Literaturblog

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Die Frankfurter Buchmesse 2018

Nach dem Boom

Die Diskussionsrunde „Los novíssimos: Neue Literatur aus Lateinamerika“ bei der Suche nach gemeinsamen Nennern.

Gleich fünf Autoren sollten im Frankfurt-Pavillon innerhalb einer halben Stunde über gegenwärtige literarische Stimmen aus Lateinamerika unterhalten: Geovani Martins, Antonio Ortuño, Mike Wilson, Ariana Harwicz und Pilar Quintana. Ein Gespräch, hieß es in der Ankündigung. Daraus wurde ein Speed-Dating. Moderatorin Corinna Santa Cruz, die als Lektorin und Übersetzerin für Suhrkamp arbeitet, konnte jedem Autoren gerade zwei, drei Fragen stellen. Zum Beispiel: Wo steht die Literatur Lateinamerikas 50 Jahre nach dem Boom? Und: Gibt es das überhaupt noch, die eine lateinamerikanische Literatur?

Kann als gemeinsamer Nenner herhalten, dass die Autoren weit verzweigte Wurzeln haben? Antonio Ortuño mexikanisch-spanische, Mike Wilson chilenisch-argentinisch-amerikanische und Ariana Harwicz argentinisch-französische (jedenfalls lebt sie seit einiger Zeit in Paris). „Ich finde es sehr interessant, aus der Perspektive eines Ausländers schreiben“, sagt Harwicz. „Ich wohne in Frankreich, aber die argentinische Gewalterfahrung, die trage ich noch in mir – und meine Protagonisten ebenso.“

Womit wir bei einem klaren gemeinsamen Nenner wären. Auch für Antonio Ortuño ist Gewalt eines der zentralen Themen in seinen Werken. Seine Familie stammt ursprünglich aus Spanien und emigrierte im Spanischen Bürgerkrieg nach Mexiko. Für seine Großeltern, sagt er, sei Mexiko ein Ort des Friedens gewesen. Davon könne angesichts Tausender Desaparecidos, Verschwundenen, inzwischen keine Rede mehr sein. „Die Gewalterfahrungen sind sehr unterschiedlich“, sagt Ortuño. „In meinem persönlichen Fall kann ich nur sagen: Es ist mir unmöglich, nicht über Gewalt zu schreiben, lebe ich doch in einem Land, in dem Tausende gestorben und Tausende verschwunden sind.“

Für Pilar Quintana aus Kolumbien war der Anlass, Gewalt zu ihrem Thema zu machen, ein kurioses, verstörendes Ereignis. Als sie für ein paar Jahre im Regenwald lebte, sah sie eine Hündin, die tot auf dem Boden lag. Niemand kümmerte sich um den Kadaver. „Nach drei Tagen waren nur noch Knochen und Fell übrig. Da dachte ich: Der Regenwald ist der perfekte Ort für Verbrechen.“ „La Perra“ – die Hündin, heißt nun ihr Roman, der im vergangenen Jahr erschien.

Damit erschöpften sich dann aber die Gemeinsamkeiten. Die eine lateinamerikanische Literatur gibt es nicht mehr, wenn es sie überhaupt je gegeben hat. „Ich glaube, dass die lateinamerikanische Literatur sehr robust ist. Von einem einheitlichen Block aber kann man nicht sprechen“, sagt Ortuño. Es gebe sehr verschiedene Strömungen und interessante Autoren, doch nur wenige würden über Ländergrenzen hinweg gelesen. Das war ja das Besondere am Boom vor fünfzig Jahren, der die lateinamerikanische Literatur zum ersten Mal auch international ins Gespräch brachte. Autoren wie Carlos Fuentes, Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa und Gabriel García Márquez wurden durch ihn weltbekannt. Immerhin: Auch neue Autoren, die sich in ihrer Heimat einen Namen gemacht haben, werden nun für den europäischen Markt entdeckt und übersetzt.

Dem europäischen Leser dürfte auffallen, dass die Szene heute komplexer ist. Viele Autoren experimentieren mit der Sprache, die Themen sind sehr divers. „Es gibt eine solch gigantische Vielfalt von Lebensentwürfen und individuellen Erfahrungen“, sagt Ortuño. „Daher rührt der enorme Reichtum der lateinamerikanischen Literatur. Durch sie können wir die Komplexität Lateinamerikas entdecken.”

Der argentinische Schriftsteller Tomás Eloy Martínez hat einmal gesagt, dass die Autoren der Boomzeiten, Fuentes, Cortázar, Vargas Llosa, mehr in ihrer Sprache als in ihren jeweiligen Ländern gelebt hätten. Das unterscheidet sie von der Generation nach ihnen.

Tim Niendorf