Literaturblog

Literaturblog

Die Frankfurter Buchmesse 2018

Prekärer Hustle in der Sahara

© ORFJury-Neuzugang Insa Wilke, energisch argumentierend

Wie fängt man einen Lesetag an, wenn die Klagenfurter Rede zur Literatur überraschenderweise furios ausfiel – weil man Feridun Zaimoglu eingeladen hat, der mit einiger Sprachgewalt Partei bezog gegen alle, die meinen, andere ausgrenzen zu müssen? Der gegen das vermeintlich so heimatliche Getümel anredete, das letztendlich doch nichts als ein Gewaltakt ist? Dass es die Lesenden danach nicht ganz leicht haben würden, das war abzusehen.

Der Wettbewerb begann mit einem Text, der wie für Klagenfurt gemacht schien und es vermutlich auch war. Die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer (Text) widmete sich in „Das Loch“ einer Stadt und den geographischen Verwerfungen darunter. Sie schickte einen Auffüllungstechniker in eine Kleinstadt, die aufgrund einer instabilen Bergwerksgrube einzustürzen droht, was einigen Anlass zur Verwendung interessant klingenden Fachvokabulars bietet, andererseits ein Metaphernfeld eröffnet, in dem die Erde immer wieder in die Nähe des menschlichen Körpers gerückt wurde. „Alle Männer sind Auffüllungstechniker“, stellte denn auch Jury-Neuzugang Nora Gomringer fest. (Nach diesem wunderbaren Kalauer sorgte in der zweiten Hälfte des Lesetages vor allem ihr Shirt für Aufmerksamkeit, das eng mit bunten Angela-Merkel-Konterfeis bedruckt war – und das ist nun gar nicht despektierlich gemeint.) Dazu kommt die geschichtliche Ebene, nämlich das Arbeitslager, das die Städter gerne vergessen würden, aber nicht können, solange das instabile Loch sie daran erinnert. Worin genau der Mehrwert des sprachlichen Aufwands bestehen soll, außer, dass das alles gut gemacht ist, war dann leider nicht plausibel. Trotz des miserablen ersten Startplatzes und des etwas zu glatten Textes könnte Edelbauer dennoch auf die Shortlist kommen.

Die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher konnte mit ihrem „Schnittmuster“ (Text) hingegen weniger überzeugen. Eine Tote erzählt hier, die zeit ihres Lebens dem Schweizer Quietismus nicht entkommen kann, eben dem Schnittmuster, den die Gesellschaft für die Schneiderin vorgesehen hat. Leider entkommt auch der Text dem nicht, obwohl sich am Ende eine unerwartete, kafkaeske Metamorphose vollzieht. Er phraselt allzu betulich vor sich hin, hangelt sich von einem Diminuitiv zum nächsten, inventarisiert die Acessoires des bürgerlichen Lebens (Satinwäsche, Tafelsiber) und verdeutlicht nicht die Enge und Dunkelheit, die einem solchen Leben innewohnt. Das ist sogar Jurymitglied Stefan Gmünder zu langsam.

Stefan Lohses Text muss man genau lesen. Sonst entgeht einem, dass hier zwei Jungs aus prekären Verhältnissen sich irgendwo zwischen dem Sandhaufen einer Investitionsruine – von den Anwohnern liebevoll Sahara genannt – und einer trostlosen Wohnsiedlung einander zart annähern. Einer der beiden identifiziert sich seit Schulzeiten mit Patrice Lumumba, dem kongolesischen Freiheitskämpfer, er wird sogar von seinen Freunden so genannt. Statt etwas über die Genese dieser Faszination zu erzählen, repetiert Lohse dann aber leider die Wikipediafakten, das man über Lumumba und seinen Kampf gegen die belgische Kolonialregierung überall nachlesen kann und zieht damit den Fokus weg von seinen Jungs hin zu unangenehm bildungshubernden Informationsbröckchen, die er dazu dann auch noch gefunden hat. Das stellt sein erzählerisches Unterfangen in ein ungutes Licht: Warum muss er die Kolonialgeschichte bemühen, um etwas über zwei deutsche Jungs in ihren spätpubertären Wirren zu vermitteln? Hätte es nicht gereicht, sich für seine Protagonisten zu interessieren und nicht so viel Expertentum auszustellen? Die Jury hingegen hat – Klaus Kastberger ausgenommen – wenig zu bemängeln. Das sei doch ein guter Eingang für eine größere Auseinandersetzung mit dem Thema, freut sich Insa Wilke, der zweite Neuzugang in diesem Jahr. Und damit liegt die Latte für literarisches Lob nun so niedrig, dass man für weitere Absenkungen den Spaten braucht.

