Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Der humanoide Lügendetektor will wissen: In welcher Hand ist das Bonbon?

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© Picture AllianceGleich werde ich dieses Bonbon verschwinden lassen. Sie werden sich wundern.

„Kein Gehirn ist vor ihm sicher“, heißt es herausfordernd in dem Showreel, das vor Tobias Heinemanns Auftritt auf der Buchmesse gezeigt wird. In dem Zusammenschnitt  seiner Fernseh-Auftritte wird ebenfalls erwähnt, dass er manchmal einen Sinn ausschaltet, um die übrigen zu schärfen. Und der ganze Rest, der so gesagt wird, wenn es um Magier, Illusionisten, Hypnotiseure oder Mentalisten geht, bleibt natürlich auch nicht unausgesprochen. Eine Stimmungsmache wie bei einer Show von David Copperfield oder zumindest Hans Klok – aber genau dafür ist das Publikum ja auch gekommen. Zahlreich und bereit, sehr, sehr clever zu sein, wenn Tobias Heinemann versucht sie – in guter alter Showmanship – zu verführen.

© Felix-Emeric Tota„Kommen Sie doch mal auf die Bühne.“

Doch Gott sei Dank kommt nach dem ganzen Bohei keine wild gesprayte Frisur und keine Las-Vegas-Jacke auf die Bühne, sondern ein Mann, der ein Buch geschrieben hat. „Entfessle dein Potenzial: Stärke deine Intuition für mehr Erfolg und Lebensqualität“, heißt es und gibt Tipps, wie man seine Mitmenschen manipuliert. Und Tobias Heinemann zeigt selbst, wie gut er mit Menschen umgehen, soll heißen: sie charmant hintergehen kann. Er macht den Test und bittet alle Anwesenden aufzustehen, und ihm nachzumachen, was er gerade erklärt: „Die Arme ausstrecken und den rechten Zeigefinger mit dem Daumen bitte zum festen Kreis machen und zum Kinn führen.“ Während er „Kinn“ sagt, zieht er seine Hand zur Schläfe und ein Großteil der Anwesenden macht es ihm nach. Daraufhin erklärt er, wie einfach es ist, durch nonverbale Signale Leute zu manipulieren – das Publikum klatscht, als hätte er der Schwerkraft getrotzt.

© Felix-Emeric TotaDer Mentalist zeigt seine Kunst: „In welcher Hand ist das Bonbon?“

Die Show geht weiter, das nächste Experiment wird süß. Er gibt einer Dame auf der Bühne ein Bonbon in die Hand und bittet sie, es in einer Hand zu verstecken. (Spoiler Alert!) Natürlich findet Heinemann bei allen drei Versuchen heraus, in welcher Hand sie es hielt. Um irgendwann die Schwierigkeit bei seinen Vorführungen zu steigern, schaltet er für die nächsten Nummern einen Sinn aus. Den Seh-Sinn. Es wurde ja schon so im Showreel angekündigt.

Dafür klebt er sich zwei Schweizer Franken mit Gaffer-Tape auf die Augen und knotet sich auch noch eine Augenbinde um den Kopf. Trotzdem findet Heinemann heraus, was der Herr auf der Bühne aus seiner Hosentasche gezogen hat (eine Gehörschutz-Schachtel) und mit welchem Gegenstand aus dem Publikum eine weitere Dame zurück auf die Bühne steigt: eine bunte Katzenmaske aus Plastik. Das Publikum klatscht wieder Applaus, als hätte Tobias Heinemann erneut der Schwerkraft getrotzt und diesmal auch noch unter Lasershow einen weißen Tiger aus dem Hut gezogen.

Ja, so was möchte man sehen, und ja, irgendwann fängt man an, das Publikum zu beobachten. Wie es vom Ehrgeiz gepackt wird, genau aufzupassen, nicht ertappt zu werden und sehr, sehr clever zu sein – um am Ende doch immer wieder scheitern. Und irgendwann stellt sich die Frage: Warum sind Menschen eigentlich so fasziniert davon, sehenden Auges ausgetrickst zu werden?

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1 Lesermeinung

  1. Wohl eher die versteckte Faszination ein "Wunder" erleben zu können...trotz besseren Wissen...
    und/aber gleichzeitig daraus folgernd das nötige Selbstbewußtsein zu besitzen um selbst nicht ausgetrickst werden zu können.

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