immer vom „Untergang des Abendlandes“ zu reden. Bereits als „Big brother“ vor Jahrzehnten neu war, geruhten Feuilletons, etwa im SWR-Radio, diese Floskel zu benutzen. Nein, durch big brother ging das Abendland nicht unter. Es entstanden nur „brands“, die etwa Donald Trump zu nutzen wußte, was durch solche übertreibenden Titel verwischt wird. Big brother schönzureden führte zu shows, die oft entsetzlich sind.

    Und mit den smartphones ist es auch nicht so einfach. Auch hier geht das Abendland nicht unter. Dennoch irren Millionen schlecht gelaunte, aggressive Leute auf ihr display fixiert durch die Städte und sind zu allen außerhalb ihrer „in-groups“ und bubbles auf eine Weise unfreundlich, die es vorher seltener gab. Kein Abendland geht unter. Aber Titel dieser Art verhindern jede offene Diskussion von vornherein, und enden bei coolness. Literatur hat nichts mit Handzeichen-Mehrheiten zu tun, und „Häh“ nicht viel mit Literatur.

  5. Die Bücher der Buchhändlerin
    kommen dann wohl von allein angeflogen? Bitte das körpereigene zerebrale Eiweiß benutzen, vor dem Schreiben…

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