Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Die größte Gefahr geht immer noch von Rechten aus

| 16 Lesermeinungen

© dpaDemo gegen Judenhass in Berlin

Gibt es Antisemitismus in Deutschland? Viele Menschen zweifeln daran, dass diese Debatte noch zeitgemäß ist. Auch die Teilnehmer der Gesprächsrunde „Fragiler Konsens. Judenfeindschaft heute“ auf der Frankfurter Buchmesse räumen ein, dass die Bundesrepublik sehr viel getan hat, um ihre nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten und zu überwinden. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, bezeichnet die Deutschen gar als „Weltmeister der Erinnerungskultur“.

Inzwischen zeichnet sich hierzulande jedoch eine gefährliche Entwicklung ab: Beinahe 60 Prozent der Bundesbürger möchten einen Schlussstrich unter das Thema Judenverfolgung im Dritten Reich ziehen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit empfinden viele offenbar als Last. Bei der Debatte am Donnerstag thematisiert die Erziehungswissenschaftlerin Heike Radvan vor allem die Rolle der Pädagogen: „Antisemitische Ressentiments gibt es in allen Milieus der Gesellschaft, auch unter Erziehern. Dies und auch falsche Reaktionen auf antisemitische Äußerungen von Kindern oder Jugendlichen verstärkt deren Stereotype mitunter.“

Wichtig sei es, das Denken in Eigen- und Fremdgruppe aufzubrechen und die Identifikationen mit der einen bei gleichzeitiger Ablehnung der anderen in Frage zu stellen. Dem rassistischen Vorurteil, Juden seien „Kindermörder“, mit dem Hinweis, dass es auch nette Juden gebe, zu entgegnen, sei hingegen kontraproduktiv: „Das verfestigt nur die Wahrnehmung, dass Jüdischsein etwas Fremdes ist,“ betont die Rechtsextremismusexpertin. Wirksamer sei es, zu ergründen, warum Kinder überhaupt diskriminieren. Werden sie beispielsweise selbst ausgegrenzt? Das könne eigene Ressentiments nämlich verstärken.

Meron Mendel unterscheidet bei der Podiumsdiskussion Rassismus von Antisemitismus. Typisch für den Rassismus sei demnach die Herabsetzung einer bestimmten Gruppe aufgrund von ethnischen oder kulturellen Merkmalen. Antisemitismus wiederum gehe einher mit der Annahme, dass die Anhänger des jüdischen Glaubens übermächtig seien: „Ihnen wird unterstellt, die Belange der Welt im Verborgenen zu lenken.“ Interessanterweise gibt es, wenngleich Mendel es nicht erwähnt, ein ähnliches Phänomen auch bei antimuslimischen Ressentiments. Islamgläubigen wird dabei vorgeworfen, die Kontrolle über westliche Länder übernehmen zu wollen – indem sie beispielsweise mithilfe von zahlreichem Nachwuchs versuchten, die Überhand in der Bevölkerung zu gewinnen.

Verschwörungstheorien begleiten den Antisemitismus übrigens in all seinen Ausprägungen. „In jedem Milieu gibt es aber unterschiedliche antijüdische Narrative“, wie Meron Mendel betont. Bei der Debatte auf der Buchmesse vertiefen die beiden Gesprächspartner vor allem die Judenfeindschaft der neuen Rechten und – ohne zu pauschalisieren – die Ressentiments einiger muslimischer Mitbürger. Der Autor betont dabei: „Die meiste Gewalt gegen Juden geht noch immer von Rechten aus. Und nur weil rechte Politiker mit dem Staat Israel sympathisieren, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht trotzdem antisemitische Positionen vertreten.“ Gleichzeitig seien Kritiker der israelischen Regierung nicht automatisch antisemitisch: „Auf die Art der Kritik kommt es an. Wird mit doppeltem Maßstab gemessen, ist die Kritik antisemitisch. “ Forderten Leute also etwa, dass sich der Staat Israel auflösen solle – während das von keiner anderen Nation gefordert würde – sei dies eine typisch antisemitische Position.

Heike Radvan warnt dann auch vor Geschichtsrelativierung. Als ein Zuhörer darauf besteht, dass man die Verbrechen der Nazis durchaus mit den Geschehnissen im heutigen Israel vergleichen könne, entgegnet die Wissenschaftlerin: „Im Dritten Reich wurde gezielt eine Gruppe von Menschen industriemäßig getötet. Israel ist immer noch eine Demokratie mit einer kritischen Opposition.“

Manch eine Zuschauerfrage unterstreicht somit auf traurige Weise die Brisanz des bis dahin recht theoretisch gehaltenen Gesprächs. Als ein Besucher am Ende bemängelt, dass immer nur über Antisemitismus, nie aber über „Deutschenfeindlichkeit“ debattiert werde, räumt er damit alle eingangs genannten Zweifel über die Bedeutung des Themas „Judenfeindschaft heute“ aus dem Weg.

