Literaturblog

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Die Frankfurter Buchmesse 2018

Raus aus dem Elfenbeinturm!

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© EPAChimamanda Ngozi Adichie wird flankiert von Juergen Boos (links) und Heinrich Riethmüller

Wenn man ein paar hundert Leute in einen Pavillon, Verzeihung, einen Pavilion (englisch auszusprechen!) packt, wird es doch automatisch warm, oder? Auch im Oktober! Irrtum. Für eine Heizung hätte es beim neuen Frankfurt Pavilion, in dem die Pressekonferenz zur Eröffnung der Buchmesse stattfand, schon noch reichen können. Aber Buchmessen-Direktor Juergen Boos und Heinrich Riethmüller, Chef des Börsenvereins, wählten einen anderen Weg, um die Menschen zu erhitzen: Sie wurden politisch.

Das kam durchaus überraschend, denn die Politik überlassen sie meist dem Gastredner oder der Gastrednerin, in diesem Jahr die vielfach preisgekrönte nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Boos und Riethmüller selbst verlegten sich in der Vergangenheit häufig darauf zu erörtern, warum Menschen lesen sollten, was an Büchern so besonders sei, warum es der Buchbranche eigentlich gar nicht so schlecht ginge und was man nun alles tun werde, um mehr Leser zu gewinnen. Das taten sie 2018 auch. Aber viel mehr Platz räumten sie einem ganz anderen Thema ein: Der Kampagne „I’m on the same page“ (im übertragenen Sinne: Ich bin der gleichen Meinung), die Menschenrechte in den Mittelpunkt rückt.

Riethmüller forderte nachdrücklich die Freilassung aller Autoren, Journalisten, Kulturschaffenden und anderen politischen Gefangenen in der Türkei. Boos kritisierte das „bedenkliche allgemeine Erregungsniveau“, das sich auch in den Titeln aktueller politischer Sachbücher niederschlage. Er sprach von alltäglicher Diskriminierung und von Rassismus und sendete eine klare Botschaft an die rechten Verlage auf der Messe: „Wer unsere Bühne missbraucht, um Meinungen zu vertreten, die die Freiheit anderer einschränken wollen, dem treten wir entgegen.“ Der Kampf gegen nationalistische Gruppierungen sei eine Aufgabe, die die Anhänger aller anderen Überzeugungen vereinen sollte.

Das ist eine deutliche Positionierung nach den Vorwürfen des vergangenen Jahres. Die Buchmesse hatte nicht zum ersten Mal die linken und rechten Verlage im gleichen Gang plaziert, wo es 2017 aber erstmals zu Beschimpfungen und Tätlichkeiten kam. Die Vorfälle machten Schlagzeilen, und der Buchmesse wurde vorgeworfen, unbedacht gehandelt zu haben. Nun wurden die rechten Verlage in eine Sackgasse verbannt und öffentlich gewarnt.

Bei der Gastrednerin Chimamanda Ngozi Adichie ging es ebenfalls um Menschenrechte – aber vor allem um Frauenrechte. Die Autorin von „Americanah“, „We should all be Feminists“ und „Blauer Hibiskus“ berichtete von einem Priester in ihrer nigerianischen Heimatgemeinde, der Frauen jeden Alters wegen zu kurzer Ärmel aus der Kirche verbannte. „Und warum? Um Männer vor sich selbst zu schützen.“ Sie habe das damals in einem Artikel öffentlich gemacht und habe zur Reaktion bekommen, sie solle den Mund halten und einen Mann der Kirche nicht zu kritisieren. Beide Ereignisse kennzeichneten den Drang, Frauen zu kontrollieren, erklärte sie. Adichie gilt als feministische Ikone und bekommt in diesen Tagen den PEN Pinter Prize verliehen. Ihre begeistert beklatschte Rede, ja schon ihre Anwesenheit vervollständigte eine Eröffnung, die weit über den Tellerrand der Branche hinaus blickte. Das könnte tatsächlich eine Lösung für die ständig von Langeweile bedrohte Buchmesse sein: weniger um sich selbst zu kreisen und mehr Haltung zuzulassen.


5 Lesermeinungen

  1. Für Meinungsfreiheit
    Wenn Herr Boos das „bedenkliche allgemeine Erregungsniveau“ aktueller politischer Sachbücher kritisiert, was meint er damit? Die zahlreiche Antifa-Literatur, die überall Rassismus wittert und Hitlers Wiederauferstehung grellfarbig an die Wand malt? Richtig ist es auf alle Fälle, Meinungen entgegenzutreten, die die Freiheit anderer einschränken wollen. Die letztjährigen Angriffe auf die Messestände rechter Verlage waren ein Menetekel.

  2. Freiheit.
    Bedeutet ein Rechtsstaat nicht automatisch die Einschränkung der Freiheit, weil die eigene Freiheit dort enden muss, wo die der anderen beginnt?

  3. Besteht die Möglichkeit
    … dass irgendwann mal ein Deutscher auf der Frankfurter Buchmesse geehrt wird?

  4. Weiter so!
    Im „Kampf gegen nationalistische Gruppierungen“ (sic) werden keine Helden, sondern opportunistische Würstchen geboren. Weiter so!

  5. Dann wissen wir ja dass der Verein auf der "guten" Seite steht...
    …und können uns die Messe selber sparen !

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