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Der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt 2018

Ukrainische Frösche und türkische Mütter

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© ORFDie 42. Bachmann-Preisträgerin: Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk

„Der Bachmannpreis steht in ruhigem Fahrwasser“, sagte Juryvorsitzender Hubert Winkels in seiner Abschlussrede, „auch wenn es die Medien gern etwas aufgeregter hätten“. Da reizt es einen als Medium natürlich, sogleich zu widersprechen: Dass der Fortbestand des Bachmannpreises, nicht zuletzt auch durch das Engagement des Deutschlandfunks, gesichert ist, ist eine rundum gute Sache. Diese Art von Aufregung braucht niemand. Aber etwas aufregendere Texte wären ganz nett.

Dass Tanja Maljartschuk, Bov Bjerg und Özlem Özgül Dündar die Sache unter sich ausmachen würden, war abzusehen, denn danach wurde es arg dünn. Joshua Groß befand sich noch auf der Shortlist, Ally Klein mit ihrer von der Jury nicht als solche erkannten Panikattacke in Textform, außerdem Anna Stern und die einzige Österreicherin in diesem Jahr, Raphaela Edelbauer. Stefan Lohse fehlte ebenso wie Stephan Groetzner, über den sich alle – Klaus Kastberger ausgenommen – so einhellig amüsiert hatten, aber Amüsement scheint dann doch nicht preiswürdig zu sein.

Gut, die Reihenfolge unter den Favoriten war noch nicht sicher. Überraschend klar setzte sich Tanja Maljartschuk mit ihrer klassisch erzählten Geschichte „Frösche im Meer“ durch: Sie darf mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und 25.000 Euro nach Hause gehen. Bov Bjerg erhält für seine Vater-Sohn-Erzählung „Serpentinen“ den Deutschlandfunk-Preis, der mit 12.500 Euro dotiert ist, und nach einer Zitterpartie setzte sich Dündar mit „und ich brenne“ gegen Joshua Groß und seinen Post-Pop-Text „Flexen in Miami“ für den Kelag-Preis durch. Warum Groß eine so große Lobby in der Jury hatte, ist schier unverständlich, warum Raphaela Edelbauer nach hinten durchgereicht wurde, ebenso. Den 3Sat-Preis nahm dann nicht sie, sondern Anna Stern für ihre seltsam ungeformte Unfallgeschichte „Warten auf Ava“ entgegen. So blieb es beim gemeinen Lesevolk, den Rest zu richten: Der Publikumspreis ging an Edelbauer und ihren etwas zu glatten, aber gut gearbeiteten Text „Das Loch“.

© ORFVon null auf hundert: Jurorin Insa Wilke

Trotz zweier neuer Gesichter blieb auch die Jury in ruhigem Fahrwasser. Insa Wilke, eine der Neuzugänge, setzte sich recht vehement für ihre Favoriten ein. Sie wurde auf der Website Literaturcafe.de in diesem Jahr zum beliebtesten Jurymitglied gewählt – quasi von null auf eins. Mit Nora Gomringer ist endlich auch wieder eine Autorin in der Jury vertreten, was der Sache guttut. Man möchte den übertragenden Fernsehsendern am liebsten einen Multistream mit NoraCam vorschlagen, denn ihr Gesicht sprach oft Bände und hatte den größten Schauwert im Studio. Verbal ließ sie sich zu oft das Wort abschneiden, was schade war. Frau Gomringer, nächstes Jahr bitte lauter!

Es klafft eine seltsame Lücke zwischen Texten, die sehr konventionell und glatt gearbeitet sind und jenen, die man am liebsten noch einmal einem Lektor vorlegen würde. Hat es die Jury wirklich so oft nötig, öde, aber wackelige Konfektionsware als großes Formexperiment zu verkaufen? Und ist wirklich jeder Text, in dem ein Mond vorkommt, ein romantisches Großereignis? Aber die Tradition, über die Textauswahl zu lamentieren, ist jahrzehntealt wie der Bewerb selbst – und jeder Kritiker ist auf seine eigene Weise mit der Auswahl unglücklich. Sonst hätte man ja auch gar keinen Gesprächsstoff beim Spritzer am Lendhafen.


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