Mit einem Rätsel tritt Anna Stern (Text) an, nach Martina Clavadetscher bereits die zweite Autorin, die auf Einladung von Hildegard Keller ins Rennen geht. Eine Frau liegt in einer Klinik im schottischen Inverness schwanger im Koma, und an ihr Bett treten reihenweise Besucher und reden zu ihr. Bald wird klar, dass sie allein in die Berge gewandert ist und ein Suchtrupp sie unter dem Flügel eines im Jahr 1951 abgestürzten Flugzeugs fand. Aber warum interessiert sich die Autorin dafür, und warum sollen wir uns dafür interessieren? Verschiedene Arten zu trauern führe sie hier vor, findet Insa Wilke auf der einen Seite, und Stefan Gmünder glaubt, der Text würde zum Opfer seiner eigenen Diskretion. Selten war die Jury so ratlos.

Ins heftige Debattieren geriet sie dann noch einmal über den letzten Text des ersten Tages. Joshua Groß (Text) liest auf Einladung Insa Wilkes. Er ist einer der jungen Autoren des ebenso jungen Korbinian-Verlages und fiel zuletzt mit dem schönen Titel „Flauschkontraste“ auf, der dem Klagenfurttitel „Flexen in Miami“ um nichts nachsteht. Titel kann er also, aber Texte? Ein junger Mann wohnt in Miami einem Basketballspiel bei, denn er tappt in die Falle des „prekären Hustle“, den ihm seine Eltern vorgelebt haben, obwohl er eigentlich auf der Suche nach Mystik und Existenzialismus ist, was immer er sich darunter vorstellt. Er feiert dann mit Claire, Charlotte kotzt ihm aufs Hemd, er denkt an einen Satz von Wolfgang Borchert, so haben alle was zu tun. Claire redet über BSE und alle fahren im Taxi nach Hause. Tja. „Der Sound“, „der Groove“, freut sich Hildegard Keller sogleich, Hubert Winkels diagnostiziert eine Schwere, die da sei, und meint anscheinend eine Leif-Randteske Unheimlichkeit unter der vollgestellten Oberfläche. Insa Wilke jubelt, dass man genau diesen Text im Jahr 2099 in Schulbüchern lesen werde, während Nora Gomringer als bekennende „schwerfällige Traditionalistin“ skeptisch ist. Es gibt immer wieder diese Klagenfurt-Texte, die sich mit Zeitgenossentum möblieren, die mit Aktualitäts-Buzzwords um sich feuern, bei denen einzelne Juroren jubelnd von Welthaltigkeit schwadronieren und davon, wie heutig das sei, wenn da Drogen und Mobiltelefone vorkommen. Man möchte solche Juroren dann immer gern an die Hand nehmen und behutsam in die blinkende, bunte Welt des gegenwärtigen Internetzeitalters führen. Und ihnen erklären, dass es manchmal ehrlicher ist, sich in Kenntnis all dessen als Traditionalistin zu fühlen, statt die Wunderwelt der Gegenwart von ferne zu bestaunen und vorsorglich schon einmal als ästhetisch relevant einzustufen.

Morgen lesen wir uns wieder – nach einem zweiten, hoffentlich erfreulicheren Wettbewerbstag.