Literaturblog

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Die Frankfurter Buchmesse 2018

Räuberpistolen aus der Arbeiterkneipe

| 1 Lesermeinung

© ORFÜberzeugte die Jury am dritten Lesetag: Özlem Özgül Dündars Mütterchor.

Vier Autoren haben den Lesetag am Samstag bestritten, eine echte Favoritin war dabei. Özlem Özgül Dündars vielstimmiger Solinger Mütterchor (Text) berichtet atmosphärisch dicht – ich benutze diesen Begriff nicht leichtfertig, hier aber ist er angebracht – vom Brandanschlag in Solingen vor 25 Jahren. Neben den Müttern, die das niedergebrannte Haus bewohnten, schaut er auch in den Kopf einer Tätermutter und stellt die Frage, was diesen Frauen gemeinsam ist und wie ein Weiterleben unter diesen Bedingungen möglich sein kann. Dündar bleibt dabei ihrer Perspektive der inneren Monologe treu und gerät nicht ins Berichten, deshalb geht dem Text erfreulicherweise alle Holzhammerhaftigkeit ab. Lesen lässt er sich aufgrund seiner durchgehenden Kleinschreibung und dem Verzicht auf Zeichensetzung nicht ganz leicht, man muss sich schon genau konzentrieren – oder ihn sich von der Autorin vorlesen lassen. Dass sich der Text seinem Zentrum, eben dem Brandanschlag, nur langsam nähere, sei ein enormer Gewinn beim Lesen, konstatiert Juror Klaus Kastberger. Die meisten Jurymitglieder schlossen sich seinem Lob an, nur Michael Wiederstein war Dündars Text zu explizit. Doch auch gegen Wiedersteins Widerstand wird „und ich brenne“ morgen sicherlich mit einem Preis bedacht werden.

Die anderen drei Kandidaten wirkten im Vergleich deutlich schwächer. Jakob Nolte eröffnete den Morgen mit dem „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“ (Text) – die rätselhaft ereignislose Schilderung eines Mexikoaufenthaltes mit reichlich Naturgeflimmer und einer Figur, die sich selbst beim Denken beobachtet. Nachdem man jahrelang die männliche schreibende Jugend am liebsten vor zu hemmungsloser, zu früher Thomas-Bernhard-Lektüre bewahren wollte, muss man den Jungs jetzt die Kracht-Bücher wegnehmen, so scheint’s. Es handele sich um das Tagebuch einer Selbstvergewisserung, erklärt sogleich Stefan Gmünder, Wilke vermutet eine grundsätzlich poetologische Intention und lobt „einige tolle Formulierungen“. Der mache doch nur Fehler, der Autor, so dagegen Winkels, das sei eben nicht schön und richtig erzählt, das dekonstruiere die klassische Erzählung. Damit bekräftigt er Wilkes Poetologiethese, ihr im Befund widersprechend, aber immerhin haben sich die beiden nicht im Text verlaufen wie Hildegard Keller, sondern die Ahnung, dass es nur um was ganz Großes gehen kann. Ein romantisches Großereignis sei das, so Winkels, Nora Gomringer dagegen findet Noltes Text eitel. Am Ende dieses fiktiven Tagebuches fahren die Erzählerin und ihre Begleiterin in die Mangroven und freuen sich: „ein einmaliges Erlebnis“ sei das. Eventuell gibt dieser fürchterliche Reisekatalogsatz einen Hinweis, in welche sprachdekonstruierende Richtung der Autor gedacht haben mag, allein, er tat es nicht sonderlich konsequent.

Immer, wenn man sich fragt, was um Himmels Willen man da gerade wieder gehört hat, kommt die Jury daher und erklärt, dass das jetzt witzig sein sollte. Kann man bitte einmal eine Kapazität wie Hans Mentz mit einer grundlegenden Humorschulung der deutschen Literaturkritik betrauen, möchte man seufzen, beugt sich also über die nächsten beiden Texte und schaut, was es da zu kichern geben soll. Stephan Groetzner (Text) verrührt in „DESTINATION:AUSTRIA“ irgendwie Moldawien, Österreich, die Wahl zur moldawischen Hanfkönigin und eine realexistierende steirische Weltmaschine zu etwas, von dem man dann auch nicht so genau weiß, aber immerhin klingt es lustig. Mit ein wenig gutem Willen lässt sich aus der Hanfköniginnenwahl eine Parabel auf die Bachmann-Lesesituation konstruieren, alle sind also entsprechend amüsiert, nur Klaus Kastberger ist genervt: Diese superlustigen Österreichklischees hat man doch nun wirklich schon hundertmal gehört, herrje. Witzischkeit kennt halt doch Grenzen, aber leider wirklich kein Pardon.

Der Frankfurter Autor Lennardt Loß macht leider den Fehler, in seinem Vorstellungsvideo zu erzählen, dass er, der er sonst dauernd unter Akademikern abhängt, zwecks Themenfindung ganz gerne in so richtig echte Arbeiterkneipen geht, in denen abgehalfterte Boxer herumhängen und ihm ein paar Geschichten mit Dreck unter den Nägeln liefern. Um Himmels Willen, was kommt jetzt? Jetzt kommt „Der Himmel über A9“ (Text), eine lustige Kolportage, die einen vermuten lässt, dass die echten Arbeiterkneipenabhänger dem Bub ein paar ganz schöne Räuberpistolen reingedrückt haben. Es geht grob um einen alten RAF-Bombenbauer, der unter falschem Namen als Zahntechniker lebt und auf einem Pazifikflug auf dem Weg nach Buenos Aires abstürzt, wo er einen Tierarzt hätte treffen sollen, der ihm eine Polizeikugel aus dem Bauch operieren sollte, die dort seit 17 Jahren steckt. Ja, gut. Eine paranoide Flugzeugangstphantasie sei das, so Hubert Winkels, nur dass dem Todesnahen nicht nur die eigene Lebensgeschichte, sondern gleich die der ganzen Bundesrepublik durch die Birne rauscht. Das sei eben eine Burleske, die sich ungehindert ausbreiten dürfe, das wolle gar keine plausible Geschichte erzählen. Schon zum zweiten Mal an diesem Lesetag diagnostiziert Winkels gewollte Scheußlichkeit, ums große, ganze Poetologische Willen. Man fragt sich. Und zum zweiten Mal ist es Klaus Kastberger, der den Partyschreck gibt und das jetzt einfach nicht witzig findet. Man dankt ihm im Stillen. Auch dafür, Bov Bjerg eingeladen zu haben, dessen Text ohne Fallen, Inversionen und Taschenspielertricks auskommt.

Morgen früh wird die Jury eine Shortlist aus sieben Autoren ausgewählt haben, auf der sich mit ziemlicher Sicherheit die Namen Bjerg, Maljartschuk und Dündar finden.


1 Lesermeinung

  1. Politisch korrekt
    Ich kenne die Texte nicht, unmöglich also sich darüber auszubreiten. Nur eines fällt auf. In den letzten Jahren ist kein einziger Text positiv in den Medien bewertet worden, der thematisch im Widerspruch zur bestehenden Ideologie steht. Nun könnte man sagen, es wurde kein solcher brauchbarer Text geschrieben. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass politisch gesiebt wird. Wenn Bernhard und Kracht zum Abfall geworfen werden, bleibt von der Literatur der letzten 30 Jahre nicht mehr viel übrig. Die Achtundsechziger forderten eine Unterordnung der Literatur unter politische Belange, nach stalinistischem Vorbild. Genau das ist jetzt Mainstream. Eine gefährliche Entwicklung.

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