Literaturblog

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Die Frankfurter Buchmesse 2018

Nichts mehr los heute

© Thomas Robbin/picture allianceDer Frankfurter Hof war früher der Treffpunkt aller Buchmessen-Gäste, die nach Mitternacht noch Energie übrig hatten.

Es soll ja diese legendären Partys im Frankfurter Hof gegeben haben, dem einzigen Hotel Frankfurts, das Touristen beim Vorbeigehen fotografieren, weil sie es für ein Gebäude halten, in dem Bedeutsames diskutiert und nicht nur Whiskey Sour getrunken wird. „Im weitläufigen Hotel feiern so viele Verlage, dass es im Foyer einen Wegweiser zu den Partys gibt“, schreib ein Kollege vor zehn Jahren. Ich stellte mir vor: Wie Daniel Kehlmann an der Bar lehnte und man mit Elke Heidenreich über Gin-Sorten streiten konnte. Wie Saša Stanišić einem etwas über Inspiration beim Schreiben verriet, ohne dass man in Herrn Unselds Wohnzimmer eingeladen sein musste.

Zugegeben: Die Voraussetzungen waren nach einem langen Messetag ohne Kaffeepause nicht optimal. Die Abendeinladungen fielen in meinem ersten Buchmessenjahr als Redakteurin ohnehin dürftig aus. Und dann die ständige Rede vom großen Partysterben. Früher war alles besser, berichteten die Feierveteranen, jeden Abend ein schillerndes Fest der Buchkultur, und wie bittersüß, die Kopfschmerzen am nächsten Morgen. Dieses Jahr fiel die Rowohltparty aus, beim Suhrkamp-Empfang war zeitig Schluss und die Gesichter auf der Messe sehen verdächtig frisch aus. Trotzdem beschließe ich, als es Abend wird und der Redaktionsflur dunkel, als sich die Kollegen zum Penguin-Empfang und all den anderen Veranstaltungen verabschieden, mein Glück zu versuchen.

Der Eingang des Frankfurter Hofs ist an diesem Abend von elegant gekleideten Menschen umstellt, die Englisch mit deutschem Akzent sprechen, sich Associates nennen und über die Erwähnung der Buchbranche nur milde lächeln. In der Autorenbar, einem schwach beleuchteten Raum mit ausladend dekorativen Sesseln, bekommt man einen Buchmessensnack (Currywurst mit Weißbrot für 9,50 Euro) günstiger als ein Glas Wein. Autoren sind nicht zu sehen, am Tisch nebenan geht es um Kim Kardashians Vermächtnis. Die Bedienung wiegt freundlich den Kopf. Nein, für heute sei nichts Besonderes mehr geplant.

Aus Saal 12 kommen immerhin Menschen. Das Get Together mit einer italienischen Autorin löst sich gerade auf, überall stehen halbvolle Weingläser. Reinschleichen ist kein Problem, aber Getränke werden nicht mehr angeboten und auch sonst ist die Stimmung wenig feierlich. Eine Frau mit wallendem Haar drückt den Gästen bunte Blütenaufkleber auf die Arme, als Metapher für die Hoffnung, die aus dem Roman spreche. Ob ich jetzt die Verlegerin kennenlernen wolle? Zeit, sich wieder in die Menge zu mischen. Dafür ist es aber viel zu leer. In einem Nebenzimmer fläzen zwei Jungs in weißen Hemden auf Sesseln. Sie warten auch darauf, dass irgendetwas passiert: „Später dann!“ Einer reckt den Daumen. Auf dem Weg nach draußen begegnen mir Mitarbeiter mit verschiedentlich geformten Kopfbedeckungen, die sich mit weißen Tüchern an den Scheiben der Eingangstür zu schaffen machen.

Wie nun die Zeit vertreiben? Vor dem Rathaus am Römer warten die Leute in Schlangen. Wolf Haas liest von Kindheitsverletzungen und zu viel Schokolade, seine wärmende Kaminzimmer-Stimme wird über Lautsprecher auf den Platz übertragen. Drinnen sitzt man dichtgedrängt und wagt kaum zu atmen, so wenig Luft ist übrig. Auf einem Biertisch stehen unberührt drei Flaschen Apfelwein. Jemand erzählt, dass im Bahnhofsviertel eine Digitalparty steigen soll, aber wo genau, weiß dann doch wieder keiner, und auf der Kaiserstraße geht jede Messefeier im alltäglichen Straßengelage unter. Ich bin kurz davor, den Abend im „Moseleck“ aufzugeben, aber dann meldet sich doch noch ein Kollege.

Der Kampa Verlag hat in die ZouZou Bar geladen. Davor stehen so viele Männer mit Bärten und kleinen, runden Brillengläsern, dass ungeladene Gäste nicht weiter auffallen, und überhaupt ist Kampa noch neu auf der Messe und freut sich über Gäste. Die Leiterin des Berliner Büros, Sophie Bunge, verteilt Aperol Spritz, die Frankfurter Jugend schiebt sich auf dem Weg zum Velvet-Club neugierig an den einträchtig unter der Straßenlaterne versammelten Buchmenschen vorbei, der Verleger Thomas Ganske lacht viel und zufrieden und Roman Pliske vom Mitteldeutschen Verlag fragt nach den jüngsten Skandalen. Großes Thema ist der Verlegerwechsel bei Rowohlt. Und natürlich das Partysterben. Hinter dem Mischpult steht ein blondgelockter DJ. Er ist der einzige Tänzer des Abends.

Später radle ich wieder am Frankfurter Hof vorbei. Vor der Tür warten 48 Taxis. Die Innenhof ist inzwischen voll, die Autorenbar auch, und am Eingang steht jetzt eine provisorische Bar, um die sich Frauen, deren Lippen in allen erdenklichen Rottönen schimmern, drängen. Wie auch die sorgfältig gekämmten Männer sind sie vor allem damit beschäftigt, sich nach allen Seiten umzusehen, ohne dabei Nackenschmerzen zu bekommen. Der Barkeeper verschenkt Champagner, damit die Flasche leer wird, und eine Suhrkamp-Lektorin erklärt mir, dass es natürlich ums Sehen und Gesehen werden geht.

Irgendwie also doch alles beim Alten.