Literaturblog

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Unterwegs in den heiligen Hallen der Buchmesse 2017

Von Aha bis Uff: Wie man eine Geschichte erzählt

© dpaWas macht den Helden zum Helden? Martin Freeman als Hobbit.

Die Buchmesse ist – vielleicht mehr als andere Messen, auf denen sich alle irgendwie auf den Verkauf von Sanitärzubehör oder Weihnachtsdekoration einigen können – eine Messe der Paralleluniversen. Was auch daran liegt, dass Bücher mit ihrem Nimbus als Kulturgut diversen Diskursen ausgesetzt sind, was vielleicht weniger an den Büchern liegt als an den Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen. Gräben werden gezogen, Distinktionsdünkel vorgeworfen, Posen und Positionen eingenommen, die nur wenig mit dem zu tun haben, was man mit einem Buch gemeinhin tut, nämlich lesen. Oder mit dem, was getan werden muss, damit ein Buch entsteht, nämlich schreiben.

In Halle 3.0 traf sich an diesem Samstag erstens alles, was Flügelchen oder Elfenöhrchen hatte und zweitens die Selfpublisher. Und während das Schreiben in dem Universum, das den Diskurs über Gegenwartsliteratur bestimmt (Sie dürfen das jetzt gerne als Feuilleton bezeichnen, doch, doch), ein immer noch sehr hermetischer Prozess ist, der sich gut verborgen in dunklen Dichterköpfen abspielt, so spricht man am Book-on-Demand-Stand darüber wie über eine mathematische Gleichung mit einer Unbekannten: Manchmal bisschen knifflig, aber meistens doch lösbar.

© Andrea DienerVon Hm zu Uff: Olaf Bryan Wielk erklärt, was der Leser im Laufe seiner Lektüre idealerweise durchmacht.

Man nennt es dort der Einfachheit halber auch nicht „Schreiben“, sondern „Storytelling“, und dafür gibt es Schemata, Strukturen und Werkzeuge. Ein bisschen wie Hausbauen sei das, wobei ein Text aus vier Kernkomponenten besteht: Sprache beziehungsweise Stil und Bedeutungsebene, dazu kommen zwei strukturelle Komponenten, nämlich Figuren und Handlung. Die Figuren befinden sich zueinander in drei möglichen Konstellationen: Verbündete, Gegenspieler und Liebespaar. Ein „es ist kompliziert“ kennt die Welt des Storytelling offenbar nicht.

Außerdem braucht die Figur ein Problem, denn „Problemsolving ist ein Kernelement von Storytelling“. Doch, der nette Herr Wielk von der Firma beemgee, Spezialisten für Storytelling-Software, drückt es genau so aus und wirft dazu einen Haufen wirrer Grafiken an die Wand, die das Publikum sogleich abfotografiert. Demnach führt die emotionale Reise des Lesers durch das Buch von Hm? nach Uff, wohingegen die Handlung von Problem zu Wollen strebt, aber einen Haufen innerer und äußerer Hindernisse aufweist,  die im Idealfall mit möglichst hohen Risiken behaftet sind. Gleichzeitig sollte die Figur aber kräftig wollen, denn Anfänger machten oft den Fehler, dass ihre Figuren „nicht zu Potte kommen und keinen Drive haben“.

Sagen sie das mal der deutschen Gegenwartsliteratur mit ihren ganzen großstadtneurotischen Rumhängern im Ungefähren, denke ich ungefähr an dieser Stelle. Die zimmern eine Handlung daraus, zweihundert Seiten lang keinen Drive zu haben, und ich habe auch am Ende noch nie auch nur den leisesten Hauch eines Uff verspürt, wenn das apathische Ich es am Ende wenigstens schafft, sich ein Hobby zuzulegen oder am Meer steht und wieder ein bisschen was fühlt.

Wie schön wäre eine Buchmesse, in der diese Paralleluniversen behutsam aneinander herangeführt würden. Herr Wielk lernt, wie komplex Figurenbeziehungen sein können und dass es auch noch was anderes gibt als Problemsolving. Literaturkritiker lernen (zur Not auch mit wirren Grafiken), dass es nicht egal ist, wie und mit welchem Tempo eine Geschichte erzählt wird. Gegenwartsautoren lernen, dass es Leser gibt, die eine hohe Bereitschaft mitbringen, sich für etwas zu interessieren, und dass man die nicht ständig enttäuschen soll. Wohlfühlleser lernen, dass es auch Bücher gibt, die am Ende nicht gut ausgehen. Doch, jeder könnte so viel lernen, wenn er einfach konsequent die Veranstaltungen besuchen würde, die nicht für ihn bestimmt sind. Macht aber keiner, ist ja so kuschelig diesseits und jenseits des Grabens.

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