Cindy Riechau

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16 Lesermeinungen

  1. An der bürgerlichen Doppelmoral hat sich nicht geändert
    Die Politik selbst befruchtet durch gewollte Ungenauigkeit Ängste!
    Was hindert Merkel Und Seehofer klar eine auch semantisch deutliche Trennung zwischen Aysl (dem obersten Gebot unseres geschichtlich verpflichtetem Staat) erkennen zu lasssen und es von Einwanderung (über eine Einwanderungsgesetz) scharf zu trennen!
    Die dauerhafte sprachliche „Untergrenze des Erträglichen“ in politischen Diskussionen führt zu willendlichen Vermengung. Das ist der Nährboden den man auch nicht durch Appelle an die politische „Aufrichtigkeit“ der Wähler wieder auflösen kann.
    Wer klar Zuwanderungskriterien vorgibt, beugt auch dem Missbrauch von Aysl vor. Und nur so ist der Boden den ewig gestrigen zu entziehen.
    Einweiter Punkt ist nicht die Schulische „Erziehung“ sondern die Reduzierung der Klassenstärke die bei höherem Migrantenhintergrund in der Kleinheit eine bessere Gemeinschaft ergibt. Damit wächts die Zusammengehörigkeit über alle Unterschied weit mehr. Dafür braucht es Geld,nicht nu

  2. Rassismus
    Der Begriff „Rassismus“ wird auch hier aufgeweicht, inflationiert und damit wertlos. Antisemitismus ist Rassismus, ohne Zweifel.
    Aber Rassismus ist NUR die Herabsetzung einer bestimmten Gruppe aufgrund von ethnischen Merkmalen. Keineswegs aufgrund von kulturellen.
    Wer seine Religion wechselt, wechselt nicht seine Rasse.
    Noch indifferenter ist die Rassismusdefinition der Linken (Amadeu-Antonio): Rassismus sei jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. So ein weiter Rassismusbegriff erleichtert es zwar , in Sprechchören jeden Beliebigen als Rassisten zu beschimpfen. Aber wenn man das durchdenkt, kommt man zu dem Schluss, dass nach solcher Definition auch die Gegnerschaft zum IS reiner Rassismus sei.

  3. Gefahr quantifizieren
    Was genau ist daran gefährlich, wenn wir ein Thema aus der Vergangenheit aus dem täglichen Bewusstsein in die Geschichtsbücher verbannen? In keinem unserer Nachbarländer gibt es diese Erinnerungskultur und dennoch sind Juden dort nicht der Gefahr eines neuen Holocausts ausgesetzt. Warum sollten Deutsche einen Sonderfall darstellen?

    Ich denke auch, dass es keinesfalls unplausibel ist, dass gerade der Erinnerungskult Ressentiments schürt. Man sollte sehr vorsichtig sein Leuten einen Vorwurf für etwas zu machen, was passierte als ihre Großeltern noch nicht gezeugt waren.

    Und überhaupt habe ich nicht den Eindruck, dass die Judenfeindlichkeit in Deutschland maßgeblich von Rechts ausgeht. Die Rechten sind gerade viel stärker mit dem Islam beschäftigt. Wenn ich an Judenfeindlichkeit denke denke ich an die Al-Quds-Kundgebung und verwandte Kommentare der Abgeordneten der Linkspartei.

  4. Rechtsstaat?!
    Die Problematik ist noch vielschichtiger als vorgestellt. Heike Radvan wird wie folgt zitiert: „Im Dritten Reich wurde gezielt eine Gruppe von Menschen industriemäßig getötet. Israel ist immer noch eine Demokratie mit einer kritischen Opposition.“ Der erste Satz ist leider eine „Demokratie mit einer kritischen Opposition“ (das ist Israel tatsächlich) vor der Begehung von Unrecht gefeit? Gerade auch die Politik des Staates Israel zeigt eine erschreckende Rechts- und Friedensfeindschaft. Dagegen hilft nicht Demokratie, sondern nur sehr zutreffend. Aber was soll der zweite? Seit wann ist Rechtsstaat. In der Wahrung des Rechts aber ist Israel kein Vorbild. – Und abschließend: Warum soll nicht über Deutschenfeindschaft gesprochen werden dürfen?

  5. Wir sind Opfer
    Wir, d.h. meine Familie (unglücklicherweise blond…), sind bisher zweimal Opfer von Deutschfeindlichkeit geworden. Sind wir Antisemiten, wenn wir das erzählen? Sind wir dann keine Antisemiten mehr, wenn wir beiläufig unsere jüdischen Vorfahren erwähnen und andere Vorfahren, die wegen ihrer politischen Gesinnung unter der Naziherrschaft gelitten haben?

    Nein, der letzte Satz Ihres Blogs ist krank, auch im mathematischen Sinn, weil es einen „Beweis durch Beispiel” versucht. Was der fragenden Person tatsächlich vorzuwerfen ist, das ist Ablenkung vom Thema oder „what-about-ism“. Das hätte als Kritik völlig ausgereicht, statt eines globalen, blinden Rundumschlags.

    Im übrigen (i.S.v. „übrigens”, also adverbial, kein Substantiv) gibt es kein „Überhand gewinnen“. Da ist Ihrer Autorin etwas durcheinandergeraten. Vielleicht meinte sie „Überzahl“ oder „oberhand“? Es gibt dagegen „überhandnehmen“. Und das in einem Literaturblog…

    🙁

  6. Korrektur des verstümmelten Textes
    Die Problematik ist noch vielschichtiger als vorgestellt. Heike Radvan wird wie folgt zitiert: „Im Dritten Reich wurde gezielt eine Gruppe von Menschen industriemäßig getötet. Israel ist immer noch eine Demokratie mit einer kritischen Opposition.“ Der erste Satz ist leider sehr zutreffend. Aber was soll der zweite? Seit wann ist eine „Demokratie mit einer kritischen Opposition“ (das ist Israel tatsächlich) vor der Begehung von Unrecht gefeit? Gerade auch die Politik des Staates Israel zeigt eine erschreckende Rechts- und Friedensfeindschaft. Dagegen hilft nicht Demokratie, sondern nur Rechtsstaat. In der Wahrung des Rechts aber ist Israel kein Vorbild. – Und abschließend: Warum soll nicht über Deutschenfeindschaft gesprochen werden dürfen?

  7. Zur aktuellen Begriffsdefinition und ein paar Fragen
    „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“
    Empfehle die weiteren Ausführungen auf der Website des Auswärtigen Amtes. Darüber hinaus möchte ich an den Antisemitismus der in Deutschland sich aufenthaltenden Personen aus den Maghreb-Staaten und dem Nahen Osten, die mit der Antifa durch Berlin marschieren und „Juden ins Gas skandieren“. Warum wird dieser Komplex nicht genauso thematisiert? UND: Der Beitrag zieht nicht mal das Problem in Erwägung, das mit den Schülern moslemischen Glaubens und mit entsprechendem Migrationshintergrund verbunden sind, die sich eindeutig antisemitisch in der Schule äu

    • Vielen Dank Herr Mühl, dass Sie diese Seite beleuchten.
      Antisemitismus geht eben nicht nur von Rechts aus, sondern von den Gruppierungen die sie benannt haben und auch von den Linken, die allerlei Behauptungen in die Welt streuen, wie z.B., dass Israel Flüsse vergiftet usw.. Diese Aussagen sind an den Haaren herbeigezogen und können von diesen Personen nie mit Fakten untermauert werden.

  8. Sehr selbstgerecht, sehr überheblich
    Wer ständig nur andere bezichtigt, wer aus dem eigenen Selbstmitleid eine Pseudoreligion macht und mit dick aufgetragenem Pathos das Publikum belästigt, hat kein Recht sich als Warner, Mahner und Volkserzieher aufzuführen. Der Ruf nach dem Schlussstrich gilt nicht dem Thema, es gilt den Allüren und der Doppelbödigkeit: Was ein Leo Trotzki mit einem jüdisch dominierten Gewaltapparat den Menschen angetan hat, verdient ein ehrliches Gedenken. Das Lob „Weltmeister der Erinnerungskultur“ sollte auch der jüdischen Welt zuteil werden – uneingeschränkt.

  9. Tut mir leid, ich finde diese stereotypen Hinweise über Antisemitismus ...
    … in Deutschland nur noch peinlich. Ich kann beim besten Willen keine Judenfeindlichkeit erkennen, befürchte allerdings, dass diese gebetsmühlenhaften Vorwürfe dazu führen könnten.

  10. Vor allem bei Gesprächen mit älteren Deutschen...
    also solchen, die den WW2 als Kinder noch miterlebt haben, findet man sehr oft bemerkenswerte Einstellungen zum Holocaust. Die meinen, man sollte endlich aufhören mit dem schlechten Gewissen. Da kommen solche Erklärungen, dass die Juden auch zuvor schon immer und überall schlecht angesehen gewesen seien, weil sie als Pfandleiher andere übers Ohr gehauen hätten. Den Einwand, dass Juden daran gehindert wurden, einen „anständigen“ Beruf auszuüben, um die Familie ernähren zu können, wischt man beiseite. Ach, und schließlich hätten die Amerikaner ja auch lange Sklaverei mit Schwarzen betrieben. Und die Deutschen hätten ja schließlich auch garnichts gewusst von Konzentrationslagern. Die Widersprüche, in die sich diese Leute verwickeln, erkennen sie überhaupt nicht. Man kann nur hoffen, dass die Kinder und Enkel solcher Deutschen in unseren Schulen besser aufgeklärt werden und ihren Eltern und Großeltern kritische Fragen zu deren Einstellung stellen.

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